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Schnell kaputt und nicht reparabel

Berlin. Im Traumland der Werbung ist immer der Kunde der König. In der Realität aber haben etliche Hersteller heimlich die Republik des Pfuschs ausgerufen und den Monarchen abgeschafft. Vor zwei Jahren fanden sich „Royalisten“ zusammen und gründeten den Verein „Murks? Nein danke!“ Der hat in Berlin-Tempelhof Ausstellungsräume. Rolf Bartonek

Wissenschaftler der Universität Bonn haben ermittelt, dass Waschmaschinen im Durchschnitt 11,2 Jahre halten. Das klingt zunächst gar nicht mal so schlecht, abstrahiert aber davon, dass es die guten Maschinen im Mittel auf 16,6 Jahre bringen, während die schlechten im Schnitt lediglich 6,6 Jahre nutzbar sind. Das könnte den von Verkäufern gern aufgesagten Satz bestätigen: Qualität hat ihren Preis.

Stefan Schridde, Vorsitzender des Vereins "Murks? Nein danke!" und Autor eines gleichnamigen Buchs (Oekom Verlag), lässt das nicht gelten. Für ihn hat Murks eher mit einer falschen Ideologie, oft sogar mit arglistiger Täuschung der Kunden zu tun.

Viele Konsumgüter würden heute so konstruiert, dass sie nach Ablauf der Gewährleistungsfrist kaputt gehen und sich entweder überhaupt nicht oder nicht zu einem wirtschaftlich vertretbaren Preis reparieren lassen.

Er zeigt die Steuerplatine einer Waschmaschine. Darauf ist ein winziges Bauteil defekt. Schon nach zwei Jahren Betriebsdauer war für den Kunden keine Ersatzplatine mehr erhältlich: Totalschaden. An einer anderen in der Ausstellung zu besichtigenden Waschmaschine ist das Kugellager in den Kunststoff des Laugenbehälters eingeschweißt. Kein Monteur kann es wechseln, wenn es ausgeschlagen ist. "Normalerweise, bei nicht fest im Behälter integrierter Lagerung, wäre das ein Bagatellschaden, hier ist es ein wirtschaftlicher Totalschaden", sagt Schridde.

Bei der Steuereinheit eines Geschirrspülers haben die Konstrukteure ein Relais so dicht neben Hitze erzeugenden Bauteilen angebracht, dass es nach einiger Zeit mit Sicherheit durchbrennt. "Die Reparatur kostet um die 250 Euro, da überlegen Sie, ob Sie nicht gleich eine neue Maschine kaufen", kritisiert Schridde.

Generell sollen hohe Ersatzteilpreise vor Reparaturen abschrecken. Der Vereinschef führt zu einer Laugenpumpe. Gehe so eine Pumpe kaputt, dann koste ihr Austausch den Kunden zwischen 80 und 150 Euro, während der Zulieferer vom Hersteller des Endgeräts dafür nur wenige Euro erhalte.

Im Milchaufschäumer eines 80 Euro teuren Kaffeeautomaten ist ein kleines Relais defekt. Es würde 1,50 Euro kosten. Schridde weiß das, weil beim Ausstellungsstück der Boden aufgesägt und die elektrischen Innereien freigelegt wurden. Normalerweise ist der Schaden nicht reparabel, denn das Gerät lässt sich nicht aufschrauben, der Produzent hat den Boden fest verklebt.

Eine Begrenzung der Lebensdauer haben Hersteller auch für elektrische Zahnbürsten vorgesehen, deren Akkus nicht wie bei früheren Geräten austauschbar, sondern im Gerät eingeklebt sind. Ebenfalls fest verschlossen und für Reparaturen nicht zugänglich ist ein als "Porsche-Design" vermarkteter Toaster. Da kann der Kunde nur beten, dass der "Porsche" nicht frühzeitig den Dienst quittiert. Wenig Hoffnung besteht für die Käufer von Schuhen, für die ein mangelhafter Kleber verwendet wurde oder gar ein Weichmacher, der Sohlen zerbröseln lässt.

Bei einer Reihe von Handmixgeräten verschleißen die Antriebsräder schnell, weil sie aus viel zu weicher Plaste gefertigt wurden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und Arglist vermutet. Um offenkundige Kunden-Täuschung handelt es sich bei einem Multizerkleinerer, dessen Elektromotor bereits nach 20 Sekunden dringend eine Pause braucht, um nicht zu überhitzen. Aber nirgendwo auf der Verpackung finde sich ein entsprechender Hinweis, sagt Schridde.

Der 53-jährige Betriebswirt und Unternehmensberater war selbst viele Jahre Manager. Was einige Hersteller zum Schaden der Kunden praktizierten, rangiere bei Ökonomen unter dem Begriff "Verkürzung der Wiederbeschaffungszyklen", Techniker sprächen von "geplanter Gebrauchsdauer", erläutert er.

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, den Umsatz zu steigern. Schridde nimmt eine Tonerkartusche aus dem Regal. Ihr Inhalt soll für 1500 Seiten reichen, danach vermeldet der Drucker, dass ihm Toner fehlt. In Wirklichkeit reicht die Kartusche, das hat der Verein probiert, für 5000 Seiten.

In der Ausstellung stehen auch viel zu spendable Seifenspender. Warum, das erklärt Schridde an einem anderen Beispiel: Als in den 70er-Jahren der Durchmesser der Öffnungen von Zahnpastatuben von fünf auf sechs Millimeter erhöht wurde, habe das eine Umsatzsteigerung von 44 Prozent bewirkt. Heute liege der Durchmesser bei acht Millimetern.

Der Verein sucht Räumlichkeiten und Sponsoren für den Aufbau eines "Murkseums". Seine Aktivisten wollen dafür sensibilisieren, dass etwas falsch läuft in der Wirtschaft. Es geht ihnen um die Frage, wie lange es sich die Gesellschaft noch gefallen lassen will, dass sie im Interesse des Profits Einzelner betrogen wird.

Es geht ihnen ebenso um ein ökologisch orientiertes Wirtschaften. Denn längere Lebenszyklen von Produkten schonen die begrenzten Rohstoff- und Energieressourcen der Menschheit. rbt1

Bundesweit gibt es bereits rund 200 Repaircafés, in denen Bürger Konsumgüter reparieren und so deren Lebensdauer verlängern.

Auch der Anti-Murks-Verein ist Träger eines solchen Cafés. Kontakt im Internet unter www.murks-nein-danke0.de oder telefonisch unter 03025580321.