Weinende Kinder, erschöpfte Mütter, eine allgegenwärtige Verzweiflung – die Bilder von Tausenden ukrainischen Geflüchteten, die aktuell in Brandenburg und Berlin täglich ankommen, gehen vielen unter die Haut. Sie wecken das Bedürfnis zu helfen. Möglichkeiten gibt es viele: Versorgung der Ankommenden vor Ort, das Spenden von Geld, Hygieneartikeln oder Winterkleidung. Doch manche gehen einen Schritt weiter. Sie schaffen bei sich Platz, um denjenigen, die in einer Nacht alles verloren haben, einen Unterschlupf bieten. Das Portal UnterkunftUkraine vermittelt Suchende mit denjenigen, die Menschen bei sich aufnehmen wollen. Laut Website gebe es schon über 200.000 zugesagte Betten.
Wer überlegt, mitzuwirken, sollte jedoch in sich gehen. Die Anforderungen dafür gehen weit über materielle Fragen wie ausreichend Platz oder genügend Betten hinaus.

Unterkunft in Privathaushalten – „Nur Übergangslösung in Brandenburg“

In Brandenburg zeigt sich derzeit eine hohe Bereitschaft in der Zivilbevölkerung, Geflüchtete aufzunehmen. Das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration hat unter der Email-Adresse unterkunftsangebote.ukraine@msgiv.brandenburg.de über 240 Anfragen mit geschätzten 700 Unterbringungsplätzen bis zum 4. März empfangen. „Das ist großartig und überwältigend“, sagt Sprecher Gabriel Hesse. Doch das soll kein dauerhafter Zustand sein, „es ist allenfalls eine Übergangslösung für den Anfang.“ Innenminister Michael Stübgen (CDU) mahnt zum kontrollierten und geordnetem Vorgehen in einer Pressemitteilung. „Momentan behelfen wir uns bei der Unterbringung und Versorgung der Vertriebenen oftmals noch mit pragmatischen Lösungen. Auf lange Frist geht es aber nur mit klaren Strukturen.“
Für Geflüchtete gehe der Weg in Brandenburg über die zentrale Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt, erklärt Gabriel Hesse. Da das Land nicht alle Ankommenden aufnehmen kann, würden dann einige an andere Bundesländer verteilt. Wer helfen und unterstützen möchte, könne sich zudem an die eigene Kommune wenden. Die Landkreise und kreisfreien Städte erarbeiten eigene Plänen zur Bewältigung der Situation und hätten den besten Überblick. Doch der Schritt, eine Unterkunft anzubieten, sollte gut überlegt sein.

Lübbenau

Unterkunft für Geflüchtete aus der Ukraine: Was wenn die Dankbarkeit ausbleibt?

„Ich beobachte die Situation mit großer Sorge und empfinde viel Ohnmacht dabei“, sagt Mareike Geiling. Ende 2014, als die großen Fluchtbewegungen in Richtung Europa begannen, hat sie mit Gleichgesinnten eine Plattform aufgebaut, die geflüchtete Menschen mit Wohngemeinschaften zusammenbringt. Daraus ist das Projekt Zusammenleben Willkommen entstanden.
Aufgrund ihrer Erfahrungen, die sie und ihr Team in den sieben Jahren gesammelt haben, ist ihre Haltung zur derzeit hohen Aufnahmebereitschaft in private Haushalte ambivalent. Denn wie lange ist man wirklich bereit, jemanden bei sich aufzunehmen? Ein paar Tage, mehrere Wochen? „Das wird zu Problemen führen“, befürchtet die NGO-Mitgründerin. Daher ist ein Kriterium ihrer Plattform, ein Zimmer mindestens ein Jahr anbieten zu können. „Menschen, die fliehen, stehen unter einem immens hohen Druck. Sie wissen nicht, ob sie jemals wieder zurückkehren können.“

Spremberg

„Diese Menschen kommen aus dem Krieg“

Wenn die Gastfreundschaft ausgeschöpft ist, müssten die Gastgeber in Kauf nehmen, dass die Geflüchteten wahrscheinlich in Sammelunterkünfte weiterziehen müssen. Kann man das aushalten? Zudem sei vorab nicht klar, wer genau einziehen wird, ob es also zwischenmenschlich stimmen wird. „Das sind individuelle Personen mit eigenen Vorstellungen.“ Wer sich also gemütliche deutsch-ukrainische Abende vorstellt, könnte massiv enttäuscht werden. „Diese Menschen kommen aus dem Krieg.“
Jeder, der helfen möchte, solle daher in sich gehen: Handelt es sich um Aktionismus angesichts der belastenden Situation oder ist die Motivation tatsächlich altruistisch, ohne Ansprüche auf beispielsweise Dankbarkeit. „Wie geht man damit um, wenn die Dankbarkeit ausbleibt? Kann man das aushalten?“, fragt Geiling. Auf der anderen Seite erwartet die Fliehenden besonders in Ballungsräumen wie Berlin, wo es kaum bezahlbaren Wohnraum gebe, die lagerartigen Unterkünfte. „Es gibt keine gute Lösung“, seufzt sie. Denjenigen, die Menschen bei sich aufnehmen möchte, rät sie, die Hilfe den bestehenden Flüchtlingsinitiativen mit erfahrenen Sozialarbeiten anzubieten oder Geld an diese Organisationen zu spenden.
Aufgrund ihrer Erfahrung befürchtet sie, dass die jetzige Hilfsbereitschaft nur kurz weilt. „Das wird in einigen Wochen verpuffen.“
Hintergründe und Artikel zu den Entwicklungen finden Sie auf unserer Themenseite „Krieg in der Ukraine“.

Geflüchtete in Mietwohnung aufnehmen

Wer zur Miete wohnt, darf grundsätzlich auch Geflüchtete in seine Mietwohnung aufnehmen. Denn in der Mietwohnung dürfen alleine die Mieter:innen entscheiden, ob und wann sie Besucher:innen empfangen, teilt der Deutsche Mieterbund e.V. in Berlin mit. Für einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen dürfen Menschen in die Mietwohnung aufgenommen werden, ohne die Vermietenden darüber informieren oder um Erlaubnis fragen zu müssen. Auch eine kurzfristige Überbelegung der Wohnung schadet nicht. Dauert der Besuch länger, sollte der Vermieter informiert und um Erlaubnis gebeten werden.