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| 14:33 Uhr

Hilferuf an Jäger
Seuchenschutz mit Gewehr und Saufang

Das Risiko der Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest ist nach wie vor hoch.
Das Risiko der Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest ist nach wie vor hoch. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Cottbus. Die Angst vor dem Auftauchen der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland ist groß. Als wichtige Vorsorgemaßnahme in der Region, sollen Jäger der Wildschweinbestand deutlich dezimieren. Wie gut das gelingt, ist jedoch fraglich. Von Simone Wendler

Am guten Willen der Jäger scheint es nicht zu fehlen. „Wir wollen so viele Wildschweine wie möglich jagen“, sagt Marcel Grüneberg, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Cottbus/Spree-Neiße. Doch einige der mehr als 900 aktiven Jäger in seinem Verband hätten schon in der Vergangenheit bereits 145 Tiere pro Jahr geschossen. Da sei kaum noch Luft nach oben.

Mehr Abschüsse sind nicht möglich

Friedrich Noltenius vom Vorstand des Kamenzer Jagdvereins ist noch skeptischer. Er glaubt nicht, dass die Wildschweinabschüsse in dem gerade begonnenen Jagdjahr 2018/19 deutlich nach oben gehen: „Wir sind am Anschlag.“ In den Pachtrevieren sei auch bisher kein Schwein laufen gelassen worden, wenn man es hätte schießen können. Mehr „Jagddruck“ würde Wildschweine nur vorsichtiger machen.

Wenn es nach den Landwirtschaftsministerien in Brandenburg und Sachsen ginge, sollen die Jäger jedoch möglichst schnell dafür sorgen, dass die Zahl der Schwarzkittel abnimmt. Es ist die Angst vor der Afrikanischen Schweinepest (ASP), die die Jäger zu einem wichtigen Faktor in der Seuchenvorsorge macht.

Der für Menschen ungefährliche, hoch widerstandsfähige Virus dieser Tierseuche rückt seit Jahren von Osteuropa immer näher an Deutschland heran. Ein Überträger des Virus können Wildschweine sein. Taucht die Krankheit erst mal in einer Region auf, würde Schweinefleisch aus diesem Gebiet für eine Weile unverkäuflich, für Landwirte mit Schweinemast eine Horrorvision.

Brandenburg ist Wildschwein-Land

Die Verringerung der Wildschweinbestände soll deshalb helfen, die Seuche abzuwehren, gerade in Brandenburg, einem Bundesland mit besonders hohem Wildschwein-Bestand. Geschätzt 200 000 Schwarzkittel leben hier. In Sachsen sind es nur reichlich halb so viele. Brandenburgs Jäger erlegten im Jagdjahr 2016/17 mehr als 76 000 Tiere. In Sachen wurden im selben Zeitraum 33 000 Schweine geschossen.

Damit es deutlich mehr werden, wurden vom Brandenburger Landwirtschaftsministerium eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen. Schonzeiten wurden eingeschränkt, das Anlocken der Tiere nachts mit Lampen erlaubt. 30 Euro pro Tier bekommen Jäger, die den Fund toter Wildschweine melden und Proben nehmen für die Virussuche.

Eine Prämie von 50 Euro pro Schwein wird seit erstem April für jeden Abschuss gezahlt der über dem Ergebnis von 2015/16 in dem Revier liegt. Doch das Geld gibt es erst in einem Jahr, ein Kritikpunkt des Brandenburger Landesjagdverbandes. „In Mecklenburg-Vorpommern gibt es die Prämie sofort“, so Geschäftsführer Matthias Schannwel. Außerdem würden damit die Jäger benachteiligt, die in der Vergangenheit schon besonders viele Schwarzkittel erlegt hätten.

Trichinenschau soll kostenlos sein

Schannwel und viele Jäger in der Region fordern außerdem die komplette Abschaffung der Trichinenschau-Gebühren. Einige Landkreise, wie Spree-Neiße, erheben sie, andere nicht. In Sachsen, so der Kamenzer Jäger Friedrich Noltenius, habe der Freistaat für zwei Jahre diese Kosten pauschal übernommen.

Hilfe erwarteten die Jäger auch bei der Vermarktung der erlegten Schwarzkittel, so der Geschäftsführer des Brandenburger Landesjagdverbandes: „Die Preise für Wildschweinfleisch sind im Keller, wir schießen aber nicht für die Tonne“, sagt Schannwel.

Bewegung könnte es in Brandenburg und Sachsen angesichts der erwünschten höheren Wildschweinabschüsse bei zwei anderen Themen geben. In beiden Bundesländern wird geprüft, ob Jäger mit Nachtsichtgeräten ausrücken dürfen, um mehr Schwarzkittel zu erlegen. „Wir müssen das aber erst mit dem Waffenrecht abgleichen“, so Jens-Uwe Schade, Sprecher von Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jürgen Vogelsänger (SPD).

Jäger brauchen Jagdschneisen in Feldern

In der Diskussion, so Schade sei auch das Thema Jagdschneisen. In großen Schlägen gebe es für sie keine Wege, den Schwarzkitteln nachzusetzen, beklagen Jäger. „Da wird bis auf 30 Zentimeter an den Waldrand heran gesät“, so Marcel Grüneberg, Chef des Jagdverbandes Cottbus/Spree-Neiße.

Auf massive Ablehnung vieler Waidmänner trifft der geplante Einsatz von „Saufängen“. Sachsen und auch Brandenburg haben solche Fallen für ganze Wildschweinrudel angeschaft, um sie in staatlichen Forst einzusetzen. Das Aufstellen solcher Fanggeräte ist genehmigungspflichtig

„Das ist ekelhaft, eine richtige Sauerei“, schimpft der Kamenzer Jäger Friedrich Noltenius über die Gitterkäfige, in die Wildschweine gelockt und mit Kopfschuss durchs Gitter getötet werden sollen. MIt Jagd habe das nichts zu tun. Für Noltenius wäre der Einsatz nur akzeptabel, wenn die Seuche bereits ausgebrochen sei, als letztes Mittel. Für Brandenburgs Landwirtschaftsministerium sind Saufänge dagegen ein „ergänzendes und wirksames Instrument“ mit hohem Wirkungsgrad.

Der Mensch ist gefährlicher

Matthias Schannwel, Geschäftsführer des Brandenburger Landesjagdverbandes kritisiert, dass beim Thema Wildschweinabschuss insgesamt überzogen werde. Die Wahrscheinlichkeit, dass die afrikanische Schweinepest eher durch Menschen als durch Wildschweine verbreitet werde, sei jedoch groß.

Die Gefahr der Übertragung durch Fleisch oder Wurstbrote sieht auch Brandenburgs Landwirtschaftsministerium mit Blick auf die mit dem Spargel beginnende Einreise von Erntehelfern. Die kämen traditionell aus Osteuropa, wo der Seuchenvirus schon nachgewiesen wurde. „Wir haben deshalb schon mehrsprachige Info-Blätter drucken lassen“, so Ministeriumssprecher Schade.