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| 19:18 Uhr

Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber im Interview
„Die Lausitz hat eine einmalige Chance“

Hans Joachim Schellnhuber
Hans Joachim Schellnhuber FOTO: dpa / Soeren Stache
Berlin. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung spricht im RUNDSCHAU-Interview über Perspektiven für die Lausitz ohne Kohle.

Hans Joachim Schellnhuber ist Mitglied der Kohlekommission des Bundes und Verfechter eines schnellen Kohleausstiegs. Nach 26 Jahren gibt er die Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung ab. In der RUNDSCHAU spricht er über Perspektiven und Chancen für die Lausitz.

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Ruhestand? Amerika hat einen Präsidenten, der den Klimawandel leugnet, im Bundestag sitzen auch Klimaskeptiker, frustriert Sie das nicht?

Schellnhuber Natürlich ist es enttäuschend, wenn im 21. Jahrhundert die wissenschaftliche Evidenz von mächtigen Politikern ignoriert wird. Aber die allermeisten Menschen, auch die allermeisten Entscheider, haben das Klimaproblem heute begriffen. Manchmal denke ich allerdings, wir Forscher hätten vielleicht von Anfang an selbstbewusster auftreten müssen und uns nicht scheuen dürfen, auch als „Alarmisten“ beschimpft zu werden. Wenn man aus einem brennenden Haus herausläuft und Feuer ruft, ist man ja wohl kein Hysteriker. Zu einer ehrlichen Bilanz gehört allerdings auch festzustellen: Die Politik hat immer wieder entscheidende Möglichkeiten, den Klimaschutz voranzutreiben, ungenutzt gelassen.

Sie sitzen als ganz einfaches Mitglied in der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, die Deutschland den Ausstieg aus der Kohle ebnen soll.

Schellnhuber Die Zusammensetzung dieser Kommission ist vielversprechend – Umweltverbände, Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Industrieverbände, unabhängige Experten. Das ist ein guter Spiegel der Gesellschaft. Problematisch ist natürlich, wenn die mit Rederecht anwesende Politik – Dutzende von Staatssekretären und Minister und sogar gewisse Ministerpräsidenten – ständig behauptet, dass die Demokratie in Deutschland zusammenbricht, wenn die Braunkohleverstromung zügig endet. Der politische Druck ist unglaublich hoch, das habe ich so noch nie erlebt. Es wird einem da eine Verantwortung aufgehalst, die das Mandat der Kommission gar nicht hergibt.

Ist es legitim, einer Kommission diese Bürde aufzulasten?

Schellnhuber Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich davon halten soll. Eigentlich wäre es doch Pflicht und Schuldigkeit einer Regierung, die Zukunftsentscheidungen über die Kohleverstromung zu treffen. Dafür wurde sie gewählt. Nun hat diese Regierung sich entschlossen, ein Stück ihrer Zukunftsverantwortung an ein zivilgesellschaftliches Gremium auszulagern. Das ist zunächst ein interessanter Ansatz. Doch wenn die Politik das tut und den Kommissionsmitgliedern solche Verantwortung auf die Schultern packt, dann darf sie nicht gleichzeitig versuchen, die Kommission massiv zu beeinflussen.

Wie sollte das Votum Ihrer Meinung nach aussehen?

Schellnhuber Es würde mich nicht wundern, wenn sich die Kommission am Ende dafür ausspricht, so lange wie möglich bei der Kohle zu bleiben. Aber aus wissenschaftlicher Perspektive muss Deutschland spätestens 2030 aus der Braunkohle aussteigen.

Und wie geht es dann weiter mit der Lausitz?

Schellnhuber Auch ohne Klimaschutz werden die profitgetriebenen Märkte über kurz oder lang in der Lausitz das Ende der Braunkohle einläuten. Spätestens 2040 ist dieses Kapitel für die Region abgeschlossen, davon bin ich überzeugt. Es geht also darum, einen unabwendbaren Strukturwandel vorzuziehen und selbst zu gestalten. Dafür muss es natürlich Anreize und Belohnungen für die Region geben.

Und wie soll so eine Belohnung aussehen?

Schellnhuber Auch hier bedarf es wieder einer starken Erzählung. Die Lausitz hat die einmalige Chance, zu einer Modellregion für Deutschland und die Welt zu werden, in der neue Forschungs- und Entwicklungsstrukturen entstehen können, vielleicht sogar ein neues Bauhaus für nachhaltige Architektur. Wenn die Lausitz ein deutsches Beispiel dafür würde, wie Kohleregionen unterm Strich mit Gewinn in ein neues Zeitalter eintreten können, das alle Teile der Gesellschaft motiviert.

Und dieses Narrativ von einer fernen, vielleicht glorreichen Zukunft soll die Menschen dazu bewegen, im Hier und Jetzt den größten Arbeitgeber der Region abzuschreiben?

Schellnhuber So fern muss das gar nicht sein. Wenn man dort zum Beispiel zwei neue Fraunhofer-Institute, eine Uniklinik, einen Start-up-Park und andere innovative Plattformen ansiedeln würde, wären damit schon mehr Arbeitsplätze geschaffen als durch das Weiterleben der Braunkohle verteidigt werden. Man kann den Menschen vor Ort doch nicht erzählen, es würde schon irgendwie alles gut, wenn alles beim Alten bliebe.

Der Strukturbruch wird kommen. Ist es dann nicht besser, jetzt schon aktiv zu werden, den Wandel zu gestalten und auch noch etwas für die Lebensgrundlagen der Menschheit zu tun?

Schellnhuber Klar, Veränderungen sind manchmal schmerzhaft – es mag sein, dass gelegentlich falsche Wege beschritten werden und dass das eine oder andere Start-up-Projekt scheitert. Ich weiß wohl, die Region hat bereits einige Strukturbrüche hinter sich und muss sich jetzt wieder auf einen anstrengenden Wandel einlassen. Aber je früher wir damit beginnen, desto mehr können die Menschen in der Region profitieren. Wenn man als Letzter in den Innovations-Bus einsteigt, sind die besten Plätze schon von anderen besetzt.

Diese Diskussionen verlaufen selten rational. Kohle mag schlecht für das Klima sein, in vielen Regionen Deutschlands ist sie trotzdem mit sehr positiven Emotionen besetzt.

Schellnhuber In dieser Debatte steckt viel Unehrlichkeit. Den Menschen wird erzählt, sie müssten über Nacht hochmobile High-Performer werden und alle Traditionen aufgeben, wenn die Kohleindustrie verschwindet. Da geht es auch um knallharte wirtschaftliche Interessen von Investoren. Man muss den Menschen diese Wahrheit zumuten. Damit behandelt man sie würdiger, als sie mit falschen Versprechungen abzuspeisen. Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel.

Bitte.

Schellnhuber Ich beschäftige mich in letzter Zeit sehr intensiv mit der Digitalisierung. Das wird ein Innovationssturm ungekannten Ausmaßes sein, der über uns hereinbricht. Man könnte jetzt gemächlich abwarten bis dieser Sturm seine ganze Kraft entwickelt hat und dann zusehen, wie man vielleicht klarkommt. Oder man könnte den Stier bei den Hörnern packen und aus einer strukturschwachen Region wie der Lausitz eine Leuchtturm-Initiative der Digitalwirtschaft machen.

Batteriezellforschung in der Lausitz?

Schellnhuber Auch das, sofern Deutschland dazu jemals aus den Puschen kommt. Warum sollte man nicht die verrücktesten Technologie-Ideen der Gegenwart bündeln und vom Bund fordern, dass zehn dieser Vorschläge eine Chance gegeben wird. Mit Fantasie, Offenheit und Mut für unkonventionelle Ideen lässt sich viel erreichen. Sie können die Saat sein, aus der dann andere Zukunftspläne wachsen.

Ist das etwas, das Sie in Ihrer Zeit am Institut gelernt haben: Dass positive Anreize förderlicher für Ihr Ziel sind als Verbote und Vorschriften?

Schellnhuber Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es immer besser ist, Menschen für etwas zu begeistern, als ihnen etwas zu verbieten. Am Anfang meiner Karriere habe ich zum Beispiel die Frage, was der Einzelne für den Klimaschutz tun kann, immer für eine unpolitische gehalten. Inzwischen halte ich sie für die politischste Frage überhaupt. Wenn man Menschen einredet, dass sie selbstsüchtige Monster sind, dann glauben sie es am Ende selbst. Aber in unserer Gesellschaft ist viel guter Wille vorhanden.

Mit Hans Joachim Schellnhuber
sprachen Thomas Block
und Gunther Hartwig