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| 18:00 Uhr

König der Lüfte
Flug in die Todeszone

Ein stolzer Schreiadler.
Ein stolzer Schreiadler. FOTO: Michael Runze
Eberswalde. Schreiadler werden in großer Zahl Opfer von Vogeljägern im Libanon.

Ehrenamtliche Vogelschützer sind im Dauereinsatz, um die wenigen verbliebenen Schreiadler-Paare in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zu schützen. Doch die Mühen der Vogelschützer und erhebliche Geldsummen aus EU-Töpfen zum Erhalt der Art verpuffen buchstäblich immer wieder im Pulverdampf von Vogeljägern entlang der Zugwege der Adler.

Besonders schlimm ist die Situation im Libanon nach einer jetzt veröffentlichten Expertenschätzung. Dort töten Vogeljäger demnach 5000 Schreiadler in jedem Herbst. Das gefährde auch den Erhalt der Art in Deutschland, warnen die Vogelschützer. Jetzt wurde auch der vom Eberswalder Naturschützer Hinrich Matthes betreute Schreiadler „Dieter“ Opfer der Schießwut.

Dabei hatte Matthes in diesem Jahr einen besonders scharfen Blick auf „Dieter“, der mit seiner Partnerin in einem entlegenen Waldgebiet im Landkreis Vorpommern-Rügen sein Nest gebaut hat. Denn 2017 war die Brut gescheitert, weil trotz seines Protests in Nestnähe ein Graben ausgebaggert wurde.

In diesem Jahr dagegen läuft alles glatt. „Dieter“ ist mindestens 14 Jahre alt und ein sehr erfahrener Adler. Mit seiner Partnerin zieht er ein Junges auf – erst zum dritten Mal, seitdem „Dieter“ 2009 einen Sender umgeschnallt bekam. Damit erforschen Vogelschützer das Leben der seltenen Adler, um Hinweise zu ihrem Schutz zu gewinnen.

In Deutschland sind Schreiadler vom Aussterben bedroht, nur noch Mecklenburg-Vorpommern mit rund 80 und Brandenburg mit etwa 20 Paaren können sich mit dem Prädikat „Schreiadler-Land“ schmücken. Mitte September verlässt „Dieter“ sein Brutgebiet, um in Afrika zu überwintern. Er hat in seinem bisherigen Leben schon weit über 100 000 Kilometer auf dem Zug zurückgelegt, rechnerisch ist er schon mehr als dreimal um die Erde geflogen. Aber dies ist seine letzte Reise. Drei Wochen nach seinem Abzug funkt „Dieters“ Sender am 10. Oktober  zum letzten Mal Positionsdaten, bevor ihn offenbar Schüsse aus einem Jagdgewehr treffen. Er hat gerade den Libanon erreicht. „Nahe des Dorfs Aadbil, 58 Meter über Grund, 40 Meter neben der Straße“, berichtet Adlerforscher Bernd-Ulrich Meyburg, der den Vogel 2009 besendert hat. Aller Schutz im Brutrevier war vergebens.

Das Schicksal von Schreiadler „Dieter“ ist kein Einzelfall. Auch in der Türkei, den Palästinensergebieten, Syrien und Ägypten ist das Abschießen und der Fang von Vögeln an der Tagesordnung. Der Libanon steht dennoch besonders im Fokus der Naturschützer, weil in den dortigen Bergtälern der Zug der Adler besonders konzentriert und in einem sehr schmalen Korridor verläuft, wie eine gerade veröffentlichte Analyse des Komitees gegen den Vogelmord und des Fachjournals „Der Falke“ zeigt. Die Naturschützer gehen davon aus, dass jedes Jahr etwa 5000 Schreiadler im Libanon getötet werden. Die Schätzung beruht auf der Auswertung und Zusammenführung zahlreicher Indizien. „Funde abgeschossener Adler, Augenzeugenberichte, Daten beringter und besenderter Vögel, Trophäenfotos von Vogeljägern in sozialen Netzwerken und Statistiken von Pflegestationen gingen in die Auswertung ebenso ein wie eine Analyse der Zugintensität- und -dichte von Schreiadlern in der Region“, erläutert Axel Hirschfeld vom Komitee, der mehrere Recherchereisen in die Region unternommen hat. „An Tagen mit starkem Durchzug kann es an nur einem einzigen Konzentrationspunkt zum Abschuss von Hunderten Adlern kommen.“ Die Fachleute sind sicher, dass eine so große Zahl abgeschossener Adler das Überleben der Art gefährdet. Denn Schreiadler haben nur eine sehr geringe Nachkommensrate von höchstens einem Jungen pro Jahr. Das gleichen sie unter natürlichen Bedingungen durch ein langes Leben aus, sodass sie in der Bilanz ausreichend Nachwuchs zum Erhalt der Art beisteuern.

Werde nun durch Abschuss in diesen Kreislauf eingegriffen, drohten massive Folgen für den ganzen Bestand von weltweit unter 30 000 Paaren, warnen die Vogelkundler. Sie weisen darauf hin, dass die Verfolgung zusätzlich zu den erheblichen Problemen kommt, die Schreiadler ohnehin schon haben – etwa durch die immer intensivere Landwirtschaft in den Brutgebieten.  Die Vogelschützer fordern einen größeren Druck der Bundesregierung und der Europäischen Union auf die Regierung im Libanon. „Der Libanon hat internationale Abkommen zum Schutz von Zugvögeln unterzeichnet, die Schreiadlerverfolgung ist auch dort illegal“, sagt Hirschfeld.

Auch der Eberswalder Adlerschützer Matthes fordert stärkeren politischen Protest. „Wir versuchen hier unter schwierigen Umständen, die letzten Schreiadler zu erhalten, und dann wird alles einfach mit Füßen getreten. Das sollten wir uns nicht bieten lassen.“