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| 02:38 Uhr

Späte Hilfe nach erlittenem Unrecht

Angesiedelt ist die Beratungsstelle bei der Beauftragten des Landes zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe.
Angesiedelt ist die Beratungsstelle bei der Beauftragten des Landes zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe. FOTO: dpa
Potsdam. Eine Beratungsstelle für Psychiatrie-Opfer hat am Mittwoch in Potsdam ihre Arbeit aufgenommen. Betroffene erhalten Rat und Unterstützung. Benjamin Lassiwe / iwe1

Ihre Kindheit und Jugend verbrachten sie in großen Schlafsälen. Der Schulbesuch wurde ihnen verwehrt. Es herrschte eine lieblose Atmosphäre, es gab keine Privatsphäre. Und selbst die eigentlich erforderlichen Therapien fanden oft nicht immer statt. Wer als Kind in den 60er-, 70er- und teilweise auch noch 80er-Jahren in einer Behinderteneinrichtung oder Psychiatrie untergebracht war, leidet teilweise bis heute unter den Folgen dieser Zeit. Sexuelle Übergriffe, medikamentöse Ruhigstellung oder auch der Missbrauch von Behinderten als billige Arbeitskräfte waren in manchen Einrichtungen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs an der Tagesordnung.

Um Betroffene zu entschädigen, haben der Bund, die Länder und die beiden großen Kirchen zum 1. Januar 2017 die Stiftung "Anerkennung und Hilfe" gegründet und mit insgesamt 288 Millionen Euro ausgestattet. Das Land Brandenburg beteiligte sich daran mit 7,9 Millionen Euro. Ab dem 3. April wird diese Stiftung auch ein Büro in Potsdam haben.

Betroffene, die heute im Land Brandenburg leben, erhalten dort Hilfe und Beratung - unabhängig davon, ob sie einst in einer Einrichtung in der DDR oder der alten Bundesrepublik lebten. Angesiedelt ist die Anlaufstelle bei der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe.

"Wir erwarten für Brandenburg rund 2000 Betroffene", sagte Poppe. Diese Zahl gehe davon aus, dass rund ein Viertel der Menschen, die dafür infrage kommen, sich selbst oder mithilfe ihrer Betreuer an die Stiftung wenden würden.

"Die Stiftung kann das erlebte Unrecht nicht ungeschehen machen", sagte Sozialministerin Diana Golze (Linke) am Mittwoch vor Journalisten in Potsdam. "Aber sie erkennt das erlittene Leid an und unterstützt die Betroffenen auch finanziell." Heute würden viele Betroffene unter Folgen von Hospitalisierung oder zu starken Medikamentengaben leiden.

Zudem hätten sie oft nicht die Ausbildung erhalten, die eigentlich für sie möglich gewesen wäre. Deswegen können Betroffene eine einmalige pauschale Geldleistung zur Verbesserung ihrer Lebenssituation erhalten. Und wer als Kind oder Jugendlicher arbeiten musste, ohne dass für ihn damals in die Rentenversicherung eingezahlt wurde, kann dort Rentenersatzleistungen beantragen.

Poppe sagte, ihr persönlich sei wichtig, dass auf diese Weise auch Licht in ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte falle. "Die DDR nahm für sich immer in Anspruch, in der Sozialpolitik der bessere Staat gewesen zu sein", fügte Poppe hinzu. "Aber die soziale Qualität eines Landes misst sich nicht nur darin, wie groß die Spanne zwischen arm und reich ist, und wie niedrig der Brotpreis war."

Vielmehr sei es auch nötig, in die von der Gesellschaft abgesonderten Areale zu blicken - Altenheime, Kinderheime, psychiatrische Kliniken und Behinderteneinrichtungen. Gerade, weil es sich dabei oft um geschlossene Systeme handelte, habe sich Unrecht entwickeln können. "Wer als kleines Kind als förderunfähig eingestuft wurde, blieb es ein Leben lang", sagte Poppe. "Es wurde später nicht mehr überprüft." Die DDR sei dadurch geprägt gewesen, dass finanzielle Mittel dort eingesetzt wurden, wo sie für die Volkswirtschaft nützlich gewesen seien. Sozialeinrichtungen seien dagegen oft nur schlecht ausgestattet worden.

Und die Aufarbeitungsbeauftragte erinnerte an die Biografie des ehemaligen Direktors der kirchlichen Stephanus-Stiftung, Werner Braune. Für ihn sei es einer der schönsten Momente seines Lebens gewesen, dass nach der Wende zahlreiche Bewohner, die zu DDR-Zeiten als unbeschulbar galten, doch noch mit der Schultüte antreten und mit dem Schulbesuch beginnen konnten.

Zum Thema:
Die Anlaufstelle in Brandenburg findet sich Am Stellwerk 1 in 14473 Potsdam. Telefonisch ist sie Dienstag, Donnerstag und Freitag von 9 bis 13 Uhr und Donnerstag von 13 bis 17 Uhr unter der Telefonnummer 0331 237 292-60 erreichbar. Internet: aufarbeitung.brandenburg.de In Sachsen können sich Betroffene an das Ministerium für Soziales und Verbraucherschutz wenden. Telefonnummer: 0351 5645677