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Verschwindet Berlins Osten ?

Berlin. Viele Menschen brauchen Erinnerungen, die man sehen und auch seinen Kindern zeigen kann. Doch gerade der Ostteil Berlins hat sich gravierend verändert. Jutta Schütz

Was soll es bedeuten? Der Schriftzug Ost wird mit einem Kran vom Dach der Berliner Volksbühne gehoben und verschwindet. Am Ostbahnhof schließt ein Kaufhaus, das mit seiner farbigen Fassade zu DDR-Zeiten als supermodern galt. Am Kollwitzplatz im Stadtteil Prenzlauer Berg macht ein Restaurant dicht, in dem einst Ost-Künstler ein und aus gingen. Ist das der normale Gang der Dinge knapp 28 Jahre nach dem Mauerfall in der Hauptstadt? Eine Spurensuche:

Auf dem Platz vor dem geschlossenen und ausgeräumten Warenhaus macht sich Rentnerin Bärbel Krätzer Luft. "Das war früher unser Lieblings-Kaufhaus, das war eins fürs Volk. Ich wohne seit den 50er-Jahren hier in Friedrichshain. Und jetzt? Da kommen bestimmt Büros rein. Der Osten verschwindet immer mehr - der Palast der Republik ist ja auch weg." Die 73-Jährige ist noch immer sauer.

"Ist schon schade", sagt auch Rainer Zimmermann (75). "Gibt ja kaum noch was von früher." Hier habe er oft etwas ergattert, was es woanders nicht gab, erinnert sich der Berliner. Bettwäsche, einen Fernseher, Handtücher habe er in dem Warenhaus gekauft. Es wurde nach dem Mauerfall von Galeria Kaufhof übernommen und nun aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Das Unternehmen betont, es habe keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben.

Die Berliner Architektenkammer habe sich seinerzeit vehement gegen den Abriss des Palastes der Republik gestellt, sagt deren Präsidentin Christine Edmaier. Doch die Politik höre selten auf die Fachleute. "Das war eine Entscheidung des Bundestages." Mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses, das einst auf Befehl der DDR-Regierung gesprengt wurde und wo später der Palast der Republik stand, habe die Hauptstadt die Chance für etwas Neues vertan. "Ein aufregender, zukunftsweisender Bau - das hätte das Symbol für das neue Berlin sein können" - für Ost und West gleichermaßen."

Die ehrenamtliche Präsidentin findet, das Bewusstsein für die Geschichte habe sich geändert, während es in den 90er-Jahren auch eine rücksichtslose Mentalität mancher Westarchitekten gegeben habe. Etliche Ostdeutsche beklagten damals, dass mit dem Abriss von Plattenbauten, Kitas und Schulen auch ein Stück ihres Lebens, ihrer Erinnerungen weggebrochen sei. Und die schick sanierten Gründerzeithäuser in Prenzlauer Berg konnten sich viele Ost-Mieter dann nicht mehr leisten. Doch wer es kritisierte, bekam auch den Vorwurf der Ostalgie zu hören.

Edmaier sagt, das könne sie nicht beurteilen. Die Architektin meint, viele "Platten" seien wegen des großen Leerstands abgerissen worden. "Viele wollten da nicht mehr wohnen." Heute sei das anders und die "Nachverdichtung" von sanierten Siedlungen angesichts knapper Wohnungen ein großes Thema. Gegen Plattenbauten spreche nichts, doch sie müssten künftig ökologischer sein als die aus Beton. Die Optimistin meint: "Wir sollten glücklich sein, in einer wachsenden Stadt zu leben - das ist doch besser als in einer schrumpfenden."

Am Institut für Regionalsoziologie der Berliner Humboldt-Uni findet sich indes niemand, der etwas zum Befinden von Ostdeutschen sagt, bei denen ein Teil ihrer persönlichen Geschichte aus dem Stadtbild weg ist. Dabei gibt es viele Fragen: Welche Folgen haben radikale Veränderungen für das Befinden, für die Identität? Spielen Fehler der Vergangenheit überhaupt noch eine Rolle? Ist für Jüngere Ost - West eh egal?

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sieht keine geteilte Stadt, sondern im doppelten Berlin mit seiner Nachkriegsmoderne in Ost und West eine Chance. Die aus der Schweiz stammende Architektin wundert sich darüber, dass das wiedervereinte Berlin lange nicht stolz auf diese Parallelentwicklungen gewesen sei. "Das ist doch ein großer Schatz." So sei nun beim Welterbekomitee beantragt, die Karl-Marx-Allee im Ostteil und das Hansa-Viertel im Westteil zusammen unter Schutz zu stellen.

Wesentliche Bauten im Osten Berlins seien durchaus erhalten und saniert worden, meint Lüscher. Das Haus des Lehrers und die Kongresshalle am Alexanderplatz seien ebenso unter Schutz gestellt worden wie das Haus des Reisens, Abrisspläne am Alex gestoppt worden. "Ich glaube nicht, dass es heute nochmal passieren würde, dass so ein Bau wie das Ahornblatt abgerissen wird - das war ein riesiges Politikum", so Lüscher. Die Gaststätte in Form eines Ahornblattes auf der Fischerinsel war trotz internationalen Ranges und Protesten im Jahr 2000 der Abrissbirne zum Opfer gefallen, um Platz für eine "Blockrandbebauung" zu machen.

Sie habe bei Anwohnern erlebt, wie "unendlich verletzt" sie darüber gewesen seien - und wie sie den Kahlschlag als Affront und mangelnde Wertschätzung ihrer Kultur und Geschichte empfanden, so die Senatsbaudirektorin. "Das hat weiterhin Nachhall." Ein Abriss im Ostteil sei ideologisch noch besetzter als im Westen der Stadt.

Zum Thema:
Auch die West-City ist im Wandel und verändert sich. Auch hier wird abgerissen, modernisiert oder neu gebaut. Die Zukunft des Internationalen Congress Centrums (ICC) - einst der Stolz West-Berlins - ist ungewiss. Der futuristische Bau wurde 2014 geschlossen. Er ist asbestverseucht - wie einst der Palast der Republik. (dpa/uf)

Gegen den Willen von Denkmalschützern und Architekten wurde im Jahr 2000 die einstige Gaststätte "Ahornblatt" abgerissen. Heute steht an der Stelle der eigenwilligen Konstruktion das Novotel.
Gegen den Willen von Denkmalschützern und Architekten wurde im Jahr 2000 die einstige Gaststätte "Ahornblatt" abgerissen. Heute steht an der Stelle der eigenwilligen Konstruktion das Novotel. FOTO: dpa