ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:39 Uhr

Historie und Erinnerungskultur
Warnung vor rechter Geschichtsdeutung

 Ernste Mienen: Stiftungsdirektor Axel Drecoll zeigt sich in Potsdam angesichts rechter Einflussnahme auf die Erinnerungskultur in Deutschland besorgt. Mit Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) stellt er das Programm der Brandenburgischen Gedenkstätten vor.
Ernste Mienen: Stiftungsdirektor Axel Drecoll zeigt sich in Potsdam angesichts rechter Einflussnahme auf die Erinnerungskultur in Deutschland besorgt. Mit Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) stellt er das Programm der Brandenburgischen Gedenkstätten vor. FOTO: ZB / Ralf Hirschberger
Potsdam. Axel Drecoll stellt das Programm seiner Gedenkstätten-Stiftung vor und findet mahnende Worte zu Rechtspopulismus. Von Benjamin Lassiwe

„Eine massive Bedrohung und Gefahr“ sieht der Direktor der Stiftung Brandenburger Gedenkstätten, Axel Drecoll, im Erstarken des Rechtspopulismus in Deutschland. Bei der Vorstellung des Jahresprogramms der Stiftung am Mittwoch in Potsdam warnte er davor, dass Rechtspopulisten versuchten, die Erinnerungskultur in Deutschland umzudeuten. „Der Versuch, die Erinnerungskultur durch die Verharmlosung der NS-Geschichte fundamental zu verändern, betrifft die Gedenkstätten in der Stiftung unmittelbar.“ Dass etwa am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die NS-Opfer, in Cottbus eine fremdenfeindliche Demonstration stattfand, sei „besonders perfide“, so Drecoll.

Die Gedenkstätten stünden deswegen vor der Herausforderung, das Gedenken und die Erinnerung an die Opfer der Verbrechen und ein kritisch reflektiertes Geschichtsbewusstsein zu verteidigen und zu stärken. Unter dem Motto „aus der Region für die Region“ sollen deswegen verstärkt Geschichtsprojekte in Brandenburg unterstützt werden und entsprechende Kooperationen eingegangen werden. Daneben setzen die Gedenkstätten auch auf neue Zielgruppen: So sei eine Mitarbeiterin in der Gedenkstätte im ehemaligen Zuchthaus Brandenburg-Görden gerade dabei, ein Bildungsprogramm für Insassen der benachbarten Justizvollzugsanstalt zu erarbeiten, sagte die Leiterin der Gedenkstätten in Brandenburg (Havel), Sylvia de Pasquale. In der ebenfalls in der Havelstadt gelegenen Gedenkstätte für die Euthanasie-Morde werden bereits inklusive Rundgänge angeboten, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten aus der Lebenshilfe-Gruppe in Brandenburg (Havel) geleitet werden. Ihr 60-jähriges Bestehen begeht in diesem Jahr die KZ-Gedenkstätte Ravensbrück. Sie war als „Nationale Mahn- und Gedenkstätte“ am 12. September 1959 mit einer „Weiherede“ von Rosa Thälmann eröffnet worden. Am 12. September soll deswegen eine Sonderausstellung zu „Deutschen politischen Häftlingen im Frauen-KZ Ravensbrück“ eröffnet werden, kündigte Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach an. Zudem sollen in diesem Jahr drei größere Baumaßnahmen in Ravensbrück abgeschlossen werden. Erstmals soll den Besuchern das historische Häftlingslager zugänglich gemacht werden. Auch das ehemalige Wasserwerk und der Zellenbau von Ravensbrück sollen wieder für Besucher zur Verfügung stehen.

Insgesamt kann die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken: 2018 besuchten rund 850 000 Menschen die Ausstellungen und Veranstaltungen in den sechs Einrichtungen unter ihrem Dach. Anfang der 1990er-Jahre hatten lediglich 170 000 Menschen die Gedenkstätten besucht. „Es ist nicht so, dass mit Ablauf der Jahrzehnte das Interesse nachlässt“, sagte Brandenburgs Kultusministerin Martina Münch (SPD). „Es sind die Nachfolgegenerationen, die sich dafür interessieren, was mit ihren Vorfahren passiert ist: Sie möchten gerade keinen Schlussstrich ziehen.“