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Streit um Antibiotika-Einsatz

Wenn etwa Puten oder andere Tiere zu oft mit Antibiotika behandelt werden, stellt das eine Gefahr für Fleischkonsumenten dar.
Wenn etwa Puten oder andere Tiere zu oft mit Antibiotika behandelt werden, stellt das eine Gefahr für Fleischkonsumenten dar. FOTO: dpa
Potsdam. Es sind die Horrorbilder schlechthin: Menschen sterben langsam auf der Intensivstation, weil kein Antibiotikum mehr hilft. Ist daran auch der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft schuld? Am gestrigen Mittwoch debattierte der Landtag darüber. Benjamin Lassiwe

Rund 30 000 Deutsche sterben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene jährlich an Infektionen mit multiresistenten Keimen. Mit Erregern, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft.

Schuld daran ist auch der massenweise Einsatz dieser Mittel in der Landwirtschaft: Während in der Humanmedizin pro Jahr rund 800 Tonnen Antibiotika zum Einsatz kommen, wurden nach Angaben des Münchener Helmholtz-Zentrums allein 2012 rund 1600 Tonnen dieser Präparate in der Veterinärmedizin verabreicht. Was die Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen am Mittwoch dazu brachte, die Antibiotika in der Landwirtschaft zum Thema der letzten von ihr beantragten "Aktuellen Stunde" in dieser Legislaturperiode zu machen. Denn am 1. April trat die Novelle des Arzneimittelgesetzes in Kraft, die eine Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Landwirtschaft zum Ziel hat.

Bislang allerdings wurde die Verwendung dieser Mittel in Brandenburg weder erfasst noch ausgewertet, kritisierte die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Ursula Nonnemacher, in der Debatte. "Immer mehr Reserveantibiotika werden in der Nutztierhaltung eingesetzt, wo sie überhaupt nichts zu suchen haben", so die Politikerin, die vor ihrer Zeit als Abgeordnete selbst als Ärztin praktizierte. "Die industrielle Tierproduktion bringt nicht nur unerträgliches Tierleid mit sich, die immensen Folgekosten durch Resistenzbildung und Umweltzerstörung tragen wir alle."

Ganz anders äußerte sich anschließend Udo Folgart. Der SPD-Landtagsabgeordnete ist auch Präsident des Brandenburger Bauernverbands - und verteidigte dementsprechend die Landwirte des Landes mit Klauen und Zähnen. Landwirte würden die umstrittenen Präparate "verantwortungsvoll" einsetzen. "Wer krank ist, hat ein Recht auf Behandlung", sagte Folgart. "Das gilt für den Menschen wie für das Tier."

"Wenn regelmäßig Antibiotika ausgegeben werden, ist grundsätzlich etwas faul im Stall", sagte dagegen der Linken-Abgeordnete Michael Luthardt. Die Bauernschaft täte gut daran, ihre Kritiker ernst zu nehmen und nicht pauschal zu verdammen. Der Tierschutz müsse bei Investitionsmaßnahmen in der Landwirtschaft künftig eine zentrale Rolle spielen.

Und auch Umweltministerin Anita Tack sprach sich für einen geringeren Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft aus.

Doch mit ihren Forderungen, etwa eine zentrale Informationsplattform zu Antibiotika in der Tierhaltung auf der Homepage des Gesundheitsministeriums einzurichten oder sich auf Bundesebene für ein Verbot von Mengenrabatten beim Kauf solcher Präparate einzusetzen, stießen die Grünen dennoch auf Granit. Die rot-rote Regierungsmehrheit lehnte ihren Entschließungsantrag so wie eigentlich immer ab.