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Integration von Langzeitarbeitslosen
EU-Geld für Weg aus langer Arbeitslosigkeit

Nach langer Arbeitslosigkeit hat Ralph Graßmel (li.) einen Job in der Küche des Restaurants an den IBA-Terassen in Großräschen gefunden. Küchenchef Maik Schulze half ihm bei der Einarbeitung. Inzwischen sind die beiden ein Team.
Nach langer Arbeitslosigkeit hat Ralph Graßmel (li.) einen Job in der Küche des Restaurants an den IBA-Terassen in Großräschen gefunden. Küchenchef Maik Schulze half ihm bei der Einarbeitung. Inzwischen sind die beiden ein Team. FOTO: Wendler Simone / Lauistzer Rundschau
Cottbus. Langzeitarbeitslosigkeit heißt auch Armut. Der Europäische Sozialfonds finanziert Integrationsprojekte, um Menschen nach Jahren ohne Job wieder in Beschäftigung zu bringen. In Senftenberg sind erste Erfolge der Bemühungen zu sehen. Von Simone Wendler

Wie lange er ohne Arbeit war, daran kann sich Ralph Graßmel gar nicht mehr genau erinnern. Mehr als ein Dutzend Jahre müssten es gewesen sein, sagt der ehemalige Bauarbeiter ohne Berufsabschluss. Seit gut einem halben Jahr arbeitet der schüchterne 45-Jährige jetzt als Beikoch im Restaurant an den IBA-Terrassen in Großräschen.

Geschäftsführerin Ilona Witschel ist bisher mit ihrem neuen Mitarbeiter  sehr zufrieden: „Er ist jeden Tag pünktlich, zuverlässig, ein netter Kollege.“ Den Arbeitsweg, fast zehn Kilometer, legt er mit dem Fahrrad zurück. Dabei war es für Ralph Graßmel nach seiner eigenen Einschätzung kein einfacher Neustart: „Ich habe mein ganzes Leben umge­krempelt.“ Von Cottbus zog er nach Senftenberg, hörte auf zu trinken. Über eine gute Freundin kam er zu Integrationsbegleiterin Julia Zinke vom Tüv Rheinland. Sie half ihm dabei, innerhalb von drei Monaten einen Praktikumsplatz und anschließend die Festanstellung in dem Restaurant zu bekommen.

Juliane Zinke und eine weitere Integrationsbegleiterin betreuen in Senftenberg seit 2015 Menschen, die lange ohne Job sind. Ihre Arbeit ist eines von landesweit 35 Projekten in einem Förderprogramm des Brandenburger Sozialministeriums mit dem sperrigen Namen „Integrationsbegleitung für Langzeitarbeitslose und Familienbedarfsgemeinschaften“. Von 2015 bis 2020 fließen dafür insgesamt 40 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds. Ist das gut angelegtes Geld?

Wenn man auf Beikoch Ralph Graßmel schaut, ja. Aber er sei ein besonders schnell erfolgreich verlaufener Fall, wie Juliane Zinke einräumt. Der ehemalige Langzeitarbeitslose habe nicht nur Spaß am Kochen, sondern auch den Willen zur Veränderung mitgebracht und mit Restaurantchefin Ilona Witschel jemanden gefunden, der ihm eine Chance gab.

Dabei habe der Beikoch anfangs überhaupt nicht in eine Küche gewollt, wie er versichert. Beim Ausprobieren in den eigenen Werkstätten des Integrationsprojektes sei jedoch sein Talent zum Kochen aufgefallen. „Diese individuelle Beschäftigung mit den Menschen und die praktische Erprobung sind Vorteile unserer Arbeit“, sagt Juliane Zinke.“ Die Arbeitsagentur oder das Jobcenter können das nicht leisten: „Die lernen die Leute nicht so intensiv kennen wie wir.“

Doch so zielstrebig und schnell arbeitsfähig wie Ralph Graßmel sind längst nicht alle Teilnehmer der Integrationsbegleitung, die auf Freiwilligkeit beruht, räumt Zinke ein. Wer lange ohne Job bleibt, habe meist keinen oder einen veralteten Berufsabschluss, psychische oder Suchtprobleme. Ein besonderes Thema seien Alleinerziehende, die keine Kinderbetreuung in der notwendigen zeitlichen Flexibilität finden. Verkäuferinnen, Mitarbeiterinnen in Restaurants und Hotels seien da typisch, so Zinke. Andererseits seien auch ihr, so die Beraterin, schon Arbeitslose begegnet, die unumwunden sagten, dass sie gar nicht arbeiten wollten. In den vergangenen drei Jahren haben Juliane Zinke und ihre Kollegin zusammen insgesamt 122 Menschen über jeweils mehrere Monate betreut, um sie wieder an einen Job heranzuführen. 25 davon arbeiten wieder, 27 befinden sich in Ausbildung. Etwa ebenso viele würden noch betreut. 15 Langzeitarbeitslose hätten die Begleitung abgebrochen. Insgesamt ist Juliane Zinke mit der bisherigen Erfolgsquote jedoch zufrieden.

Ein großer Teil der Betreuung Langzeitarbeitsloser in dem Projekt sei Sozialarbeit, so Zinke, besonders in den Bedarfsgemeinschaften mit Kindern. Dabei gehe es darum, auch deren Situation zu verbessern, indem die Eltern sich mehr mit ihnen beschäftigen, gesund kochen und kostenlose Freizeitangebote für ihre Kinder nutzen.

Die Bereitschaft von Arbeitgebern, Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben, sei sehr unterschiedlich, so die Erfahrung von Integrationsbegleiterin Zinke. Einige verlangten sofort volle Leistung oder betrachteten die mehrmonatige finanzielle Förderung für die Einstellung eines solchen Mitarbeiters als nicht ausreichend. Andere hätten dagegen erkannt, dass solche Mitarbeiter, wenn die Integration gelingt, dem Unternehmen besonders verbunden seien.

Wie beweglich der Bestand an Langzeitarbeitslosen in der Region insgesamt ist, wer dauerhaft wieder einen Job findet oder wer sich nur von Maßnahme zu Maßnahme hangelt, ist aus der Statistik allein schwer einzuschätzen(siehe Infobox). Mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit in der vergangenen Jahren sank auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen, ihr prozentualer Anteil blieb jedoch annähernd gleich.

Einig sind sich die Arbeitsagenturen Cottbus und Bautzen jedoch in einigen Einschätzungen: Je länger jemand ohne Job ist, um so schwieriger wird der Weg zurück in Beschäftigung. Und je schlechter die Schul- und Berufsbildung, um so größer ist die Gefahr, länger ohne Job zu bleiben. Jeder sechste Langzeitarbeitslose in Ostsachsen hat keinen Schulabschluss, jeder vierte keinen erlernten Beruf.

Überproportional unter Langzeitarbeitslosen sind ältere Arbeitnehmer und Alleinerziehende vertreten. In Ostsachsen ist jeder Dritte älter als 55 Jahre, jeder Zehnte sorgt allein für Kinder. Im Arbeitsamtsbezirk Cottbus sind die Zahlen ähnlich. In beiden Agenturbezirken, Cottbus und Bautzen, bemühen sich Arbeitsagenturen und Jobcenter deshalb um Weiterbildung und möglichst individuelle Betreuung der Menschen, die länger als ein Jahr ohne Arbeit sind.

Ralph Graßmel, der Beikoch aus Großräschen, erinnert sich inzwischen nur noch ungern an die Jahre ohne Job: „Ich kann mir ein Leben ohne Arbeit gar nicht mehr vorstellen“. Wie ernst es ihm damit ist, erlebte Restaurantchefin Ilona Witschel kürzlich, als sie am Ende einer Schicht merkte, dass Ralph Graßmel offensichtlich Schmerzen hatte und ihn zum Arzt schickte. Er war auf dem Weg zur Arbeit mit dem Rad gestürzt und hatte sich eine Rippe angebrochen. Er habe gedacht, entschuldigte er sich hinterher, er könne doch nicht nach wenigen Monaten Arbeit zu Hause bleiben.