Nach der Chip- und Halbleiterkrise sorgen die Gaskrise und das politische Weltgeschehen für Engpässe an anderer Stelle. Etwa bei der Stickstoffverbindung Ammoniak: Sie gehört zu den Chemikalien, die durch Erdgas produziert werden. Ammoniak ist wiederum Ausgangsstoff für wichtige Stoffgemische wie Dünger oder Harnstoff.
Die Harnstofflösung AdBlue wird von moderneren Dieselmotoren zur Abgasbehandlung eingesetzt, bis zu 90 Prozent der ausgestoßenen Stickoxide können mit diesem Zusatz verringert werden. Warnungen, dass der Harnstoff knapp werden könnte, gab es schon im Vorjahr. Einer der größten deutschen AdBlue-Hersteller hat im September angekündigt, seine Produktion aufgrund der hohen Gaspreise einzustellen. Besonders Lkws sind auf AdBlue angewiesen, aber es ist nicht nur die Spedition, die mit dem Engpass kämpft.

Nicht nur Lkw-Fahrern fehlt AdBlue

„AdBlue wird sowohl für die großen Schlepper als auch vor allem für die Stalltraktoren benötigt, die in den Rinderställen das Futter heranschieben“, erklärt Meike Mieke vom Landesbauernverband Brandenburg. Doch aktuell würden Landwirte wochenlang auf die Lieferung des Zusatzes warten.
„Die nachvollziehbare Tendenz zur Vorratshaltung verstärkt den Lieferengpass.“ So habe eines der Verbandsmitglieder den Engpass bei AdBlue mit den Zeiten zur Corona-Pandemie, als viele Menschen Toilettenpapier horteten, verglichen.

AdBlue ist in Polen etwas günstiger

Dass AdBlue-Zapfsäulen komplett austrocknen, dafür sieht der ADAC momentan keine Anzeichen. Zwei von drei großen AdBlue-Hersteller hätten mitgeteilt, dass sie trotz steigender Gaspreise produzieren wollen. „Autofahrer müssen sich bezüglich der Versorgung mit AdBlue aktuell keine Sorgen machen“, sagt Claudia Löffler vom ADAC Berlin-Brandenburg.
Wiederum sei mit weiteren Preisaufschlägen zu rechnen. Sie empfiehlt dazu, den Tank beim nächsten Tankstellenbesuch aufzufüllen. „Das hält dann einige Tausend Kilometer.“ Allerdings rät sie vom Horten des Harnstoffs ab, da AdBlue eine beschränkte Haltbarkeit habe. Laut dem Spritpreis-Portal Clever-Tanken kostet der durchschnittliche AdBlue-Preis für Pkw 1,75 Euro derzeit pro Liter in Brandenburg.
Wer seinen Tank in Polen auffüllen will, muss ebenfalls mit höheren Preisen rechnen. Im Vorjahresvergleich haben sich die Kosten sogar vervielfacht. Im Frühling 2021 kostete der Liter noch 1,50 Złoty (ca. 31 Cent). Laut polnischen Medienberichten liegt der Preis Anfang September 2022 bei 7 Złoty (1,47 Euro). In Plastikflaschen verpackt nehmen Tankstellen sogar 15 bis 20 Złoty (3,15 bis 4,20 Euro) pro Liter.
Im Nachbarland produziert der Chemie und Düngemittelhersteller Grupa Azoty, einer der größten Hersteller, zwar weniger, die AdBlue-Herstellung sei jedoch nicht betroffen. Wiederum müssen gestiegene Gaskosten auf die Preise umgeschlagen werden. Zudem hänge die Marktsituation auch in Polen nicht nur von Grupa Azoty, sondern auch vom Produktionsumfang anderer europäischer AdBlue-Hersteller ab.