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| 13:49 Uhr

Auch in Brandenburg:
Übergriffe an Schulen gegen Lehrer sind keine Einzelfälle

Gewalt an Schulen beschränkt sich nicht mehr auf Einzelfälle. Aber – ein Lehrer darf bei einem Angriff auch zurückschlagen.
Gewalt an Schulen beschränkt sich nicht mehr auf Einzelfälle. Aber – ein Lehrer darf bei einem Angriff auch zurückschlagen. FOTO: dpa / Oliver Berg
Berlin/Potsdam. Die Gewalt an Schulen gegen Lehrer beschränkt sich nach einer Umfrage unter Schulleitern nicht auf Einzelfälle. Nach einer in dieser Woche veröffentlichten Forsa-Erhebung unter 1200 Schulleitern allgemeinbildender Schulen gab es in den vergangenen fünf Jahren an der Hälfte der Einrichtungen direkte psychische Gewalt und an jeder vierten körperliche Gewalt gegen Lehrkräfte, an einem Fünftel kam es zu Cybermobbing. Von Frank Hilbert

Hochgerechnet seien damit rund 45 000 Lehrkräfte betroffen und „ganz bestimmt keine Einzelfälle“, sagte der Bundesvorsitzende der Lehrergewerkschaft „Verband Bildung und Erziehung“ (VBE), Udo Beckmann. Der VBE hatte die Umfrage in Auftrag gegeben.

Das Thema „Gewalt gegen Lehrkräfte“ ist laut Studie inzwischen weniger tabuisiert. Demnach gaben nur noch 39 Prozent der Befragten an, es werde verschwiegen; bei einer ähnlichen Befragung von 2016 vertraten noch 57 Prozent diese Überzeugung. In den meisten Fällen gaben die Schulleitungen an, dass es gelungen sei, betroffene Kollegen „ausreichend“ zu unterstützen. Bei 13 Prozent war dies aber laut Auskunft nicht der Fall.

Als Gründe nannten 63 Prozent der Befragten, dass sich betroffen Schüler uneinsichtig gezeigt hätten, und 59 Prozent bemängelten, dass Eltern nicht kooperationswillig gewesen seien. Jede fünfte Schulleitung gab an, dass Meldungen zu bürokratisch seien oder zu einem Ansehensverlust der Schule führten. Elf Prozent sagten, die Meldung von Vorfällen sei von den Schulbehörden nicht gewünscht.

Der VBE forderte von den Kultusministerien, Statistiken zur Gewalt an Schulen zu führen und die Lehrer stärker zu unterstützen. Dazu zählt nach den Worten von Beckmann auch eine unbürokratische Meldung und schnelle Hilfe nach einem Vorfall. „Außerdem sehen wir einen klaren Zusammenhang zwischen dem Ressourcenmangeln an den Schulen, dem Bild von der Schule als Reparaturbetrieb der Gesellschaft und damit Verbunden enttäuschten Erwartungen von allen Seiten“, so der Verbandsvorsitzende.

Anfang Januar 2017 hätten alle Lehrerverbände in Brandenburg bestätigt, dass es Gewalt gegen Lehrer an Bildungseinrichtungen jeder Schulform gebe, sagt die Vizepräsidentin des Brandenburgischen Pädagogenverbandes Christina Adler auf RUNDSCHAU-Nachfrage. „Als problematisch wurde dabei angesehen, dass kaum etwas passiere, weil es zu viel Bürokratie, statt Hilfe gebe“, sagt Adler.

Daraufhin habe das Bildungsministerium Zahlen bis 2016 herausgegeben. „Bis zum Ende des Jahres 2016 waren etwa 80 bis 100 gerichtsrelevante Fälle pro Jahr von Gewalt gegen Lehrer von der Staatsanwaltschaft bestätigt worden. Da sind die Vorfälle, die im Alltag passieren und teilweise bis heute, trotz Aufforderung durch das Bildungsministerium, noch nicht gemeldet wurden, nicht beachtet. Der Einhaltung von Regeln, Werten und Normen muss durch die ganze Gesellschaft mehr Beachtung geschenkt werden“, betont die Vizepräsidentin.

Wer jedoch körperlich angegriffen wird, darf sich wehren. Das gilt auch für Lehrer. „Die haben ja nicht weniger Rechte als andere Menschen auch“, sagt Anwalt Rolf Tarneden, Experte für Schulrecht. Wird ein Lehrer von einem Schüler geschlagen, darf er also zurückschlagen – und zwar so hart, dass der Angriff beendet wird.

Voraussetzung ist aber, dass von dem Angreifer tatsächlich eine Gefahr ausgeht, es sich also um einen älteren und kräftigen Schüler handelt. Im Ernstfall darf dann nicht nur der Angegriffene selbst körperliche Gewalt anwenden – auch ein anderer Lehrer, der die Situation mitbekommt, darf entsprechend eingreifen. „In der Praxis ist das aber eher theoretischer Natur“, sagt Tarneden. Dass es an Schulen wirklich zu solchen Notwehr-Situationen kommt, sei selten.

Vielmehr seien andere Gegenmaßnahmen machbar. Die erste Stufe sind dabei sogenannte Erziehungsmaßnahmen wie ein Handyverbot oder eine Sonderaufgabe. Bei schweren Fällen folgen die Ordnungsmaßnahmen, also die Zwangspause für einen oder mehrere Tage, bis hin zum Schulverweis. Solche Maßnahmen kann ein Lehrer, beziehungsweise sein Direktor, in Form einer Sofortmaßnahme auch sehr schnell verhängen. Über längerfristige Verweise entscheidet dann eine Klassenkonferenz.

Bei eindeutigen Fällen körperlicher Gewalt können sich Lehrer und Schulen deshalb oft gut wehren, sagt Tarneden. Schwieriger wird es bei psychischer Gewalt, Mobbing gegen Lehrer also. „Das Wort kennen wir alle, es ist aber gar nicht richtig greifbar“, sagt der Experte. Solche Situationen richtig zu bewerten, sei deshalb oft schwierig, und damit auch die Wahl der richtigen Gegenmaßnahme.

Meistens sei das aber eher ein Fall für die internen Gremien der Schule, so Tarneden – also für das Elterngespräch oder die Elternvertretung zum Beispiel. (mit KNA/dpa)