Es war ein Samstagabend im Oktober 2021, als in der Prignitz ein Auto mit sechs jungen Menschen gegen einen Baum fuhr. Den Rettern bot sich ein Bild des Schreckens. Den Wagen hatte es völlig zerfetzt. Der Fahrer (17) und sein Beifahrer (15) wurden tot geborgen, drei junge Mädchen (14/16/17) sowie ein weiterer junger Mann (18) mussten schwer verletzt in Krankenhäuser gebracht werden. Der 17-jährige Fahrer hatte laut Polizei keinen Führerschein.
Das ist ein Beispiel für einen tödlichen Unfall mit Beteiligung junger Menschen aus dem vergangenen Jahr. Die Personengruppe der Verkehrsteilnehmer im Alter von 15 bis 24 Jahren bereitet den Experten der Dekra Sorgen. Laut dem Verkehrssicherheitsreport 2022 betrug der Anteil junger Menschen an den Verkehrstoten in Brandenburg im Jahr 2021 zwar nur zehn Prozent, nachdem er im Vorjahr noch bei 14 Prozent gelegen hatte.

13 junge Männer sind im Verkehr auf Brandenburgs Straßen gestorben

Von den 13 Verkehrstoten aber seien alle männlich gewesen, teilte Jens-Peter Schultze, Leiter der Dekra Niederlassung in Oranienburg mit. Auch bei den Schwerverletzten habe der Anteil junger Männer 66 Prozent betragen. Im internationalen Vergleich liege der Anteil getöteter junger Männer bei 80 Prozent.

Wittichenau

Dirk Benndorf, der Leiter der Dekra Potsdam benennt dafür mehrere Ursachen: mangelnde Fahrerfahrung und Selbstüberschätzung. Viele junge Fahrer beherrschen ihr Fahrzeug noch nicht richtig, sie nehmen Gefahren nur eingeschränkt wahr und lassen sich durch die Nutzung digitaler Medien ablenken. Nicht selten fahren sie unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. „All das sind Problembereiche, die nicht zuletzt auch im Rahmen der Fahrausbildung noch stärker in den Fokus rücken sollten, als dies bislang schon der Fall ist“, so Benndorf.

Risiko für junge Männer ist doppelt so hoch

Auch laut der ADAC-Unfallforschung gibt es viele Gründe, warum junge Fahrer zwischen 18 und 25 Jahren für rund 30 Prozent der Unfälle mit Personenschaden verantwortlich sind. Dabei machen sie nur 8 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Für junge Fahrer ist sowohl das Risiko, auf der Straße verletzt oder getötet zu werden als auch die Zahl der Unfälle ohne die Beteiligung anderer doppelt so hoch wie etwa bei den 30- bis 37-jährigen Verkehrsteilnehmern.
Viele schwere Unfälle ereignen sich auf dem Land nach dem Besuch einer Diskothek. Dann ist die Stimmung besonders aufgeheizt und Alkohol liegt in der Luft. Darüber hinaus fahren viele junge Leute oft kleine, ältere Fahrzeuge, denen es an Verkehrssicherheit mangelt, so der ADAC.

Insgesamt ging die Zahl der Verkehrstoten in Brandenburg zurück

Doch zurück zum Verkehrssicherheitsreport 2022 der Dekra: Demnach hat Brandenburg im vergangenen Jahr einen erfreulichen Rückgang bei der Zahl der Verkehrstoten registrieren können. Nach dem dramatischen Anstieg im Jahr 2020, in dem in der Mark die Zahl von 125 um 15 oder 12,0 Prozent auf 140 angestiegen war, sank sie im Jahr 2021 um 13 oder 9,3 Prozent auf 127.
Dieser Rückgang lag über dem Bundesschnitt, der 5,5 Prozent betragen hat. „Damit ist die Zahl der Verkehrstoten in Brandenburg fast wieder auf dem Niveau von 2019, dem mit 125 zweitbesten Wert seit 2013“, erklärte Dirk Benndorf.

Forderungen der Dekra für mehr Verkehrssicherheit mit Blick auf junge Menschen

Besonders gefährliche Verhaltensweisen wie Alkohol und Drogen am Steuer, Ablenkung etwa durch das Smartphone oder übermäßige Geschwindigkeitsüberschreitungen müssen konsequent kontrolliert und geahndet werden.
● Für Fahranfänger sollte überall ein absolutes Alkoholverbot am Steuer gelten. Die Erfahrungen in verschiedenen Ländern, unter anderem in Deutschland, belegen die Wirksamkeit.
● Der Verbreitungs- und Nutzungsgrad etwa von telematikgestützten Feedback-Systemen sollte erhöht werden.
● Junge männliche Fahranfänger stellen ein weit überdurchschnittliches Risiko für sich und andere dar. Diese Gruppe muss bei der Verkehrssicherheitsarbeit besonders in den Fokus gerückt werden – auch schon vor Beginn der Fahrausbildung.
● Der mehrstufige Erwerb der Fahrerlaubnis hat sich vielerorts bewährt und sollte daher in weiteren Ländern eingeführt werden.
● Nur eine von Fahrschulen unabhängige, transparente, standardisierte und qualitativ hochwertige theoretische und praktische Prüfung zum Erwerb der Fahrerlaubnis gewährleistet den nötigen Qualitätsstandard bei der Fahrausbildung.
● Bereits während der Fahrausbildung sollte der Umgang mit Fahrerassistenzsystemen und automatisierten Fahrfunktionen vermittelt, aber auch die Grenzen dieser Systeme deutlich gemacht werden. Im Idealfall sollte der sichere Umgang mit diesen Systemen auch Teil der Fahrerlaubnisprüfung werden.
● Die praktische Fahrausbildung sollte im Hinblick auf Straßencharakteristik (innerorts, schmale Landstraßen, Autobahn) und Lichtverhältnisse (Nachtfahrten) in allen Ländern möglichst umfassend gestaltet werden.
● Angesichts der Tatsache, dass viele junge Menschen auf Landstraßen tödlich verunglücken, muss beim Neubau oder bei entsprechenden straßenbaulichen Veränderungen das oberste Ziel die selbsterklärende Straße mit fehlerverzeihender Seitenraumgestaltung sein.
● Die Funktionsfähigkeit mechanischer und elektronischer Komponenten von Systemen der Fahrzeugsicherheit muss über das gesamte Fahrzeugleben hinweg gewährleistet sein. Die Inhalte der periodischen Überwachung von Kraftfahrzeugen sind entsprechend regelmäßig anzupassen.