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| 17:59 Uhr

Bildung
Vom Seiteneinsteiger zum Lückenbüßer

Mit Seiteneinsteigern hat Brandenburg gerade so den Lehrbetrieb gesichert. Jetzt werden viele von ihnen gekündigt und fühlen sich als Lückenbüßer.
Mit Seiteneinsteigern hat Brandenburg gerade so den Lehrbetrieb gesichert. Jetzt werden viele von ihnen gekündigt und fühlen sich als Lückenbüßer. FOTO: Bodo Schackow / dpa
Cottbus/Potsdam. Der Lehrermangel in Brandenburg zwingt Schulämter auf Seiteneinsteiger zurückzugreifen – das wird bis 2025 so bleiben. Von Jenny Theiler

Der Fachkräftemangel in den verschiedensten Branchen ist ein deutschlandweites Problem. Besonders betroffen ist längst nicht nur das Handwerk, sondern auch der Schulbetrieb. Laut einer Statistik haben im Jahr 2015 bundesweit rund 74 000 Lehrkräfte gefehlt. Neben den steigenden Schülerzahlen und zahlreichen Lehrern, die sich in den Ruhestand verabschieden, beeinflusst auch der Zuzug von geflüchteten Familien den desaströsen Mangelzustand an Lehrkräften.

Im Land Brandenburg macht sich der akute Lehrermangel vor allem im Bereich Sonder- und Förderpädagogik bemerkbar. Außerdem fehlen Lehrkräfte vor allem in Grund- und Oberschulen. In Oberstufenzentren und Gymnasien könne der Bedarf momentan noch gedeckt werden.

Frank Kramer, Personalratsvorsitzender des staatlichen Schulamtes Cottbus, sieht für die derzeitige Situation verschiedene Gründe und räumt große Irrtümer von Seiten der Behörden ein: „Die Prognosen bezüglich der künftigen Schülerzahlen waren einfach falsch. Mit dem Geburtenanstieg der vergangenen Jahre hat das Schulministerium nicht gerechnet.“

Zudem würde sich mittlerweile auch das Ausmaß der geburtenschwachen Jahrgänge der frühen 90er-Jahre auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen. „Demzufolge können die Lehramtsstudenten, die momentan in den Universitäten ausgebildet werden, den Bedarf an Lehrkräften einfach nicht decken“, so der Personalratsvorsitzende.

Um die schulischen Probleme, die aktuell gegeben sind, möglichst effektiv zu lösen, werden seit 2015 vermehrt Seiteneinsteiger als Lehrkräfte eingestellt. Die Idee, Akademiker und Fachkräfte in crashkursähnlichen Weiterbildungen für das Lehramt zu begeistern, geht zwar auf, löst das Problem aber dennoch nicht, wie auch Frank Kramer weiß: „Mit den Seiteneinsteigern können wir nicht mal die Hälfte des Bedarfs decken, den wir tatsächlich in Brandenburg haben.“ Dennoch werden die kurzfristig ausgebildeten Lehrer als wahrer Segen für den Schulbetrieb empfunden.

Die Lebenserfahrung und die fachlichen Kompetenzen, die die Seiteneinsteiger aus völlig anderen Bereichen mitbringen, seien laut Bildungsministerin Britta Ernst eine große Bereicherung für den Schuldienst. Doch auch um die wertvollen Seiteneinsteiger wird mittlerweile erbittert gekämpft. Da der Lehrermangel ein bundesweites Problem ist, versuchen viele Bundesländer, qualifiziertes Fachpersonal mit hohen Besoldungen und anderen Vergünstigungen abzuwerben.

„Ein wesentlicher Pluspunkt für Brandenburg ist die Aussicht auf Verbeamtung“, erklärt Frank Kramer. Seiteneinsteiger, die im Zuge der wachsenden Flüchtlingszahlen eingestellt wurden, erhielten allerdings Verträge, die auf zwei Jahre Lehrtätigkeit befristet sind – ohne Aussicht auf Verbeamtung. Nun soll das Seiteneinsteigerprogramm überarbeitet werden.

Was als Provisorium geplant war, wird deutlich länger Bestand haben als ursprünglich angenommen. „Man ist vor zwei Jahren von einem demografischen Echo ausgegangen“, erklärt Frank Kramer. „Die Extremsituation wurde damals nicht ernst genug genommen. Man hat angenommen, das sich die Notlage von allein wieder legen wird“, so der Personalratsvorsitzende.

Diese Annahme stellt sich jetzt als großer Irrtum heraus, denn die ursprüngliche Ausnahmesituation wird noch bis mindestens 2025 die Regel sein. „Mit dem kontinuierlichen Nachrücken ausgebildeter Lehrkräfte ist frühestens erst in sieben Jahren wieder zu rechnen“, erklärt Frank Kramer. Bis dahin muss das Land weiterhin auf Seiteneinsteiger zurückgreifen und vor allem unbefristete Arbeitsverträge anbieten. Zu diesem Zweck wird ab 1. Januar 2019 ein neuer Beschluss des staatlichen Schulamtes Cottbus über Beschäftigte ohne volle Lehrerausbildung in Kraft treten.

Eine Änderung, die vor allem bei derzeitigen Seiteneinsteigern für Empörung sorgt. Bisher waren die Veträge für Beschäftigte ohne volle Lehrerausbildung auf zwei Jahre ohne Aussicht auf Verlängerung befristet. Nun sollen alle Seiteneinsteiger Verträge mit 15-monatiger Befristung und Aussicht auf Verbeamtung erhalten – ein notwendiger Schritt, der aber den nach 2015 eingestellten Lehrkräften nicht mehr zugute kommen wird. Viele Verträge laufen in diesem Jahr aus und können, nach derzeitiger Gesetzeslage, nicht ohne triftigen Sachgrund – beispielsweise Krankheitsvertretung – verlängert werden.

Frank Kramer schätzt die Situation als katastrophal ein: „Wir verlieren durch die alten Verträge ausgezeichnete Fachkräfte, die vor zwei Jahren ihr Leben völlig umgekrempelt haben, um Lehrer zu werden und nun in die Arbeitslosigkeit geschickt werden.“ Den Wegfall der derzeitigen Lehrkräfte kann sich das Land Brandenburg bei Weitem nicht leisten. „Deswegen gilt es, die bestehenden Zweijahresverträge so schnell wie möglich noch zu entfristen“, erklärt Frank Kramer. Dafür setzen sich Schulämter und Schulleiter momentan ein. Dazu wird aktuell auch das Gespräch mit dem Bildungsministerium Brandenburg gesucht.

Dieser Schritt kommt aber für viele Lehrer-Kollegen wahrscheinlich zu spät. „Ich wurde vor zwei Jahren eingestellt und habe mir sämtliche Zusatzqualifikationen neben der Unterrichtstätigkeit angeeignet. Am Freitag, 13. April ist mein letzter Arbeitstag. Ich weiß nicht, wie ich meiner zehnten Klasse erklären soll, dass ich sie in der Prüfungsphase nicht unterstützen werde“, beklagt eine Lehrerin aus Guben die Situation – kein Einzelfall.

Viele Seiteneinsteiger beschweren sich außerdem über die schlechte Organisation des Seiteneinsteiger-Projektes, deren Auswirkungen jetzt erst deutlich werden. Es werde nicht ausreichend kommuniziert, welche Qualifizierungsangebote für Seiteneinsteiger möglich seien, und der Informationsfluss vonseiten des Bildungsministeriums sei unübersichtlich und stockend. So beklagen viele Seiteneinsteiger, verschiedene Ausschreibungen für notwendige Zusatzqualifikationen verpasst zu haben, weil sie zu spät oder gar nicht darüber informiert wurden.

Auch in dieser Sache werde sich demnächst einiges ändern müssen, erklärt Frank Kramer. Am Montag, 16. April, wird ein Beratungsgespräch mit allen vier Schulämtern stattfinden, bei dem der Verbleib besonders schwerwiegender Einzelfälle geklärt werden soll. „Die Kollegen, die den Schuldienst in den vergangenen zwei Jahren tatkräftig unterstützt haben, sollen nicht das Gefühl bekommen, nur Lückenbüßer gewesen zu sein“, so Frank Kramer.