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Studie: Die Klugen gehen, die Deppen bleiben

An Hiobsbotschaften mangelt es in diesem Jahr in Brandenburg nicht: Erst warnten Wissenschaftler, dass das Land in weiten Teilen zu veröden und zu versteppen droht (die RUNDSCHAU berichtete). Jetzt malen sie die Gefahr der „Verblödung“ Brandenburgs an die Wand – so jedenfalls die provokante These von Prof. Ulf Matthiesen vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner. Er fordert deshalb ein stärkeres Engagement des Landes für Bildung, Ausbildung und Kultur. Von MICHAEL MARA

Der Wissenschaftler beobachtet einen "verstärkten Wegzug der Jungen und gut Ausgebildeten" aus den ländlichen Gebieten, aber auch aus den deindustrialisierten Mittelstädten, die bis zu 50 Prozent und mehr ihrer einstigen Bevölkerung verlören.

Aufschlussreiche Intelligenztests
Dies bedeute, dass in den peripheren Gebieten "nicht immer die Hellsten zurückbleiben". Aktuelle Intelligenztests der Bundeswehr aber auch Studien der Arbeitsämter belegten dies "mit aller nötigen Deutlichkeit", warnte Matthiesen. Es finde ein Brain Drain statt, nämlich "ein Abfluss von Intelligenz und Kompetenz". Schon heute gebe es in vielen Regionen einen extremen Mangel an Fachkräften in innovativen Wirtschaftsbereichen. Damit nicht genug, nimmt laut Matthiesen in den genannten Gebieten der Frauenmangel dramatisch zu: Der Männerüberschuss betrage derzeit bereits 20 Prozent. "Die ersten, die abwandern, sind junge und qualifizierte junge Frauen", so Matthiesen. Dies führe dazu, dass in Teilen des Landes kaum noch Kinder geboren würden. Nehme man alles zusammen - nämlich Brain Drain, Männerüberschuss, wachsende Ar -beitslosigkeit entstehe das Schreckbild der "Sterbenden Stadt". Die Gefahr sei groß, so Matthiesen, dass im Außenraum Brandenburgs die Kommunen bald hauptsächlich noch bevölkert würden "von arbeitslosen Stadtdeppen, ohne die Chance auf Familien- oder Paarbeziehungen".
Der Wissenschaftler zieht daraus die Konsequenz: "Wenn das Land nicht weiter zu verblöden drohen soll, muss in Bildung, Ausbildung und Kultur investiert werden!" Die von der Bundesregierung beabsichtigte Streichung von zwei wichtigen kulturellen Förderprogrammen für den Osten sei ebenso kontraproduktiv wie die Schließung kultureller Einrichtungen in den Städten.
Die Landesregierung sieht die von Matthiesen beschworene Gefahr einer "Verblödung" des Landes zwar als überspitzt an. Sie bestreitet jedoch nicht die Gefahren, die sich aus dem Wegzug der intelligenten jungen Leute aus den ländlichen Regionen und kleinen Städten ergeben. Zurück blieben diejenigen, die am wenigsten mobil seien. Intern wird sogar von einer "Zeitbombe" gesprochen.

Bildung hat für das Land Priorität
Bis 2010 werde sich die Zahl der jungen Menschen in den Randregionen mindestens halbieren, warnt Kulturministerin Johanna Wanka (CDU). Das Land versuche gegenzusteuern, indem es zum Beispiel die Zahl der Studienplätze erhöhe, damit andererseits mehr junge Menschen ins Land kämen, an die Universitäten in Frankfurt (Oder) und Cottbus. Bildung und Wissen-schaft hätten für die Regierung Priorität, so Wanka. Dennoch sei der Kulturabbau dramatisch und müsse gestoppt werden.
Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) sieht die Abwanderung wegen des mangels an Arbeitsplätzen ebenfalls als ernstes Problem an. Um sie nicht noch zu beschleunigen, brauche man attraktive Bildungs- und Kulturangebote auch in den Randregionen. Sie seien Voraussetzung für mehr Zuzüge zum Beispiel aus Berlin. In Neuruppin zum Beispiel gebe es Einwohnergewinne durch Zuzüge älterer Berliner. Für Minister Reiche müssen sich die betroffenen Regionen auf ganz neue Funktionen einstellen: Prignitz und Uckermark könnten die neue Lüneburger Heide für Berlin werden.