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| 12:31 Uhr

Gesundheit
Stress lässt Lausitzer mit den Zähnen knirschen

Stress setzt immer mehr Deutschen zu. Sehen kann man das auch an ihren Zähnen.
Stress setzt immer mehr Deutschen zu. Sehen kann man das auch an ihren Zähnen. FOTO: Oliver Berg / dpa
Cottbus. Stress schlägt immer mehr Menschen nicht nur auf den Magen, sondern auch auf die Zähne. Das belegen neue Zahlen der Krankenkassen. Wie kann man sich schützen? Von Bodo Baumert

Sie sind flach, meist durchsichtig und werden abends in den Mund genommen, sogenannte Aufbissschienen, die die Zähne schützen sollen – vor ihren eigenen Besitzern. Allein in Brandenburg haben Zahnärzte im vergangenen Jahr rund 11 000 Versicherten der Krankenkasse Barmer Aufbissschienen verschrieben, so vielen wie nie zuvor. Der Grund: Stress. „Wer tagsüber stark unter Stress leidet, beißt im wahrsten Sinne des Wortes auch nachts die Zähne zusammen“, sagt Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Barmer Berlin/Brandenburg.

Die Aufbissschienen werden getragen, um zu vermeiden, dass der Zahnschmelz bei dem stressbedingten Zähneknirschen Schaden nimmt. „Die Kauflächen werden abgenutzt und die Bildung von Karies und Zahnfleischbluten begünstigt“, warnt Leyh. Auch der Kiefer kann in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn der Druck beim nächtlichen Knirschen zu stark wird. „Kaumuskeln sind die stärksten Muskeln im ganzen menschlichen Körper, darüber muss man sich im Klaren sein“, erklärt Roland Frankenberger, Professor für Zahnerhaltungskunde an der Universität Marburg.

Die Betroffenen merken allerdings oft nicht, wenn sie nachts mit den Zähnen knirschen. Der Zahnarzt sieht es sehr wohl. „Ob jemand knirscht, sieht man an charakteristischen Facetten auf den Kauflächen. Diese Bereiche sind wie eingeebnet und hochglanzpoliert“, so Frankenberger. Stellt der Zahnarzt so etwas bei der Vorsorge-Untersuchung fest, rät er zur Beißschiene. Die Plastikschienen sind nicht teuer, für die Patienten ohnehin nicht, da die meisten Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Die Schienen können schlimmeren Schaden vermeiden, ändern aber nichts an der Ursache Stress. „Wer zu den nächtlichen Zähneknirschern gehört, sollte dies als Warnzeichen des Körpers verstehen und dringend versuchen, Stress abzubauen“, rät Gabriela Leyh. Die Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland klagt einer Studie der Techniker Krankenkasse zufolge über Stress. Stressfaktoren sind vor allem der Job (46 Prozent), hohe Ansprüche an sich selbst (43 Prozent) und Termine in der Freizeit (33 Prozent). Wer die Arbeit auch nach Feierabend nicht aus dem Kopf bekommt, leidet vor allem unter Verspannungen, Erschöpfung, Schlafstörungen und Kopfschmerzen – oder knirscht mit den Zähnen.

Die Fehlzeiten wegen psychischer, vor allem auch stressbedingter Erkrankungen wie Depressionen, Angst- oder Belastungsstörungen sind in den vergangenen 15 Jahren in Deutschland um etwa 90 Prozent gestiegen. “Alle sind leistungsfähig, schön und jung und möchten das möglichst lange bleiben. Das hat Folgen im Verhalten der Menschen“, sagte Iris Hauth, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weissensee. Sie erlebt, dass auch zunehmend junge Menschen mit Prüfungs- oder Partnerschaftsstress in der Notaufnahme Hilfe suchen.

Was also können Knirscher und Stressgeplagte tun? „Neben den klassischen Methoden wie Muskelentspannung nach Jacobsen, Hatha-Yoga oder Autogenem Training gibt es auch passende Online-Kurse. Sie bieten den Vorteil, dass die Teilnehmer über einen längeren Zeitraum mit Fragen, Anregungen und kleinen Übungsanleitungen im Alltag begleitet werden“, sagt Gabriela Leyh.

Chefärztin Iris Hauth ruft zu mehr Muße auf: „Auch einmal nichts zu tun, ist für die Gesundheit des Gehirns unglaublich hilfreich.“ Man müsse nicht alles machen, was der Markt biete. Ihre Patienten bringt sie dazu, sich die gelungenen Dinge des Tages vor Augen zu führen statt der Defizite. Und sie appelliert, soziale Kontakte zu pflegen.

Aus Dänemark, wo nach Umfragen die glücklichsten Menschen leben, wird „Hygge“ empfohlen, was so etwas wie Gemütlichkeit bedeutet. Das Nachmachen ist gerade zu dieser Jahreszeit ziemlich einfach: eine Kerze anzünden, Handy ausschalten, heißen Kakao trinken, zurücklehnen und dem schnellen Leben für ein Weilchen entsagen.

Auch die Beißschiene kann helfen. Zahnprofessor Frankenbeger: „Mir ist es lieber, jemand arbeitet seinen Stress an den geschienten Zähnen ab, als dass er alles in sich hineinfrisst und ein Magengeschwür bekommt.“