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| 13:24 Uhr

Wirbel im Staatstheater Cottbus
Eine angeblich andere Seite des Dirigenten

Hinter der Fassade des Cottbuser Staatstheaters herrscht offenbar dicke Luft.
Hinter der Fassade des Cottbuser Staatstheaters herrscht offenbar dicke Luft. FOTO: Patrick Pleul
Cottbus. Solisten des brandenburgischen Staatstheaters kritisieren in einem Brief den Führungsstil ihres Generalmusikdirektors. Von Thomas Klatt (MOZ)

Es hatte alles hoffnungsvoll begonnen. Ein junger, international erfahrener Dirigent übernimmt im Jahr 2008 die Stelle des Generalmusikdirektors am Staatstheater Cottbus. Er bringt frischen Wind in das Haus, hat Ideen, wagt besondere Inszenierungen und philharmonische Konzerte, die in der Presse gelobt werden. Das Konzept „Acht Uraufführungen in acht Konzerten“, in dem junge Komponisten mit neuen Stücken an dem Haus eine Chance erhalten, hat bundesweit Aufmerksamkeit gefunden. Beim Cottbuser Publikum ist der dynamische Generalmusikdirektor beliebt. Denn er ist auf der Bühne charmant, freundlich und immer zu einem Scherz bereit.

Doch das soll nur eine Seite des Dirigenten sein. Eine angeblich ganz andere Seite ist in den vergangenen Tagen publik geworden. In einem Brief an die Intendanz des Staatstheaters haben die Cottbuser Solisten der Sparte Oper ihren Generalmusikdirektor heftig kritisiert. Die Sängerinnen und Sänger zeigen sich in dem Brief nicht einverstanden mit den Führungsmethoden ihres Chefs, die sie als beleidigend, auch demütigend empfinden.

In dem zehnseitigen Papier, das dieser Zeitung vorliegt, werden Beispiele aus der täglichen Arbeit aufgelistet. Darin ist von cholerischen Ausbrüchen die Rede, von Beschimpfungen der Musiker und Solisten sowie anderer Mitarbeiter. Der Orchesterleiter wird unter anderem mit dem Satz gegenüber einem Sänger zitiert: „Ich werde dich durch die nächste Vorstellung peitschen, und dann wirst du schon sehen.“ Geschehen sei das unmittelbar nach der Aufführung einer Oper im Großen Haus. Ein anderer Sänger soll während einer „zehnminütigen Hasstirade“ des Dirigenten von ihm als die „begabteste, auf alle Fälle faulste Sau des Theaters“ beschimpft worden sein.

In einer späteren Aussprache in ähnlicher Angelegenheit habe der Generalmusikdirektor einen Stuhl in die Höhe gehoben und mit voller Wucht auf den Boden geworfen. Zwei Künstler hätten daraufhin panisch den Raum verlassen. Gegenüber einem musikalischen Leiter sei der Komponist mit dem Satz ausfällig geworden, er sei ein „faules, arrogantes Schwein“, er werde ihn „plattmachen“.

Den Brief ausgelöst hatte die Kündigung des Studienleiters Frank Bernard seitens der Brandenburgischen Kulturstiftung, unter deren Dach das Staatstheater arbeitet. Bernard hatte Mitte März erstmals über Facebook öffentlich Kritik an seinem Chef geäußert. Dabei hatte er unter anderem von „den Grenzen des täglich zumutbaren Terrors“ geschrieben, zugleich aber einen kollegialen Ton angeschlagen. So bot er dem Generalmusikdirektor Gespräche und Hilfe an. „Wenn du Mut hast, dann stell dich mir. Wenn du Empathie hast, zeig sie uns … wenn du Frust hast, rede mit uns.“ Bernards Kündigung hat die Sparte der Solisten jetzt zum Widerstand angeregt. Sie schreiben: „Unabhängig von der rechtlichen Situation sehen wir als Opernensemble diesen Text als das, was er ist: ein Hilfeschrei des Studienleiters Frank Bernard bezüglich des seit Jahren praktizierten Umgangs des Generalmusikdirektors mit den Mitarbeitern dieses Theaters.“

Im weiteren Teil des Briefes bitten die Solisten die Mitglieder des Stiftungsvorstandes darum, dass „Sie gemäß ihrer Fürsorgepflicht gegenüber uns Mitarbeitern … erkennbare Schritte unternehmen, welche endlich eine lebenswerte Arbeitsatmosphäre“ schaffen.

In mehreren Aussprachen wurde Intendant Martin Schüler auf diese und ähnliche Vorfälle hingewiesen. Seine Bemühungen, mäßigend auf den Generalmusikdirektor einzuwirken, seien jedoch erfolglos geblieben. Zu den Vorwürfen gegen den Orchesterleiter äußern sich Martin Schüler und Martin Roeder, Geschäftsführender Direktor des Staatstheaters und Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Beide räumen ein, „dass die geschilderten Vorgänge in der Vergangenheit bereits mehrheitlich in den … zuständigen Gremien… persönlich produktiv und lösungsorientiert behandelt wurden“. In anderen Passagen verteidigen sie den Generalmusikdirektor: Es sei außerordentlich bedauerlich, dass Solisten der Sparte Oper die Verbesserung der Zusammenarbeit durch einen Rückblick auf vergangene Konflikte belasten würden. Aggressive, persönlich beleidigende Äußerungen jedweder Art seien jedoch in keiner Weise akzeptabel.

Der Generalmusikdirektor sagte gegenüber der „Märkischen Oderzeitung“ kurz angebunden: „Der Brief ist nicht an mich gerichtet. Ich kenne ihn nicht. Wir klären das intern.“

20 Ausfälle gegenüber den Gesangssolisten listet das Schreiben auf. Es handele sich nur um einen Teil dessen, was passiert sei, heißt es von den Verfassern weiter. Die Liste sei nicht vollständig und mühelos mit ähnlichen Vorfällen zwischen dem Generalmusikdirektor und den Ankleiderinnen, dem Opernchor und dem Orchester fortzuführen. Am Schluss des Briefes nehmen dessen Autoren ihren Studienleiter in Schutz: „Diejenigen Mitarbeiter jedoch fristlos zu entlassen, welche sich mit dem Mut der Verzweiflung aus der Deckung wagen, um die unerträglichen Zustände zu beenden, ist aus unserer Sicht der falsche Weg.“

Die Stellungnahme zu den Vorfällen seitens der Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD), die auch im Stiftungsrat sitzt, ist knapp formuliert: „Wir gehen davon aus, dass die dort erhobenen Vorwürfe gegen den Generalmusikdirektor vor Ort mit allen Beteiligten geklärt werden. Der Vorgang wird auch Thema in der nächsten Stiftungsratssitzung sein.“

Der Brief ging auch an die Mitglieder des Stiftungsrates, darunter die Oberbürgermeister der Städte Cottbus und Frankfurt (Oder), Holger Kelch (CDU) und Martin Wilke (parteilos).

In der Brandenburgischen Kulturstiftung sind das Staatstheater und das Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus und Frankfurt (Oder) vereinigt.