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| 18:22 Uhr

Prozess-Auftakt in Cottbus
Missbrauchtes Kind versteckte sich in der Schlafcouch

Stephan P. und Monika R. aus Groß Schacksdorf sollen monatelang R.’s Tochter sexuell missbraucht haben. Am 11. Dezember 2018 begann der Prozess gegen die beiden vor dem Cottbuser Landgericht.
Stephan P. und Monika R. aus Groß Schacksdorf sollen monatelang R.’s Tochter sexuell missbraucht haben. Am 11. Dezember 2018 begann der Prozess gegen die beiden vor dem Cottbuser Landgericht. FOTO: LR / Bettina Friedenberg
Cottbus. Monatelang soll eine Frau ihre eigene Tochter bei sich in Groß Schacksdorf (Kreis Spree-Neiße) versteckt und gemeinsam mit ihrem Partner sexuell missbraucht haben. Am Dienstag begann der Prozess gegen die 52-jährige Frau und ihren 47-jährigen Verlobten. Ob die heute 14-jährige Tochter vor Gericht aussagen wird, ist ungewiss. Von Bettina Friedenberg

Monatelang sollen Monika R. (52) und ihr Partner Stephan P. (47) sich an R.’s Tochter vergangen haben. Das Kind war zu Beginn zwölf Jahre alt. 96 Taten listet Staatsanwältin Martina Eberhart am Dienstag im Saal 209 des Cottbuser Landgerichts auf: Die Vorwürfe: schwerer sexueller Missbrauch und Entziehung einer Minderjährigen.

Denn die Kleine hatte schon seit Jahren nicht mehr bei ihrer Mutter gelebt, sondern war in verschiedenen Heimen untergebracht, zuletzt in Cottbus. Im Oktober 2017 verschwand die heute 14-Jährige. Nach einem Arztbesuch war sie nicht mehr ins Heim zurückgekehrt. Monatelang fahndete die Polizei nach dem Mädchen. Auch dessen Mutter suchte öffentlich nach ihrer Tochter, gab sogar Interviews. Allerdings: Das Kind war nicht verschwunden, sondern lebte bei Monika R. – wenn die Polizei kam, schlüpfte sie in den Bettkasten der Schlafcouch. So lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Der Missbrauch des Mädchens soll schon im Mai 2017 begonnen haben. Da war es zwölf Jahre alt.

Monika R. ist eine kleine zierliche Frau. Das Gesicht müde, die  schwarzen Haare zu einem straffen Zopf gebunden. Ihre braune Wetterjacke lässt sie an im Gerichtssaal. Ab und zu blickt sie zu P., wenn er ihren Blick erwidert, huscht ein kurzes, scheues Lächeln über ihr Gesicht. Drei Wochen war sie in U-Haft. Seither ist sie auf freiem Fuß. Ihre Tochter, die inzwischen wieder in einem Heim untergebracht ist, darf sie jedoch nicht besuchen.

Viele Minuten dauert die Anklageverlesung. Detailliert schildert Staatsanwältin Martina Eberhart die Vorwürfe gegen die Angeklagte und deren Partner. Dutzende Fälle sexuellen Missbrauchs sollen die beiden an dem Mädchen begangen haben. Oft sollen Mutter und Tochter gemeinsam Sex mit dem 47-Jährigen gehabt haben. Äußern will sich R. jetzt nicht. Angaben zu den Vorwürfen werde sie erst zu einem späteren Zeitpunkt machen, kündigt ihr Anwalt an.

Stephan P. erscheint in einem grauen Hemd und Jeans vor Gericht. Ein langer, zotteliger Bart verhüllt den unteren Teil seines Gesichtes. Als der Vorsitzende Richter Christian Fisch die persönlichen Daten des Angeklagten abgleichen will, fällt der ihm ins Wort: „Ich verweigere die Angaben“, verkündet P. und malt währenddessen mit den Händen einen Kreis in die Luft. Es bleibt nicht das einzige Mal, dass er dem Richter ins Wort fällt. Er spricht von Vermutungen, will Anträge stellen und sich über den Richter beschweren. „So läuft das hier nicht“, erklärt Richter Fisch dem Mann. Der Anklageverlesung hört er daraufhin  schweigend und aufmerksam zu. Ab und zu scheint er zu grinsen, durch den Bart ist das nur schwer zu erkennen. Manchmal schüttelt er den Kopf, eindeutig.

Um der Entdeckung zu entgehen, soll Stephan P. dem Kind sogar die Haare geschnitten und rot gefärbt haben, wirft die Staatsanwältin dem Mann vor. Im März 2018 flog die Scharade dennoch auf. Seither sitzt der inzwischen 47-jährige mehrfach vorbestrafte Mann in U-Haft.

Fünf Monate lang habe das Kind die Wohnung nicht verlassen, mit niemandem außer den Angeklagten gesprochen, trägt die Staatsanwältin vor. Und: Stephan P. habe mehrfach ungeschützten Sex mit dem Mädchen gehabt, habe es schwängern wollen.

Sie wolle keinesfalls gegen ihre Mutter aussagen, verkündet die Anwältin der heute 14-Jährigen. Während der Ermittlungen war die Geschädigte von der Staatsanwaltschaft vernommen worden, zudem gibt es ein Video von der Vernehmung durch den Richter. Im Prozess wolle das Mädchen jedoch von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Darauf will sich Richter Christian Fisch aber nicht verlassen. Nach einer kurzen Unterbrechung verkündet er, man wolle die Geschädigte vorladen. „Das Gericht will sich selbst überzeugen, ob sie aussagen will.“

Insgesamt sind zwölf Verhandlungstage angesetzt. Kommenden Montag wird der Prozess fortgesetzt. Dann soll auch das Mädchen (unter Ausschluss der Öffentlichkeit) aussagen. Ob es das tut, scheint aber ungewiss.