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| 13:08 Uhr

Falsch gelagerte Krebsmedikamente
Skandal um Brandenburger Pharmahändler hat erste personelle Konsequenzen

(Symbolbild) Im Skandal um in Griechenland gestohlene Krebsmedikamente, die von der Firma Lunapharm in Brandenburg vertrieben wurden, sind Patienten in weiten Teilen Deutschlands betroffen. Die fragwürdigen Medikamente sollen in mindestens neun Bundesländern verkauft worden sein.
(Symbolbild) Im Skandal um in Griechenland gestohlene Krebsmedikamente, die von der Firma Lunapharm in Brandenburg vertrieben wurden, sind Patienten in weiten Teilen Deutschlands betroffen. Die fragwürdigen Medikamente sollen in mindestens neun Bundesländern verkauft worden sein. FOTO: Kwangmoo - stock.adobe.com / Kwangmoo / fotolia
Berlin. Die in Griechenland gestohlenen Krebsmedikamente, die von der Firma Lunapharm in Brandenburg vertrieben wurden, sollen in mindestens neun Bundesländern verkauft worden sein. Das Brandenburger Gesundheitsministerium zieht in dem Fall erste personelle Konsequenzen.

Erst vorige Woche haben die zuständigen Behörden in Brandenburg die betroffenen Medikamente, von denen viele offenbar bereits verbraucht wurden, zurückgerufen. Zuvor hatte es seitens der Brandenburger Behörden keine Information an die Öffentlichkeit gegeben, obwohl schon Ende 2016 erste Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei dem Brandenburger Pharmahändler vorlagen. Doch erst im Juni 2017 untersagten Brandenburger Behörden der Firma den Handel mit der Apotheke in Griechenland. Am Freitagnachmittag wurden dem Unternehmen die Betriebserlaubnis sowie die Herstellungs- und Großhandelserlaubnis für Medikamente entzogen, wie Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) mitteilte.

Erste personelle Konsequenzen

Das Brandenburger Gesundheitsministerium hat deshalb nun erste personelle Konsequenzen gezogen. Gegen einen Mitarbeiter des zuständigen Fachbereiches Arzneimittelaufsicht sei Strafanzeige erstattet worden, teilte das Ministerium am Freitag mit. Ihm sei die Führung der Dienstgeschäfte untersagt worden. Der bisherige Referatsleiter wurde mit einer anderen Aufgabe betraut. Zudem seien Zuständigkeiten im Ministerium neu geordnet worden.

Eine Task Force unter der Leitung von Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt soll nun die Vorwürfe aufklären. „Es wurde nach allem, was wir jetzt wissen, eindeutig gegen bestehende Regeln verstoßen, die zu diesem Behördenversagen geführt haben“, sagte Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke). Seit Donnerstag werden im Ministerium Unterlagen der Staatsanwaltschaft gesichtet, die seit April 2017 wegen Hehlerei ermittelt.

Nach einem Online-Bericht der „Bild“ könnte der Mitarbeiter bestechlich gewesen sein. Er sei wegen Korruptionsverdachts angezeigt worden, hieß es.

Aus einer Rückruf-Liste des Gesundheitsministeriums Brandenburg geht hervor, dass Pharmahändler und Apotheken in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Berlin, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind von Lunapharm in den Jahren 2015 bis 2017 mit den betroffenen Medikamenten beliefert worden.

Nach Erkenntnissen der ARD-Politikmagazins "Kontraste" hatte Lunapharm aber bereits seit 2013 mit den Krebsmedikamenten aus Griechenland gehandelt. Betroffen sind zehn verschiedene Arzneien - griechische Behörden gehen von bis zu 14000 Packungen aus. Lieferungen aus den Jahren 2013 bis 2015 sind in der Liste nicht enthalten.

Medikamente könnten unwirksam sein

Die griechischen und inzwischen auch die brandenburgischen Gesundheitsbehörden befürchten, dass die Medikamente unwirksam sein könnten, weil die Kühl- und Lagervorschriften nicht eingehalten worden sind. Die griechische Polizei sagte hierzu Anfang Mai 2018, aufgrund der Lagerung und des Transports gehe man davon aus, dass diese Medikamente "eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit" darstellen.

Die Medikamente wurden nach Recherchen des ARD-Politikmagazins „Kontraste“ in Griechenland aus Krankenhäusern gestohlen. Anschließend wurden sie nach Aussagen griechischer Behörden unter anderem auf einem Fischmarkt und in Privatwohnungen zwischengelagert, bevor sie in Koffern per Flugzeug nach Deutschland gebracht wurden, wo sie dann von Lunapharm vertrieben wurden. Eine richtige Lagerung erfordert, dass die Medikamente gekühlt gelagert werden.

Patienten sind verunsichert

Die Unsicherheit bei Patienten und Angehörigen ist groß: Bei einem seit Freitag vom Brandenburger Innenministerium geschalteten Infotelefon sind bereits in den ersten Stunden viele Anrufe eingegangen, wie das Ministerium in Potsdam mitteilte.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) betonte: „Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen wollen zu Recht Klarheit. Schon deshalb erwarte ich eine umfassende Aufklärung.“ Die von Ministerin Golze eingeleiteten Maßnahmen seien „wichtige Schritte in die richtige Richtung“.

Sondersitzung beantragt

Die Fraktionen von Grünen und CDU haben für nächste Woche eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses des Landtags in Brandenburg beantragt. Dabei soll geklärt werden, warum die Behörden nicht gehandelt haben. Bei Vorliegen des geringsten Verdachtes auf Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz hätte unverzüglich gehandelt werden müssen, kritisierte Ursula Nonnemacher, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Grüne. Verdächtige Medikamente hätten vom Markt genommen werden müssen.

(ots/dpa/lsc)