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Soko „Koppel“ zieht Jahresbilanz
Wirtschaftliche Schäden durch Viehdiebstähle vervielfacht

Eine Herde Rinder im Spreewald nahe Straupitz (Brandenburg). Der durch Viehdiebstahl entstandene Schaden hat sich in Brandenburg in den vergangenen Jahren vervielfacht.
Eine Herde Rinder im Spreewald nahe Straupitz (Brandenburg). Der durch Viehdiebstahl entstandene Schaden hat sich in Brandenburg in den vergangenen Jahren vervielfacht. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Potsdam/Cottbus. Die Zahl der Viehdiebstähle ist 2017 in Brandenburg gegenüber dem Vorjahr zwar nicht gestiegen, dafür hat der wirtschaftliche Schaden durch gezielteren Diebstahl und die höhere Qualität der gestohlenen Tiere deutlich zugenommen. Die zuständige Ermittlungsgruppe „Soko Koppel“ zieht Jahresbilanz - und gibt Landwirten wichtige Tipps zum Schutz vor Kriminellen. Von Rüdiger Hofmann

Der Schaden durch Viehdiebstahl in Brandenburg wird immer höher, obwohl die Anzahl der Fälle leicht sinkt. 2012 seien im Land noch knapp 33.500 Euro Schaden gemeldet worden, 2016 seien es knapp 244.500 Euro gewesen, teilt die Polizei auf RUNDSCHAU-Anfrage mit. Die Schadenssumme hat sich damit mehr als versiebenfacht.

Soko Koppel tappt (noch) im Dunkeln

Die Aufklärungsquote hatte mit 3,2 Prozent in 2016 den niedrigsten Stand seit 2012. Im Landeskriminalamt Brandenburg war im März des vergangenen Jahres die Sonderkommission „Koppel“ mit sechs Mitarbeitern gegründet worden. Sie bearbeitet derzeit zehn Fälle, davon zwei Fälle aus dem Jahr 2016 und sieben Fälle aus dem Jahr 2017. Ein Fall wurde aus Sachsen übernommen. Dabei waren aus einem Stall in Spreewitz (Landkreis Bautzen) im März des vergangenen Jahres 23 Jungrinder und 21 Kälber gestohlen worden. Polizeiangaben zufolge seien auch Weidezäune und Folien entwendet worden. Der Schaden wird vom Eigentümer auf rund 35.000 Euro geschätzt.

„Bei den im Bestand der Soko Koppel bearbeiteten Taten aus 2017 wurden im Land Brandenburg 152 Rinder gestohlen“, sagt Karina Schulter vom Polizeipräsidium des Landes Brandenburg. Von Viehdiebstahl sind weitestgehend die Landkreise Potsdam-Mittelmark, Prignitz und Oberhavel betroffen. Doch auch das Einzugsgebiet der Polizeidirektion Süd wurde in Beschlag genommen: Anfang 2017 entführten Diebe mindestens 37 Tiere aus einem Rinderstall in Lieskau (Elbe-Elster). Wenig später verschwanden 32 Rinder von einer Koppel in Luckau (Dahme-Spreewald), außerdem wurden vier Zuchtbullen aus einer Agrargenossenschaft in Neißemünde (Oder-Spree) gestohlen.

Bisher wurden keine Täter gefasst. Nach Informationen der Polizei habe es bis Ende 2017 insgesamt mehr als 20 Fälle von Viehdiebstahl mit insgesamt 221 entwendeten Tieren gegeben. Ein Jahr zuvor waren es noch 31 Fälle. Die Tatorte sind sowohl Felder, Plantagen, Scheunen, sonstige landwirtschaftliche Betriebe, Viehweiden/Wiesen oder Ställe.

Bandenmäßiges Handeln

Grundsätzlich sei laut Polizei davon auszugehen, dass es sich um mehrere Täter handeln müsse. „Wir nehmen ein arbeitsteiliges und damit bandenmäßiges Handeln an“, sagt Karina Schulter. In den Fällen, welche die Soko Koppel übernommen hat, seien jeweils eine Vielzahl Rinder gestohlen worden. „Die Täter müssen logistisch vorbereitet sein, um diese Anzahl Tiere transportieren zu können. Sie müssen Kenntnisse über das Verhalten der Tiere und den Umgang mit ihnen besitzen. Das Verladen der Tiere nur durch einen Einzeltäter ist nicht möglich“, so Schulter.

Der Verbleib der Tiere und damit die Verwertung ist gegenwärtig ungeklärt. In den Fällen, welche durch die Soko Koppel bearbeitet werden, wurden unterschiedliche Tiere gestohlen. Es handelt sich dabei um sehr junge Kälber, ältere Kälber, aber auch Zuchtbullen. Dabei sei auffällig, dass oftmals besonders hochwertige Tiere oder Zuchtbullen offenbar gezielt gestohlen würden. Diebe scheinen genau zu wissen, welche Tiere sie greifen wollen. Die Ermittler glauben, dass sie bereits vorher bestens informiert sind und Zugriff auf die EDV der jeweiligen Bauern mit den Daten über Abstammung und Leistung der Tiere haben. Der Verdacht der Cyberkriminalität und Wirtschaftskriminalität liegt nahe, so ein Sprecher der Polizei. Die Täter hacken sich in die Rechner der Landwirte ein und klauen die für sie relevanten Daten.

Täter nutzen schlussendlich die Verwertung der Tiere als Fleisch, ziehen sie weiter auf oder verwenden sie für die Zucht. „Grundsätzlich besteht in der EU eine Kennzeichnungspflicht. Alle gestohlenen Tiere waren zuvor gekennzeichnet. Eine Weiterverwertung, egal in welcher Form, ist daher nur durch Änderung oder Entfernung der Kennzeichnung möglich“, erläutert Karina Schulter.

Schutz in der Landwirtschaft

Die Polizei rät Landwirten, jeden Diebstahl anzuzeigen und nicht auf eigene Faust zu handeln. Fenster, Türen und Tore von Ställen sollten einbruchsicher sein. Empfehlenswert seien ein Wachschutz, die Nachrüstung von geprüften mechanischen Sicherungseinrichtungen, ein lückenloser Zaun um das Grundstück, Einbruchmeldeanlagen, Lichtschranken oder Wildkameras. „Eine mobile Streife zu unregelmäßigen Zeiten kann Täter abschrecken. Variieren Sie Betriebsabläufe und erschweren damit die Berechenbarkeit für Täter“, teilt die Polizei mit. Wenn Nutzvieh auf den Koppeln gehalten werde, sei es schwierig zu überwachen. Im Einzelfall könnten mobile Videoüberwachungsanlagen eingesetzt werden, so die Polizei.

Spektakulärer Fall im Dahme-Spreewald-Kreis

Diese Schutzmaßnahmen seien aufgrund der jüngsten Fälle von Viehdiebstahl auch notwendig. So wurden den Landwirten der Agrargemeinschaft Freiwalde (Landkreis Dahme-Spreewald) im September acht Kälber gestohlen, nachdem sie zuvor professionell betäubt wurden. „Neben dem emotionalen Verlust entstand ein Sachschaden von zirka 7.500 Euro“, erklärt der Geschäftsführer des Betriebes Georg Gratzias, der die mögliche Vorgehensweise der Täter eindringlich schildert. Die Diebe waren in der Dunkelheit vom nahegelegenen Waldstück her mit einem Lkw angerückt, den sie direkt bis auf die abgelegene Koppel lenkten. Dann betäubten sie die Tiere mit Narkosepfeilen und führten diese auf ihr Fahrzeug. Da für die Tat eine erhebliche kriminelle Energie, landwirtschaftlicher Sachverstand sowie detaillierte Ortskenntnisse erforderlich waren, geht Mario Willi Kraft, Verantwortlicher für die Tiere, von einem organisierten Verbrechen aus. Am Ort des Geschehens ließen die Viehdiebe neben tiefen Reifenspuren fünf Betäubungspfeile, zwei Führungsstricke sowie ein totes Tier zurück, dass vermutlich an einer Überdosis Betäubungsmittel verendete. Im nahegelegenen Waldstück fand die Polizei wenig später die Ohrmarken der etwa ein halbes Jahr alten Rinder.

Forderung vom Landesbauernverband

Der Präsident des Landesbauernverbandes (LBV), Henrik Wendorff, hatte zuletzt eindringlich gefordert: „Viehdiebstähle in Brandenburg nehmen wir sehr ernst. Um solche Straftaten aufklären zu können, ist es notwendig, dass die Ermittlungsbehörden Zugriff auf das Herkunftsinformationssystem Tierhaltung (HIT) erhalten, in dem die Tiere erfasst sind. Derzeit ist das auch aus Datenschutzgründen nicht möglich, was ein großes Problem darstellt. Der Ermittlungsdruck auf die Täter muss dringend erhöht werden.“ Die Polizei bot dem LBV inzwischen spezielle regionale Beratungen zur technischen Prävention sowie Schulungen zur IT-Sicherheit und der Abwehr von Cyber-Angriffen an. Ob das die Viehdiebe in diesem Jahr abschrecken wird, bleibt abzuwarten.