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Sicher auf dem Bock

Fahrlehrer Philip Marsch fährt in Neustadt (Dosse) mit einem Zweispänner durch das Gestüt.
Fahrlehrer Philip Marsch fährt in Neustadt (Dosse) mit einem Zweispänner durch das Gestüt. FOTO: dpa
Neustadt (Dosse). Eine fröhliche Ausfahrt mit der Pferdekutsche: Die Saison kommt in Gang. Wer privat Pferde vor eine Kutsche spannen möchte, kann nun auch einen Führerschein dafür erwerben – muss aber nicht. Gudrun Janicke

Galidor und Nero stehen ganz entspannt vor dem Stall. Die kommende Prozedur sind die beiden Kutschpferde gewohnt. Auf dem Haupt- und Landgestüt in Neustadt/Dosse (Ostprignitz-Ruppin) werden die beiden fast 20 Jahre alten Wallache für eine Ausfahrt vorbereitet.

Philip Marsch erklärt in ruhigem Tonfall, welche Handgriffe erforderlich sind. "Es dauert seine Zeit, ehe der Kutscher auf den Bock steigen kann", sagt der 25-Jährige. Er überprüft immer wieder den Sitz der Leinen, der metallenen Kandare im Gebiss, der Riemen und Gurte. "Eile bringt nichts, schadet nur der Sicherheit", sagt Marsch.

Bei ihm kann jeder, der möchte, einen Kutschen-Führerschein erwerben - auch für den privaten Gebrauch. Bislang müssen bundesweit nur gewerbliche Anbieter eine solche Befähigung nachweisen. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung gibt nun ab 1. Juni auch für Freizeit-Kutschen ein entsprechendes Zertifikat aus - auf freiwilliger Basis. Es geht um mehr Sicherheit für Mensch und Tier.

Der Tierrechtsorganisation Peta reicht das nicht aus. Sie bleibt bei der Forderung nach einem generellen Verbot von Kutschfahrten. "Pferde sind nicht dazu da, vor Kutschen gespannt zu werden", sagt ein Sprecher. Vor allem im Straßenverkehr in Städten sei das mit dem Tierschutz nicht vereinbar. In Berlin werde derzeit versucht, ein Verbot der vor allem bei Touristen beliebten Touren durchzusetzen.

Unfälle mit Pferden gibt es immer wieder. Rund 50 wurden nach Angaben von Peta im vergangenen Jahr bundesweit registriert. Allein in Brandenburg waren es nach Angaben des Sprechers des Polizeipräsidiums, Torsten Herbst zehn, mit acht Verletzten. "Meist waren Autofahrer zu dicht aufgefahren", sagt er. Die Tiere scheuten und gingen durch.

Und wie sollen Autofahrer reagieren? Auf jeden Fall nicht die Vierbeiner erschrecken oder sogar hupen. In Fahrschulen sei das immer wieder Thema, wie sich Kutscher und Autofahrer richtig verhalten sollen, sagt der Vorsitzende das Brandenburger Fahrlehrerverbandes, Marco Dammmüller. "Beide Seiten müssen sich nur daran halten", erinnert er.

Die Reiterliche Vereinigung setzt weiter auf Freiwilligkeit beim Kutschen-Führerschein für den Freizeitbereich. "Wichtig ist, immer wieder Handgriffe zu üben, um Unfälle zu verhindern", sagt Thomas Ungruhe, Leiter Breitensport beim Verband. "Kutscher sind mit ihren Gespannen auch Verkehrsteilnehmer." Seit die Formulare für den Erwerb des Zertifikats Mitte April auf die Internetseite gestellt wurden, kämen mehr als 100 Anträge pro Tag an, sagt Ungruhe.

Allein in dem mehr als 225 Jahre alten Haupt- und Landgestüt Neustadt/Dosse werden in diesem Jahr in vier Kursen Kutscher ausgebildet - in 48 Lernstunden von je 45 Minuten. Interessenten reisen mit eigenen Gespannen an.

Die Schüler üben zunächst an einem Holzgestell, das als Ersatz-Pferd dient. Daran wird demonstriert, wie das auf den ersten Blick verwirrende System der viele Meter langen Leinen funktioniert.

Fahrlehrer Marsch - in zünftiger Dienstkleidung mit Uniformmütze und Jacke - will seinen Schülern vor allem den richtigen Umgang mit den Pferden beibringen - ohne Zwang, wie er betont. "Mit der Peitsche wird nicht geschlagen", sagt er. Das Tier werde nur leicht an der Flanke berührt. "Es weiß dann, in welche Richtung es geht."

Es sieht spielerisch aus, wenn durch die Finger seiner rechten Hand die Ledergurte gleiten. Er hat sie trotzdem fest im Griff und kann sofort reagieren. Mit seinen Pferden kommuniziert er fast nur über das Bewegen der Leinen. Selten ist ein Kommando wie "Komm", "Trab" oder "Halt" zu hören. Statt des Blinkers wie beim Autofahren hält er die Kelle hoch. Er zeigt damit: Die Kutsche biegt nach rechts ab.

Marsch liebt gemächliches Fahren. Und er betont: Die Pferde brauchen "Pausen, genug Wasser und Schutz vor Sonne". Und was gibt es als Belohnung für sie nach der Fahrt? "Nichts", sagt Marsch resolut. "Wenn sie Leckereien vermuten, zupfen sie nur immer an den Taschen." Es müsse ausreichen, dass er sie lobe. Und dann hält er doch plötzlich eine Knabberei in der Hand.