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| 07:42 Uhr

Die meisten wollen in Großstädte
Viel zu klein: Akademiker haben keine Lust auf die Lausitz

  In Großstädten haben sie zumeist studiert, und dahin zieht es sie auch nach dem erfolgreichen Abschluss, die Absolventen von Unis und Hochschulen.
In Großstädten haben sie zumeist studiert, und dahin zieht es sie auch nach dem erfolgreichen Abschluss, die Absolventen von Unis und Hochschulen. FOTO: picture alliance/dpa / Julian Stratenschulte
Köln/Cottbus. Junge Leute mit Hochschulabschluss leben gern in Städten mit mindestens 500 000 Einwohnern. Alle andern Orte müssen sich anstrengen beim Rennen um den gebildeten Nachwuchs.

Leipzig kann sich vor Zuzüglern kaum retten. Viele von denen sind jung und lebensjungrig. Sie kommen, um zu studieren – und gehen nicht wieder weg. Diese Entwicklung hat Leipzig zur am schnellsten wachsenden Stadt Deutschlands gemacht. Mit bald 600 000 Einwohnern ist die Messemetropole bald wieder da angekommen, wo sie zu Hochzeiten mal war. Das war vor dem Krieg, damals lebten in der Stadt 800 000 Menschen.

Schön für Leipzig, aber weniger schön für andere. Denn Leipzig wächst auf Kosten anderer Regionen – wie der Lausitz. Was große Städte dazubekommen, geht hier verloren. Womit wir bei den eigentlichen Schuldigen dieser Entwicklung wären: den jungen Leuten, die unbedingt in jene Städte wollen, die als besonders cool gelten.

Menschen zwischen 25 und 30 Jahren bevorzugen Wohnorte mit mindestens 500 000 Einwohnern. Daraus ergibt sich ein schwerwiegendes Ungleichgewicht bei den Entwicklungschancen von Stadt und Land. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat diese Unterschiede untersucht. Besonders augenfällig sind die, wenn es um die Verteilung von Akadamikern im Land geht.

Berufsanfänger mit Hochschulabschlüssen, heißt es in der Studie des IW, streben in die großen Städte. In den Metropolen und deren Umland leben die meisten Akademiker. Vor allem schätzen sie ein universitäres Umfeld, weshalb die Städte mit attraktiven Universitäten die höchsten Akademikerquoten haben. Ganz oben auf der Liste sind München mit 37 Prozent Akademikern, Freiburg im Breisgau mit 34 oder Erlangen mit 35. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich auch Dresden (31) und Jena (39) als Wohnorte für Anspruchsvolle. Dagegen rangiert Cottbus mit 19 Prozent unter den Städten im hinteren Bereich.

Hinter diesen Entwicklungen stecken Wanderungsbewegungen, die schon mit der Wahl des Studienorts beginnen. Nicht selten ist das eine Entscheidung fürs Leben. Die meisten wollen dort bleiben, wo sie die aufregende Zeit mit Anfang 20 verbracht haben.

Die Folgen zeigen sich überall da, wo es um die Versorgung des ländlichen Raums mit dringend gebrauchten Berufsgruppen geht. So fällt es den Bildungsministerien immer schwerer, Lehramtsabsolventen in kleine Städte zu lotsen. Gleiches bei den Ärzten. Viele Anreizsysteme sind erdacht worden, die den Nachwuchs auf dem Land sichern sollen. Der Widerstand kommt regelmäßig aus Studentenkreisen. Gerade erst stemmte sich der Studentenrat (Stura) der Uni Leipzig gegen eine Landarztquote, die Stipendien für Kandidaten vorsieht, die sich für den Dienst auf dem Land verpflichten. Die Quote sei ein „Eingriff in die freie Berufswahl“, so das Argument. Die geplante Buschzulage für angehende Landärzte fordert die Studierendenvertretung stattdessen gleich für alle Studenten.

Binnenwanderungen zum Zwecke des Studiums sind schwer vorhersehbar und selten ein Politikum. Es ist weniger die Frage nach dem guten Ruf der Uni, die darüber entscheidet, wo junge Leute hin wollen. Entscheidend sind oft Trends und Hypes, die heute Leipzig und morgen Tübingen zum Sehnsuchtsort machen.

Tatsächlich entscheiden diese Wanderungen aber darüber, wie sich ganze Landstriche auf Jahrzehnte hinaus entwickeln. Orte wie Cottbus, die der Schwarm noch nicht für sich entdeckt hat, haben es dadurch immer schwerer, Hochqualifizierte zu bekommen. Die zudem hohe Ansprüche stellen können. „Eine große Rolle spielt hochwertiger Wohnraum“, sagt Jana Frost von der IHK Cottbus. Aber auch Kindergärten und Schulen sollen wohnortnah sein, damit begehrte Fachkräfte einen Umzug erwägen. Hilfe bei der Suche nach dem passenden Job für den Partner ist für Unternehmen zur gängigen Dienstleistung geworden, wenn sie um Kandidaten werben.

Punkten können Unternehmen auch, wenn sie Aufstiegschancen bieten. „Leute, die zurückkehren, suchen die bessere berufliche Perspektive“, sagt Frost. Kandidaten für die Unternehmensnachfolge können so gezielt angeworben werden.

Seit 2010 ziehen die Deutschen öfter um. Rund 4,5 Millionen Menschen wechseln pro Jahr den Wohnort. Das hat die Konzentration von jungen Leuten in den Metropolen nochmals verstärkt. Schon heute sind Stadtbewohner im Schnitt zwei Jahre jünger als die, die auf dem Land wohnen.

Und das sorgt umgekehrt zwangsläufig für einen Schwund an jungen Menschen auf dem Land. Fällt deren Anteil in einer Region unter einen kritischen Punkt, schwindet auch die für sie wichtige Infrastruktur, wie Kindergärten und Schulen, was wiederum den Wegzug fördert. Besonders groß ist der Bedarf in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Akademiker werden nicht nur in Regionen gesucht, wo schon viele von ihnen arbeiten.

Wo Akademiker fehlen, fehlen insgesamt auch junge Leute. „Ein einmal begonnener Abwanderungskreislauf ist schwer zu durchbrechen“, heißt es vom Institut der deutschen Wirtschaft. Die Experten empfehlen Abwanderungsregionen, ihre Gestaltungsfreiräume dafür zu nutzen, junge Menschen zu halten sowie Unternehmen und Arbeitskräfte von außerhalb anzuwerben.

 Akademiker
Akademiker FOTO: LR
 Junge Leute zieht es nach einem erfolgreichen Hochschulstudium eher in die großen Städte als aufs Land. Das belegen aktuelle Zahlen.
Junge Leute zieht es nach einem erfolgreichen Hochschulstudium eher in die großen Städte als aufs Land. Das belegen aktuelle Zahlen. FOTO: picture alliance/dpa / Julian Stratenschulte