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| 19:12 Uhr

Bundespräsident unterwegs in ländlichen Regionen
Steinmeier hört nur wenig Kritik

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender stehen lachend in einem PKW der Marke „Trabant“ bei einem Besuch der Freiwilligen Feuerwehr im uckermätkischen Tantow. Die Reise steht unter dem Motto: „Land in Sicht –Zukunft ländlicher Räume“.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender stehen lachend in einem PKW der Marke „Trabant“ bei einem Besuch der Freiwilligen Feuerwehr im uckermätkischen Tantow. Die Reise steht unter dem Motto: „Land in Sicht –Zukunft ländlicher Räume“. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Tantow. Der Bundespräsident hat in der Uckermark ländliche Regionen besucht. Von Benjamin Lassiwe

„Sei herzlich willkommen, guten Tag“, singen die Kinder aus der Kindertagesstätte der Volkssolidarität im uckermärkischen Tantow. „Sei herzlich willkommen, dobre dzień.“ Zwischen der Rutsche und der Buddelkiste hatten sie sich auf dem Spielplatz aufgestellt, um Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender zu empfangen.

Sie waren am Freitag nach Tantow gekommen, um sich über das Leben im ländlichen Raum Brandenburgs zu informieren. Denn Steinmeier ist gerade auf einer sogenannten „Land in Sicht“-Tour unterwegs. Er will mit Besuchen in ländlichen Regionen Deutschlands Aufmerksamkeit für das Leben auf dem Lande und seine speziellen Probleme, zum Beispiel die demografische Entwicklung, erzeugen.

Ihm gehe es nicht um Postkartenidylle, sondern um einen realistischen Blick auf ländliche Regionen, Kleinstädte und Dörfer. Es gehe darum, wie sich Menschen bemühen, ihre Lebensqualität zu halten. „Das Grundgesetz schreibt uns vor, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen“, sagt Steinmeier. Ein Thema, das nicht nur die Uckermark betrifft: Auch in der Lausitz oder der Prignitz sorgen sich viele Menschen um die Verkehrsanbindung, die Gesundheitsversorgung oder die schlechte Breitbandversorgung.

Tantow war ein Ort, der lange auszusterben drohte. Die einzige Gaststätte im Ort hatte lange dichtgemacht, die Kita stand vor der Schließung. Doch der Ort an der polnischen Grenze profitiert von Zuzüglern aus dem Großraum Stettin. „Wir haben heute 31 deutsche und 29 polnische Kinder in unserer Kindertagesstätte“, sagt die Leiterin der Kindertagesstätte der Volkssolidarität, Renate Pintschorius.

Unter den Elternvertretern, die Steinmeier und Büdenbender anschließend bei einem Kaffee treffen, ist auch Michal Zaniewski. Er trägt eine polnische Polizeiuniform: Als Polizist arbeitet er im Nachbarland, privat hat er sich aber schon vor einiger Zeit in Tantow niedergelassen. „Wir Älteren kennen die Grenze noch, mit Passkontrollen und allem“, sagt Zaniewski. „Unsere Kinder verstehen das Wort Grenze nicht mehr.“ Denn durch die gemeinsame Kita lernen sich die Familien aus Deutschland und Polen kennen, sie freunden sich an. Solche Erfolgsgeschichten hört der Bundespräsident gern.

Doch auch manche praktischen Probleme im Miteinander von Deutschen und Polen werden Steinmeier geschildert. Anna Pavlovska zum Beispiel, die als polnische Kindergärtnerin in der Kindertagesstätte in Tantow arbeitet, kämpft um die Anerkennung ihres polnischen Diploms in Deutschland. Fünf Jahre hat sie in Polen studiert, 13 Jahre im EU-Mitgliedsland in einer Kindertagesstätte gearbeitet, und doch muss sie in Deutschland noch eine mehrjährige Anerkennungsphase absolvieren. Und im Hort darf sie immer noch nicht arbeiten, nur in der Krippe und der Kita. Im Gespräch ist auch der überzeugte Europäer Frank-Walter Steinmeier überrascht von den Problemen der Bürokratie.

Doch Pavlovska ist auf der „Land in Sicht“-Tour eher die Ausnahme. In der Regel werden Steimeier Positivbeispiele gezeigt: Zum Beispiel die freiwillige Feuerwehr des Ortes, von deren 20 Kameraden neun aus Polen stammen, und die noch in diesem Jahr ein neues Auto bekommt. Stimmen, die die Situation in Tantow kritisch sehen, waren dagegen nicht zu hören. Die beachtlichen Stimmenergebnisse, die die Rechtspopulisten der AfD auch in der Uckermark geholt haben, waren jedenfalls in Tantow kein Thema. Ist das also wirklich der realistische Blick, den der Bundespräsident zeigen wollte? Steinmeier jedenfalls würdigt Tantow als einen Ort, der aus seiner „Randlage an der Grenze einen Vorteil“ gezogen habe.

Ein ähnliches Bild, etwas später, in Prenzlau. Auf dem Busbahnhof im Herzen der Stadt herrscht gerade Hochbetrieb. Schüler warten auf ihre Busse. Ein Bussteig in der Mitte des Busbahnhofs ist abgesperrt, „Polizeiabsperrung“ steht auf den rotweißen Flatterbändern. Zwei Busse parken dort. Begleitet von Sicherheitskräften und Journalisten läuft Steinmeier auf die Busse zu.

Der Geschäftsführer der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft, Lars Boehme, stellt Steinmeier den Kombibus vor: Die durch die Uckermark rollenden Linienbusse befördern auch Fracht, sind dadurch besser ausgelastet, und können zu einer besseren Vermarktung regionaler Produkte beitragen. Seit 2012 fahren die Busse auch Güter durchs Land – sogar die Einkäufe aus Schwedt können sich die Uckermärker nach Hause bringen lassen. „Wie in meiner Kindheit“, sagt Steinmeier dazu. Anhand der beiden Busse demonstrieren zwei Fahrer dann das Umladen von Fracht.

„Es gibt nicht nur Probleme im ländlichen Raum“, sagt Steinmeier anschließend bei einem Pressestatement. „Ich sage, es macht keinen Sinn, den ländlichen Raum zu idealisieren oder abzuschreiben.“ Und er wiederholt die Forderung, dass die Politik die Aufgabe habe, für gleichwertige Lebensverhältnisse überall im Land zu sorgen. Und dann sagt er noch einen Satz, der auch von Manfred Stolpe oder Matthias Platzeck sein könnte: „Vielleicht müssen wir als Politiker auch wieder mehr bei den Menschen sein, auch im ländlichen Raum“, sagt Steinmeier, steigt in die große, schwarze Limousine mit der Standarte auf der Fronthaube und dem amtlichen Kennzeichen „0-1“ und braust zum nächsten Termin.