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| 18:30 Uhr

Existenzen bedroht
Super-Dürre:Bauern drängen auf schnelle Milliardenhilfen

Brandenburg, Zossen: Infolge der lang anhaltenden Trockenheit sind die Blätter der Maispflanzen braun und eingerollt. Die Felder sind knochentrocken, da wächst kein Gras mehr. Für die Bauern bedeutet das vor allem: die Ernte wird richtig schlecht, sie müssen an die Ersparnisse gehen oder auf die Hilfe des Staates hoffen.
Brandenburg, Zossen: Infolge der lang anhaltenden Trockenheit sind die Blätter der Maispflanzen braun und eingerollt. Die Felder sind knochentrocken, da wächst kein Gras mehr. Für die Bauern bedeutet das vor allem: die Ernte wird richtig schlecht, sie müssen an die Ersparnisse gehen oder auf die Hilfe des Staates hoffen. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Berlin . Viele Landwirte blicken besorgt auf verdorrte Flächen: Vor allem für Ackerbauern und Viehzüchter könnte es eng werden. Die Politik berät über mögliche weitere Hilfen. Was wird mit den Lebensmittelpreisen?

Angesichts bedrohlicher Einbußen durch die wochenlange Dürre in vielen Regionen Deutschlands dringen die Bauern auf rasche Nothilfen. „Eine Milliarde Euro wäre wünschenswert, um die Ausfälle auszugleichen“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied. Dafür sollte der entsprechende Notstand erklärt und dann ein solches Budget bereitgestellt werden, damit die Betriebe, deren Ertrag mehr als 30 Prozent unter dem Schnitt der letzten Jahre liege, direkt unterstützt werden können.

Die ökologisch orientierte Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft mahnte als schnelle Hilfe in erster Linie „faire Erzeugerpreise“ bei allen Marktbeteiligten an. Rufe nach staatlichen Hilfen seien zu einfach.

Wegen anhaltender Hitze und Trockenheit vor allem im Osten und Norden Deutschlands befürchten viele Bauern massive Ausfälle bei der Ernte. Laut Landesbauernverband Brandenburg sind Betriebe in ihrer Existenz bedroht. „Im Durchschnitt konstatieren die Bauern bei Druschkulturen wie Gerste, Roggen, Weizen und Raps Ernteausfälle zwischen 30 und 50 Prozent. Vereinzelt sind auch Verluste von 90 bis 100 Prozent zu beklagen“, heißt es in einer Mitteilung.

Auch Stroh ist knapp. Insbesondere bei Grünland fielen in diesem Jahr zwei von vier Schnitte aus, dass heißt, 50 Prozent der Erträge fehlen. Das führe zu enormen Problemen bei der Grundfuttermittelversorgung der Nutztiere. Deshalb hätten Bauern damit begonnen, ihre Viehbestände zu reduzieren.

In Anbetracht der extremen Situation fordert auch der Landesbauernverband Brandenburg (LBV) existenzsichernde Soforthilfen. Da sich auch die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte derzeit auf einem sehr niedrigen Niveau befänden, müssten die Hilfen möglichst schnell wirksam werden. „Zukünftig halte ich eine steuerfreie Risikoumlage für zielführend, die es den Bauern erleichtert, in guten Jahren etwas für schlechtere Jahre zurückzulegen ohne dass der Fiskus zuschlägt“, erklärt LBV-Präsident Henrik Wendorff. „In erster Linie geht es uns jedoch um kurzfristig finanziell wirksame Maßnahmen.“

Laut Thomas Goebel, Vorsitzender vom Bauernverband Südbrandenburg, gebe es zwar die Möglichkeit, eine Versicherung gegen Dürre abzuschließen, doch diese sei kaum bezahlbar. Viele Landwirte seien deshalb nur gegen Hagel, Sturm und Starkregen versichert. „Dänemark und Deutschland sind die einzigen Länder Europas, die Landwirte bei der Finanzierung der Dürre-Versicherung nicht unterstützen“, so Goebel.

Am Dienstag wollen Ministeriums­experten von Bund und Ländern in Berlin über die Lage beraten und eine erste Bestandsaufnahme zu Schäden auf Feldern und Wiesen machen. An diesem Mittwoch will Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) dann auch das Kabinett informieren. Beschlüsse über mögliche Bundeshilfen werden von beiden Terminen nicht erwartet.

Das Bundesagrarministerium bekräftigte, dass über besondere Bundeshilfen erst nach der für Ende August geplanten Abschlussbilanz der Ernte entschieden werden soll.

Zuerst liegt die Zuständigkeit für Unterstützungsangebote bei den Ländern, die Zuschüsse geben können. Als Hilfen möglich sind unter anderem auch schon Darlehen der Landwirtschaftlichen Rentenbank, zudem können ökologische Vorrangflächen ausnahmsweise bewirtschaftet werden. Erst wenn Schäden von „nationalem Ausmaß“  festgestellt werden, kann auch der Bund Finanzhilfen leisten. Zuletzt war dies 2003 wegen einer Dürre der Fall und 2013 wegen Hochwasserschäden.

Unionsfraktionsvize Gitta Connemann (CDU) mahnte baldige Klarheit an. „Bund und Länder müssen jetzt so schnell wie möglich entscheiden, ob es sich bei der diesjährigen Dürre um ein Schadenereignis nationalen Ausmaßes handelt.“ Schließlich gehe es um Existenzen.

Eventuelle Folgen der Dürre für Supermarktkunden sind noch ungewiss. Eine Mengenprognose und mögliche Auswirkungen auf die Preise könnten aus heutiger Sicht seriös noch nicht abgegeben werden, hieß es etwa bei der Rewe Group.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie verwies auf generell länger laufende Lieferverträge, wobei nicht alle Preissteigerungen eins zu eins an die Verbraucher weitergegeben würden. Insgesamt sei der Einkauf von Rohstoffen für Produkte global angelegt, erläuterte eine Sprecherin.

Allerdings: Pommes könnten nach der anhaltenden Dürre teurer und kürzer werden: Die kartoffelverarbeitende Industrie warnt vor Qualitätsproblemen und drohenden Engpässen. Aufgrund der Dürre gerieten die Kartoffelpflanzen vermehrt unter Stress und stellten das Wachstum ein, sodass die Knollen klein blieben. Die Folge: Kleinere Kartoffeln gehen in die Produktion, und auch die daraus produzierten Pommes Frites werden kürzer.

Mit der Trockenheit spitze sich die Lage „dramatisch“ zu, hieß es in einer Stellungnahme des Bundesverbands der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie. Schon jetzt werde mit Ernteausfällen bei Kartoffeln von bis zu 40 Prozent gerechnet, berichtete BOGK-Geschäftsführer Horst-Peter Karos. „Wenn kein Wetterumschwung kommt, ist die Missernte da“, sagte Karos.

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter forderte angesichts der Dürre und der geringeren Menge an Futtermitteln deutlich höhere Milchpreise. „Nötig wären 41 Cent pro Liter“, sagte Sprecher Hans Foldenauer. Im Mai hatten Experten der Landwirtschaftskammer Niedersachsen für den Herbst Auszahlpreise von 36 bis 38 Cent je Liter erwartet.

Massiv zu leiden haben unter der Hitze zurzeit auch die Fischereibetriebe in Sachsen. Die Lage in den sächsischen Teichgebieten spitzt sich zu. „Die anhaltende Trockenheit führt in vielen Gebieten zu besorgniserregenden Situationen“, heißt es in einer Mitteilung des Sächsischen Landesfischereiverbands. Selbst Teiche, die normalerweise von Bächen oder Flüssen gespeist werden, drohen trocken zu fallen oder sind es bereits.

Wo es möglich sei, würden Notfallstrategien erarbeitet. Allerdings seien diese Pläne nur bedingt wirksam. Die Folge seien Notabfischungen, welche bei den vorherrschenden Temperaturen mit hohem Risiko für die Gesundheit der Fische verbunden seien.

„Außerdem sind die geschwächten Fische besonders empfänglich für Erreger, und Krankheitsausbrüche können eine Folge der Wetterereignisse sein“, heißt es in der Mitteilung weiter. Mehr als 60 Tonnen angehende Speise- und Satzfische sind laut des Verbands bereits verendet. Bleibe die Situation unverändert, sei mit weiteren Ernteausfällen und Fischsterben zu rechnen.

Neben den massiven Ernte-Ausfällen, die die Bauern laut Carmen Lorenz, Geschäftsführerin des Bauernverbandes Südbrandenburg, zu beklagen haben, treibt noch etwas ganz anderes den Bauern tiefe Sorgenfalten ins Gesicht: die extrem hohe Brandgefahr. Stoppelreste und Stroh sind dermaßen ausgetrocknet, das schon heiße Maschinen­teile oder der kleinste Funken einen Flächenbrand auslösen können.

Es gibt in der deutschen Landwirtschaft aber auch Profiteure des heißen Wetters. So startet die Traubenlese in diesem Jahr schon Anfang der kommenden Woche (6. August) – und damit so früh wie nie zuvor. „Der Entwicklungsstand der Reben ist dem 30-jährigen Mittel um gut drei Wochen voraus“, teilte das Deutsche Weininstitut mit. Die bisherige Rekordmarke hatten die Jahre 2007, 2011 und 2014 mit einem Lesebeginn jeweils am 8. August gehalten. Die ersten Trauben der diesjährigen Lese gehen in die Federweißer-Produktion. Auch manchen Obstbauern kommt die trockene Hitze eher entgegen.

Wegen der Dürresind die Weizenähren dieses Jahr viel kleiner.
Wegen der Dürresind die Weizenähren dieses Jahr viel kleiner. FOTO: LR / Patrick Pleul