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| 19:38 Uhr

Spree wird zu großen Teilen daraus gespeist
Sterben Lausitzer Flüsse ohne Grubenwasser?

 Die Schwarze Elster Mitte August im sächsischen Tätzschwitz ist völlig ausgetrocknet. Dass die Spree in der Lausitz derzeit überhaupt noch Wasser führt, hat sie Grubenwasser aus dem Kohlebergbau und Wasser aus der Talsperre Spremberg zu verdanken.
Die Schwarze Elster Mitte August im sächsischen Tätzschwitz ist völlig ausgetrocknet. Dass die Spree in der Lausitz derzeit überhaupt noch Wasser führt, hat sie Grubenwasser aus dem Kohlebergbau und Wasser aus der Talsperre Spremberg zu verdanken. FOTO: Rasche Fotografie / STEFFEN RASCHE
Neuhausen. Die Spree wird zurzeit zu 70 Prozent aus Grubenwasser gespeist. Aber was passiert, wenn die Kohle geht? Eine Experten-Runde in Neuhausen hat einen Masterplan, ein Kompetenzzentrum und mehr Engagement des Bundes gefordert. Von Christian Taubert

Einen Ansatz von Polemik gab es an diesem Abend in Neuhausen nur ansatzweise. Als die grüne Landtagskandidatin Isabell Hiekel aus Byhleguhre erklärte, dass auch sie für den Kohleausstieg schon 2030 eintrete, reagierte Moderator Raik Nowka mit der spitzen Bemerkung: „Warum 2030? Der Kohlekompromiss mit dem Ausstieg 2038 ist doch nicht am Küchentisch entschieden worden.“

Für den Spremberger CDU-Landtagsabgeordneten ist die Zeit vor dem Hintergrund des Wasserhaushaltes in der Lausitz eher viel zu knapp bemessen, um das mit dem Tagebau-Stopp in der Region nicht mehr fließende Grubenwasser etwa für die Spree auszugleichen. Und wer an diesem Abend in den Neuhausener Gemeindesaal gekommen war, der war ebenfalls dieser Auffassung und forderte zum schnellen Handeln auf.

„Reicht das Wasser in Spree und Neiße, wenn die Kohle geht?“

Die Fakten der Experten, die der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Schulze eingeladen hatte, sprechen zudem eine deutliche Sprache. Auf Schulzes Frage, „Reicht das Wasser in Spree und Neiße, wenn die Kohle geht?“, müssen sie zurzeit alle die einhellige Antwort „Nein“ geben. Und das ist nachvollziehbar. Nicht wegen der Trockenjahre 2018 und nun auch 2019.

Vielmehr, so erläutert der Leag-Chefgeologe Ingolf Arnold, würden 70 Prozent des Wassers für die Spree ohnehin aus den Tagebauen kommen. Grundwasser wird gehoben und in den Fluss geleitet, um die Arbeit in den Tagebauen zu ermöglichen. Bei der gegenwärtigen Trockenheit fließen die restlichen 30 Prozent fast ausschließlich aus den Talsperren im Sächsischen zu.

Wasser genauso wichtig wie Arbeitsplätze

Woher also soll das Wasser kommen, wenn die Kohle geht? „Das Wasser ist genauso wichtig wie Arbeitsplätze“, sagt Schulze mit Blick auf den Strukturwandel in der Lausitz und wehrt sich dagegen, wenn grüne Politiker im Bund erklären, dass wegen des Wasserhaushaltes doch nicht auf den baldigen Kohleausstieg verzichtet werden könne. Dann aber, so das Mitglied im Umweltausschuss des Bundestages, müsse bei der gegenwärtigen Erarbeitung des Strukturstärkungsgesetzes auch aufgezeigt werden, „wie Braunkohlepläne auf den früheren Ausstieg umgeschrieben werden“.

Im Klartext heißt das, da waren sich die Wasser-Experten in Neuhausen einig, so schnell wie möglich auf die veränderte Situation zu reagieren. So forderte Geologe Arnold, dass der Bund neben einer „verbindlichen Perspektive“ folgende Maßnahmen zur Stabilisierung des Wasserhaushaltes in der Lausitz ergreifen müsse:

  • Es braucht einen Masterplan für bis zum Jahre 2050. In diesem Zusammenhang sei zu klären, welche Rolle Sulfat spielt.

  • Strukturen und Kompetenzen gehören auf den Prüfstand. Die Flutungszentrale, die bisher nur Daten sammeln und Empfehlungen geben könne, brauche Entscheidungskompetenz.

  • Für die Schwarze Elster, die das zweite Jahr hintereinander trocken gefallen ist, werde ein Kopfspeicher von 20 bis 25 Millionen Kubikmeter Wasser südlich von Hoyerswerda dringend benötigt. Arnold: „Hier gibt es zurzeit nichts.“ Zugleich seien „Leitplanken“ für beschleunigte Genehmigungsverfahren erforderlich.
  • Neben dem Neißewasser-Überleiter müsse auch ein Elbewasser-Überleiter in Angriff genommen werden.

Elbe-Überleiter längst überfällig

Dabei zählt der Bereichsleiter Technik des Bergbausanierers LMBV, Eckart Scholz, den vor Ort „ungeliebten“ Elbe-Überleiter zu einem alten, aber längst überfälligen Lösungsansatz.

Der Cottbuser Wasser-Professor Uwe Grünewald pflichtet ihm bei: „Bei gut 60 Kubikmetern pro Sekunde Fließgeschwindigkeit der Elbe in Trockenzeiten würde ein Abzweigen von drei Kubikmetern die Schiffbarkeit des Flusses auch nicht retten.“

Aber für die Spree (mit gerade rund 14 Kubikmetern/Sekunde) wäre dies bedeutsam. „Schon heute gibt es ein tägliches Ringen, um den Wasserabfluss ins Spreegebiet zu halten“, lenkt Scholz den Blick auf das künftig ausbleibende Grubenwasser.

„Wir brauchen also neue Lösungsansätze, um künftig alle Ansprüche bedienen zu können.“ Damit ist die private Entnahme von Spreewasser ebenso gemeint wie der Erhalt des Biosphärenreservates Spreewald mit dem Tourismus oder die Wasserversorgung von Frankfurt (Oder) und Berlin.

Prioritäten müssen gesetzt werden

Bleibt Grubenwasser weg, ohne dass es dafür „Ersatz“ gibt, „müssen Prioritäten gesetzt werden“, sagt Scholz.

Aus der Sicht von Sebastian Fritze von der sächsischen Talsperrenverwaltung werde es „zu Einschränkungen für den Spreewald und die Bergbauseen kommen, wenn sich nicht endlich jemand kompetent um den Wasserhaushalt hierzulande kümmert“.

Mit den Bergbautreibenden sei man seit 1998 fachlich eng verbunden. Aber hier müsse der Bund mit ins Boot. Professor Grünewald fordert deshalb eine konzertierte Aktion, wie es sie in den 1990er-Jahren mit Platzeck, Hassemer und Töpfer – den damaligen Umweltverantwortlichen von Brandenburg, Berlin und Bund –  gegeben habe.

Kompetenzzentrum Wasserhaushalt mit dem Bund

„Wir brauchen ein Kompetenzzentrum Wasserhaushalt mit dem Bund“, verweist Grünewald auch darauf, dass mit Polen über einen Speicherbau für die Spree verhandelt werden müsse.

„20 Jahre bis zum Kohleausstieg 2038 sind nicht viel Zeit“, verdeutlicht Gastgeber Klaus-Peter Schulze die Brisanz des Themas. Er werde in den Haushaltsverhandlungen beim Bund erneut auf den Ernst der Lage hinweisen und auf Mittel drängen, die für die Sanierung des Wasserhaushalts in der Lausitz unerlässlich sind.

„Der Bund darf hier nicht länger mit dem Finger auf die Länder zeigen“, sagt Schulze mit Verweis auf den von Berlin „verordneten“ schnelleren Ausstieg aus der Kohle.