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| 02:37 Uhr

Schwimmstaffel mit Mühlberger "Elbenixe”

Matthias Wagner (vorn) springt am 24. Juni als erster Schwimmer der Staffel in Bad Schandau von einem Boot aus in die Elbe.
Matthias Wagner (vorn) springt am 24. Juni als erster Schwimmer der Staffel in Bad Schandau von einem Boot aus in die Elbe. FOTO: dpa
Boizenburg. Jahrzehntelang war die Elbe an ihrem Mittellauf ein unüberwindbarer Grenzfluss. Nun kann man dort wieder schwimmen. Und das liegt nicht nur am inzwischen deutlich saubereren Wasser. Frank Pfaff und Steven Wiesner

Weit schweift das Auge über das Tal der Elbe, die gleich hinter dem mecklenburgischen Städtchen Boizenburg einen kräftigen Schwenk nach Westen macht. "Das ist einfach ein traumhafter Blick von hier oben", schwärmt Harald Eggert, der zusammen mit seiner Frau Isolde die Stufen hinaufgestiegen ist zur hölzernen Aussichtsplattform "Elwkieker" am 60 Meter hohen Elbberg.

An gleicher Stelle stand früher ein Turm aus Beton, errichtet auch wegen der guten Sicht auf den Fluss. Doch den Betrachtern von damals ging es nicht um die Naturschönheiten. Sie richteten den Blick allein auf das östliche Ufer, um sofort einschreiten zu können, wenn jemand über den Fluss nach Westen gelangen wollte. Vier Jahrzehnte lang war die Elbe auch Grenzfluss - bis zum Herbst 1989 sogar streng bewacht und nach Recherchen der Stasi-Unterlagenbehörde in Mecklenburg-Vorpommern für etwa 20 DDR-Flüchtlinge auch ein Todesfluss.

Eggert, der Mitte der 1950 Jahre in Boizenburg geboren wurde, heute in Berlin lebt und regelmäßig seinen Vater in der Elbe-Stadt besucht, zeigt hinunter zur Flussbiegung. Dort war er als kleiner Junge mit Freunden in die Elbe gesprungen. "Doch 1961 war damit Schluss, der Zugang zum Fluss tabu", erinnert sich der 63-Jährige. Die Sperrzone reichte fast 100 Kilometer den Fluss entlang nach Südosten, bis vor die Tore der Luther-Stadt Wittenberg in Brandenburg. Gitterzäune am Elbdeich verhinderten bis zum Mauerfall den Zugang.

Heute bietet die Elbe auch dort wieder alle Freiheiten. Das stellte in den vergangenen drei Wochen auch die Elbschwimmstaffel unter Beweis. Ende Juni war selbige in Bad Schandau in Sachsen gestartet, vorbei an Boizenburg zum Ziel im holsteinischen Geesthacht. Etwas mehr als 200 Teilnehmer waren und sind dabei, die 575 Kilometer lange Strecke abschnittsweise zu bewältigen. Die prominenteste Teilnehmerin aus der Lausitz war wahrscheinlich Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel, die bei der vierten der insgesamt 19 Etappen an der Aktion teilnahm und etwas mehr als einen Kilometer mitschwamm. Brendel machte sich damit selbst ein Geschenk zum 60. Geburtstag. "Ich wollte unbedingt Teil davon sein und so Geburtstag feiern, denn normal kann jeder", so Brendel. Seither wird die Bürgermeisterin von ihren Kolleginnen im Rathaus mit "Elbenixe" angesprochen.

Anlass für die längste Freiwasser-Schwimmstaffel Deutschlands ist das Wissenschaftsjahr Meere und Ozeane. Die Staffel soll darauf hinweisen, dass der Schutz der Meere mit dem Schutz ihrer Zuflüsse beginnt und so den Wert sauberer Flüsse unterstreichen.

Den weiß auch Ingo Valentin zu schätzen. Der Ranger im länderübergreifenden Unesco-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe führt fast täglich vom neu errichteten Informationszentrum in Boizenburg aus Besuchergruppen durch die Elbaue mit ihrer großen Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Kaum ein anderer Flusslauf in Europa sei noch so naturnah, verweist der 52-Jährige auf eine der wenigen positiven Folgen der strengen Abriegelung, die der Wasserqualität indes nicht genutzt habe. "Da floss einiges an Industrieabwässern und Rückständen aus der Landwirtschaft in den Fluss. Aal, der sich vorwiegend am schlammigen Grund aufhält, war wegen der Schwermetallbelastung ungenießbar", sagt der passionierte Angler.

Die Schadstoffe am Grund würden wohl noch länger ein Problem sein. Doch strengere Vorschriften und der Bau neuer Kläranlagen trügen zur Gesundung des Flusses bei, was sich auch am wachsenden Fischreichtum zeige. "Jetzt beginnt wieder die Zanderzeit. Und die Chancen auf einen guten Fang stehen gut wie nie", meint Valentin.

Auf der einst gesperrten Deichkrone führt heute ein Radweg durch die Flusslandschaft. Am Steilhang westlich von Boizenburg weicht der Weg auf die Landstraße aus, vorbei am "Checkpoint Harry". Der ehemalige Kontrollpunkt an der alten B5, einst wichtigste Straßenverbindung zwischen Hamburg und West-Berlin, ist heute eine Raststätte. Alte Warnschilder und eine Schaufensterpuppe in DDR-Uniform erinnern an früher und geben nach Angaben von Kellnerin Simone Harder oft Anstoß zu Fragen und Diskussionen.

Vor allem Fahrrad- und Motorradfahrer machten heute hier Halt und erkundigten sich gelegentlich auch, wie es damals an der Grenze gewesen sei. "Man hatte sich daran gewöhnt, weil man es ja auch nicht anders kannte", erzählt Simone Harder.

Die Welt jenseits des Flusses, so weit weg wie Australien. Dabei war Lauenburg in Schleswig-Holstein nur wenige Autominuten, Hamburg kaum eine Fahrstunde weg. "Ich war schon überrascht, wie nah die davor so ferne Welt doch war", sagt Simone Harder, die 21 Jahre alt war, als die Mauer fiel und auch die Elbe nicht mehr trennte.

Zum Thema:
Die Elbe gehört mit fast 1100 Kilometern Länge zu den großen Strömen Europas. Sie entspringt im tschechischen Riesengebirge und mündet hinter Hamburg bei Cuxhaven in die Nordsee. Zur Zeit der deutschen Teilung war die Elbe auf rund 100 Kilometern Grenzfluss. Heute durchfließt sie sieben Bundesländer: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Schleswig-Holstein.