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Sorben und Wenden sorgen sich um den Erhalt der eigenen Sprache

Die Erzieherin Angelika Schmole liest am 23.02.2017 in der Sorbischen Kindertagestätte "Jan Radyserb-Wjela" in Bautzen (Sachsen) mit Hilfe einer Handpuppe aus der sorbischen Ausgabe des Buchs "Die kleine Raupe Nimmersatt". Die Sorben und Wenden sind die Ureinwohner Sachsens und Brandenburgs. Obwohl sie zahlenmäßig eher zulegen, nehmen ihre muttersprachlichen Kompetenzen ab. Damit sie nicht sprachlos werden, fordern sie auch mehr Sprachlehrer. (zu dpa "Sorben und Wenden sorgen sich um den Erhalt der eigenen Sprache" vom 27.02.2017) Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Die Erzieherin Angelika Schmole liest am 23.02.2017 in der Sorbischen Kindertagestätte "Jan Radyserb-Wjela" in Bautzen (Sachsen) mit Hilfe einer Handpuppe aus der sorbischen Ausgabe des Buchs "Die kleine Raupe Nimmersatt". Die Sorben und Wenden sind die Ureinwohner Sachsens und Brandenburgs. Obwohl sie zahlenmäßig eher zulegen, nehmen ihre muttersprachlichen Kompetenzen ab. Damit sie nicht sprachlos werden, fordern sie auch mehr Sprachlehrer. (zu dpa "Sorben und Wenden sorgen sich um den Erhalt der eigenen Sprache" vom 27.02.2017) Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ FOTO: Sebastian Kahnert (dpa-Zentralbild)
Bautzen. Sorben und Wenden sind die Ureinwohner der Lausitz. Obwohl sie zahlenmäßig eher zulegen, nehmen ihre muttersprachlichen Kompetenzen ab. Damit sie nicht sprachlos werden, braucht es mehr Lehrer. dpa

Für Andreas Kluge sind die Sorben und Wenden so etwas wie die Inder Europas. Denn überdurchschnittlich viele von ihnen würden in IT-Berufen zum Beispiel als Programmierer arbeiten. „Die Grammatik der Sorben ist so komplex wie Sanskrit“, weiß der Mediziner und nennt das Aufwachsen mit zwei Muttersprachen „eine gute intellektuelle Stimulation“. Das funktioniere zwar auch mit anderen Sprachen. „Aber Deutsch und Sorbisch sind aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu völlig unterschiedlichen Sprachgruppen besonders förderlich für die geistige Entwicklung.“

Die slawischen Sorben sind in Deutschland eine anerkannte nationale Minderheit. In Brandenburg, wo sie neben Sachsen beheimatet sind, werden sie teileise auch Wenden genannt. Kluge, der in Berlin aufwuchs, hat aus lauter Liebe zur Sprache Sorbisch gelernt. Damals kannte er seine heutige Frau, eine Sorbin, noch nicht.

In Berlin fiel Kluge auf, dass viele Namen dort slawischen Ursprungs sind. Allerdings sieht er die Sorben unter einem starken Assimilationsdruck. Nicht wenige würden ihre Namen lieber ins Deutsche übertragen: „Die heißen dann Gärtner statt Zahrodnik und sind als Sorben nach außen hin nicht mehr erkennbar.“ Dabei sei die sorbische Sprache ein wertvoller Schatz aller Menschen in Sachsen und Brandenburg und müsse als Ressource entsprechend gefördert werden.

Für Kluge - einem der führenden Köpfe der Initiative „Sorbisches Parlament“ - geht es auch um die Frage, welche Wertschätzung diese Ressource genießt. Wer glaube, mit den Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) in Brandenburg und seinem sorbischen Amtskollegen Stanislaw Tillich (CDU) in Sachsen sei das goldene Zeitalter für Sorben und Wenden ausgebrochen, der irre, sagt Kluge. Denn unter ihrer Regentschaft werde das klassische Siedlungsgebiet der Minderheit in der Lausitz abgebaggert und der Braunkohle geopfert: „Das Geld für die spätere Sanierung fehlt an andere Stelle - auch für die Sprache“.

Tatsächlich stehen Obersorbisch und Niedersorbisch (Wendisch) auf der Liste bedrohter Sprachen. „Weltweit werden heute über 6000 Sprachen gesprochen. Etwa 2500 davon sind gefährdet, 13 davon in Deutschland“, erläutert Katja Römer, Sprecherin der Deutschen Unesco-Kommission. Auch Sorbisch sei in seiner Vitalität gefährdet. „Fördermaßnahmen wie die Nutzung dieser Sprachen im öffentlichen, privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Leben oder in den Medien wirken sich positiv auf die Lebendigkeit der Sprachen aus, wie Unesco-Daten belegen“, sagt Römer und erinnert an die Verantwortung von Brandenburg und Sachsen.

All das steht auch in den Forderungskatalogen von Initiativen wie dem „Sorbischen Parlament“. Sie pochen auf eine bessere Infrastruktur mit ausreichend Lehrern sowie kurzen Schulwegen oder Schülerbeförderung. Außerdem müssten selbst kleine Klassen möglich sein. Tatsächlich ist die Zahl der Schüler mit sorbischer Muttersprache in Sachsen zuletzt stetig gesunken. Nach Angaben des Sorbischen Schulvereins gab es 1994 im Freistaat noch 1376 von ihnen, im Schuljahr 2015/2016 nur noch gut 650. Deshalb ist man im Verein über jede Familie froh, die ihr Kind schon in eine sorbische Kindertagesstätte schickt.

„Wir müssen um jedes Kind kämpfen“, sagt die Slawistin Ludmila Budar. Ein Selbstläufer sei der Erhalt der Sprache keinesfalls. Auch wenn die Landesverfassungen in Sachsen und Brandenburg das besondere Schutzbedürfnis sorbischer Belange formulieren. Doch in der Umsetzung verbriefter Rechte hapere es. Es reiche nicht aus, wenn Mutter und Vater konsequent mit dem Kind Sorbisch reden. Für die perfekte Beherrschung einer Sprache benötige man auch schulischen Sprach- und Fachunterricht, so wie es Deutschunterricht mit Orthografie und Grammatik gebe: „Das können Eltern allein nicht leisten“, sagt Budar.

Schließlich gehe es nicht nur darum, die Sprache zu erhalten, sondern weiterzuentwickeln. Doch auch in Medien sei Sorbisch viel zu wenig präsent. Budar sieht nicht zuletzt im Identitätsbewusstsein der Sorben und Wenden einen Schlüssel zur Lösung des Problems. Für sie sei es nicht einfach, ihre Identität in einem deutsch geprägten Umfeld zu behalten: „Sie fühlen sich wie ein Ausländer und haben das Gefühl, sich ständig erklären zu müssen.“ Viele würden deshalb ihre sorbischen Namen ablegen und auch das Brauchtum vernachlässigen - vor allem wenn ein Elternteil keine sorbischen Wurzeln besitzt.

Als Wissenschaftlerin weiß Budar, welche Vorteile Zweisprachigkeit auch für andere Kompetenzen haben kann. „Mädchen und Jungen, die von klein auf Deutsch und Sorbisch sprechen, sind auch in Mathematik oder Musik besser“, zitiert die Vorsitzende des Sorbischen Schulvereins Erfahrungen aus einer Grundschule in Brandenburg und begründet das mit der „Bildung von Synapsen im kindlichen Gehirn“. Dass sich solche Fähigkeiten auch im späteren Berufsleben auszahlen, liege in einer international vernetzten Welt auf der Hand. Wer Sorbisch oder Niedersorbisch beherrsche, verstehe auch Polnisch und Tschechisch.

Der Sorbische Schulverein hat Konzepte zum Spracherwerb entwickelt. Das Projekt „Witaj“ (Willkommen) ist für die Kleinsten gedacht. Mit einer speziellen Methode lernen sie auf spielerische Weise die Sprache. Unter dem Motto „2plus“ bekommen Kinder in Sachsen von der Grundschule bis zum Gymnasium bilingualen Unterricht. In Brandenburg gibt es Vergleichbares, aber nur in ausgewählten Fächern dient Niedersorbisch als Unterrichtssprache. Derzeit lernen in Brandenburg gut 1600 Schüler Wendisch, in Sachsen knapp 2500 Sorbisch.

Gerade in Brandenburg tobt aktuell ein Streit um die Sprache. Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport will den entsprechenden Unterricht künftig nur noch in Gruppen mit 12 oder mehr Schülern genehmigen und jahrgangsübergreifenden Unterricht für mehr als zwei Klassenstufen anbieten. Dagegen regt sich heftiger Widerstand. Nach Ansicht der Kritiker könnte dann der Sprachunterricht nur noch in wenigen Orten angeboten werden. „Die Lerngruppengröße ist derzeit noch völlig offen“, teilt dagegen das Ministerium auf Nachfrage mit und verspricht eine „praktikable und verlässliche Regelung“.

Auch personell droht Ungemach. Laut sächsischem Kultusministeriums scheiden bis 2025 fast 100 Lehrer an sorbischen Schulen altersbedingt aus. Im Sommer 2016 beschloss das Kabinett deshalb ein Maßnahmepaket. Im Gespräch ist unter anderem ein Einsatz von Lehrern aus Tschechien und Polen und ein erleichterter Zugang zum Studium am Institut für Sorabistik der Leipziger Universität. In Brandenburg verabschiedete die Regierung im Vorjahr gleichfalls einen Plan zur Stärkung der niedersorbischen Sprache. Derzeit hält man in Potsdam die Zahl der Lehrer noch für ausreichend, mittelfristig gebe es aber Bedarf.

„Die niedersorbische Sprache gehört zu den am meisten bedrohten Sprachen Europas“, heißt es in Brandenburger Ministerien. Kulturstaatssekretärin Ulrike Gutheil weist als Beauftragte für Angelegenheiten der Sorben/Wenden auf bisherige Bemühungen hin: „Für Brandenburg ist die sorbische/wendische Kultur ein außergewöhnlicher Reichtum, den wir auch weiterhin bewahren möchten.“ Leute wie Andreas Kluge wollen statt Lippenbekenntnissen aber mehr: „Letztlich brauchen die Sorben kulturelle Autonomie, um selbst über den Erhalt ihrer Sprache und Kultur entscheiden zu können.“