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| 19:10 Uhr

Wirtschaftsfaktor Spreewaldmarathon
Der Millionen-Marathon im Spreewald

 Der Spreewaldmarathon hat viele Facetten. Wirtschaftliche Effekte gehören dazu.
Der Spreewaldmarathon hat viele Facetten. Wirtschaftliche Effekte gehören dazu. FOTO: Andreas Staindl / Michael Helbig / shutterstock/Dmitry Molchanov
Lübben/Lübbenau/Cottbus/Burg. Die Breitensport-Veranstaltung Spreewaldmarathon hat 2018 fast 3,6 Millionen Euro in die Region gespült – auch an Kurtaxe. Doch Unterstützung aus den Kommunen gibt es nicht. Das ärgert Organisator Hans-Joachim Weidner. Von Ingvil Schirling

Wer Hans-Joachim Weidner kennt, weiß: Der Mann hat Temperament. Und das ist auch gut so. Ohne dieses Feuer hätte der 61-Jährige wohl kaum Brandenburgs größte Breitensportveranstaltung erfunden, entwickelt und zu einer eigenen Liga in seiner Ausrichtung ausgebaut. Die Idee stammt übrigens von seiner Frau.

Die Rede ist vom Spreewaldmarathon, der Jahr um Jahr neue Teilnahmerekorde erzeugt und am Puls der Sportler bleibt. Die Zahl der Möglichkeiten, an einem Frühlingswochenende paddeln und skaten, radeln und laufen, walken und wandern zu können, auf markierten Strecken mit und ohne Wettbewerb, als Familie oder Profisportler, dürfte deutschlandweit eher überschaubar sein. Weidner und seine Mitstreiter haben über Jahre auch neue Trends wie das Stand-up-Paddling (SUP) gesehen und integriert.

Vom Ärger zum Rechenstift

Ihm und René Swat ging es aber deutlich zu weit, als in einer Ausschusssitzung in Burg (Spree-Neiße) im Herbst 2018 der Nutzen des Spreewaldmarathons für die Fließlandschaft, ihre Wirtschaft und Einwohner bezweifelt worden sein soll. „Das hat uns unwahrscheinlich geärgert.“ Doch statt einzuschnappen, packte federführend René Swat eine Fleißarbeit an. Es ging um nichts weniger als den Beweis, dass die Veranstaltung, die Ende April 2019 zehn Disziplinen auf 33 Strecken in 44 Wettbewerben vereinen wird, bares Geld in Millionenhöhe in den Spreewald spült.

Dafür nahm sich René Swat die Zahlen aus 2018 und einen spitzen Bleistift. Sein Ergebnis zeichnet ein Bild vom Spreewaldmarathon, das an einigen Stellen überrascht.

13 155 Teilnehmer gab es demnach 2018 an den Hauptveranstaltungs- und Beherbergungsorten Burg, Lübbenau und Lübben. Die Übernachtungsquote wird mit 40 Prozent angesetzt. Ein erstes Achtungszeichen setzt die Altersstruktur: „Das Hauptteilnehmerfeld liegt in der finanzstärksten Kategorie der 31- bis 59-Jährigen“, sagen die Organisatoren.

Gurke, Emotionen und M80

Und nicht nur das. So spreewaldtypisch die Gurke, die es zum wiederkehrenden Entzücken der Teilnehmer als Medaille gibt, so ungewöhnlich sind manchmal die Wege, um Dinge möglich zu machen. „Wir mussten eine extra Altersklasse erfinden“, sagt Hans-Joachim Weidner. Für sechs Männer jenseits der 80 Jahre, die sich über zehn Kilometer Laufen messen wollten, gab es kurzerhand eine M80.

Menschen aus 76 Ländern waren bisher dabei und lernten über die Sportveranstaltung die Fließlandschaft und ihre Umgebung kennen. 2018 kam das Gros der Teilnehmer naheliegenderweise aus Brandenburg (5213), viele weitere reisten aus Sachsen (2867), Berlin (2227) und weiteren Nachbarbundesländern an. 73 Sportler kamen aus Dänemark, 27 aus Polen, zwölf aus Tschechien, acht aus Frankreich, je zwei aus den USA und von den Philippinen, einer aus Kamerun.

Besonderes Miteinander

Eines der Aushängeschilder ist weiterhin das freundliche Miteinander von Breitensportlern und Profis. Olympiasieger wie Claudia Pechstein oder Olaf Pollack waren mehr als einmal dabei. Doch zu den „weichen Faktoren“ des Spreewaldmarathons später mehr.

Zurück zu den nackten Zahlen: Bei 5260 Übernachtungen, so rechnet René Swat, ließen die nationalen Teilnehmer vergangenes Jahr 1 431 640 Euro in der Region Spreewald-Lausitz. Über eine Multiplikator-Quote von 1,75, basierend auf Studien, wie viele Begleiter Breitensportler zu solchen Veranstaltungen rechnerisch mitbringen, steigert sich demnach der gesamtwirtschaftliche Effekt allein bei den Übernachtungen von Teilnehmern und Gästen auf 2 892 967 Euro. Die Nase vorn hat hier übrigens Burg mit rund der Hälfte aller Übernachtungen, gefolgt von Lübbenau. Das letzte Viertel teilen sich Lübben und weitere Orte.

Teilnehmer mit Tagesanreise ließen 2018, dem spitzen Stift von René Swat zufolge, zusätzlich insgesamt knapp 700 000 Euro in der Region. Daraus ergibt sich unterm Strich ein rechnerisches Gesamtumsatzvolumen von knapp 3,6 Millionen Euro.

Nicht von der Hand zu weisen sind weitere „weiche“ Aspekte, die schwer in Zahlen zu fassen wären: Etwa ein Drittel der Teilnehmer wird zu „Wiederholungstätern“, schätzen die Organisatoren ein. Das heißt, sie kommen wieder, oft bringen sie Familie mit, um die Region zu entdecken. René Swat und Hans-Joachim Weidner fahren wiederum häufig auf Messen und bewerben aus ihrer Sicht mit dem Spreewaldmarathon gleichzeitig die Region. Dessen Teilnehmer wiederum erzählen drittens weiter, was sie erlebt haben und – im besten Fall – wie schön es war, womit sie zu touristischen Multiplikatoren werden und ihrerseits Mundpropaganda für den Spreewald machen.

Wenn Sport zum Genuss wird

Seit den Anfängen 2003 ist die Breitensportveranstaltung kontinuierlich gewachsen. 13 Verpflegungsanhänger und sechs große Lkw für Lebensmittel und Getränke führt Hans-Joachim Weidner als Beweis für eine weitere Besonderheit an: „Das eigentlich Schöne, den Genuss beim Sport.“ Getragen wird der Marathon mit Unterstützung von Menschen der Region selbst. 500 Helfer stehen Jahr für Jahr parat.

Auch ihretwegen gibt es von Weidner und Swat Feuer, wenn es heiße, der Spreewaldmarathon bringe der Region nichts, sei aufgrund der Vielzahl von Sportlern sogar belastend. Sicher, wenn beispielsweise die großen Radlerpulks starten, müssen Autofahrer aufpassen. Doch das Kulturprogramm, die Abendkahnfahrten, das Feuerwerk in Burg am Samstagabend und die Musikveranstaltungen „kommen Gästen und Einheimischen zugute“, sagt Weidner.

Es soll etwas zurückgegeben werden

Er wünscht sich einen Teil der Kurtaxe, die nächtigende Sportler in der Spreewald-Region lassen, zur Verwendung genau dafür. „Unsere Berechnungen bei Einnahmen an Kurtaxe liegen bei Minimum 8000 Euro“, sagt er.

Wie das geregelt werden soll, ist offen. Doch um Unterstützung aus den Kommunen, vor allem Burg, wirbt Weidner seit Jahren. Mit dem Nachweis der wirtschaftlichen Effekte in der Region dürfte er jetzt nicht nur feurige, sondern auch schlagkräftige Argumente haben.