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Reichlich Pilze dank Regen und milder Temperaturen

Mit nach oben gereckten oder ausgebreiteten "Tentakeln" sieht der rote Tintenfischpilz genauso aus, wie er heißt: Wie ein Krake. Der Pilz kam vor rund 70 Jahren aus Tasmanien und Südaustralien nach Deutschland.
Mit nach oben gereckten oder ausgebreiteten "Tentakeln" sieht der rote Tintenfischpilz genauso aus, wie er heißt: Wie ein Krake. Der Pilz kam vor rund 70 Jahren aus Tasmanien und Südaustralien nach Deutschland. FOTO: dpa
Lausitz. Das verhaltene Sommerwetter im Juli ist ärgerlich für die Urlauber an Brandenburgs Badeseen – freuen können sich dagegen die Pilzsammler in den Wäldern der Lausitz. Auch seltene Pilzarten wachsen wieder. Frank Hilbert mit dpa

Der Regen und das kühle Wetter lassen die Pilze in Brandenburgs Wäldern sprießen. "Für Juli haben wir ein außerordentlich gutes Pilzwachstum zu verzeichnen", sagte der erste Vorsitzende des Brandenburgischen Landesverbandes der Pilzsachverständigen in Potsdam, Wolfgang Bivour. "Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir je so ein Wachstum zu dieser Zeit hatten."

In besonders großen Mengen wüchsen derzeit Täublinge, Pfifferlinge, Sommersteinpilze, Hexenröhrlinge, Maronen und Champignons. Auch seltene Arten wie den Tintenfischpilz könne man in diesen Wochen in Brandenburg finden, bevorzugt in Laubwäldern. "Dort gibt es deutlich mehr Arten", betonte Bivour.

Diese Artenvielfalt kann auch Lotti Albrecht (Telefon: 035433-3606) für die Vetschauer Region auf RUNDSCHAU-Nachfrage bestätigen. Sie sei vor fast 20 Jahren bei der Naturwacht zur Pilzsachverständigen ausgebildet worden und ist in dieser Eigenschaft für das Lebensmittelüberwachungsamt des Landkreises Oberspreewald Lausitz tätig. "Was ich allein schon im Vetschauer Stadtgebiet finde, lässt auf die diesjährige Artenvielfalt schließen", sagt sie.

Da gebe es Sommersteinpilze zwischen den Wohnblöcken und Hexenpilze auf den Wiesen. Die ersten Pilzberatungen hatte sie bereits im zeitigen Frühjahr, als es galt Morcheln von den giftigen Lorcheln zu unterscheiden. Sie empfiehlt den Pilzliebhabern ein "modernes Pilzbuch, weil sich die Erkenntnisse über einige Pilze verändert haben.

Rainer Tietze (Telefon: 03546-3280) wohnt zwar in Radensdorf bei Lübben, ist aber bis nach Sachsen ein gefragter Pilzsachverständiger. Da würden regelmäßig Leute aus dem Nachbarland anrufen. "Neulich sogar jemand aus Chemnitz, der im Spreewald Urlaub machen wollte, aber sich vorher erst erkundigte, wie es denn momentan mit den Pilzen in unserer Region aussehe", sagt Tietze, der auch für den Spreewald die Pilzschwemme bestätigen kann.

"Es gibt unglaublich viele Täublinge, Pfifferlinge, Birkenpilze und jetzt wachsen auch langsam die Schirmpilze", schwärmt der Pilzkenner. Aber man sollte sie nicht im zentralen Spreewald, wo sich die zahlreichen Fließe befinden, suchen. "Wer in die Pilze im Spreewald will, sollte sich unbedingt etwas gegen Mücken mitnehmen. Vor etwa ein, zwei Wochen sind die Insekten wie eine Lawine hereingebrochen", sagt Tietze.

Der Pilzsachverständige Lutz Helbig (Telefon: 035602-21736) aus Drebkau weiß von zahlreichen Funden von Hexenröhrlingen, Sommersteinpilzen, Espenrotkappen und Pfifferlingen. Aber auch der Perlpilz sei zu finden, den man tunlichst nicht mit dem ähnlich aussehenden giftigen Pantherpilz verwechseln sollte.

Sein Motto: "Lieber einmal mehr gefragt, als einmal zu früh gestorben." Und er weiß, wovon er da spricht. "Mein schwerster Fall liegt zwar schon Jahre zurück, aber damals habe ich vier Menschen von der Schippe geholt. Sie hatten Rißpilze als vermeintliche Waldchampignons gegessen und landeten zwei Stunden später in der Notaufnahme. Als zwei davon dann ins Koma fielen, haben mich die Ärzte als Sachverständigen gefragt", erinnert er sich. Jener Giftpilz kann nämlich bis zu einen 200-fach höheren Giftgehalt eines Fliegenpilzes aufweisen.

Er hatte auch schon den Fall, da kamen Pilzsucher mit einem Kofferraum voller Pilze an. Doch nach dem Aussortieren von Gallenröhrlingen oder auch Bitterlinge genannt, seien am Ende drei Maronen übrig geblieben. "Wir sind aber keine Aussortierstation, sondern wir machen nur Beratung", betont Lutz Helbig, der alljährlich zur Drebkauer Pilzwanderung einlädt.

Die nächste finde am 14. Oktober von 9 bis 16 Uhr statt, Treffpunkt ist das Anglerheim in der Lindenstraße 2. Für einen Teilnehmerbeitrag von fünf Euro (Kinder 2,50 Euro) gibt es im Anschluss eine zubereitete Pilzpfanne nebst einem Vortrag über Pilze.

Wer indes den Pilzsachverständigen Uwe Bartholomäus (Telefon: 035894-329915) aus dem sächsischen Hähnichen live erleben will, sollte sich den 9. und 10. September vormerken. Dann präsentiert er eine Pilzausstellung im Rahmen des Museumsfestes der Waldeisenbahner.

Für die Region Hoyerswerda/Weißwasser könne er nicht von einer derzeitigen Pilzschwemme sprechen. "Die Pilzvielfalt ist zwar hoch, aber es sind nicht so viele essbare darunter", sagt er. Zurzeit gebe es viele Perlpilze.

Pfifferlinge gebe es aber nicht in Mengen. Das hänge seiner Meinung nach mit der Waldbewirtschaftung zusammen. Große Bäume würden verschwinden und die schwere Forsttechnik verfestige den Boden und zerstöre Pilzgeflecht und Wachstumsbedingungen.

Zur Bestimmung der Essbarkeit von Pilzen seien Fotos unbrauchbar, betont er. Ein Pilzsachverständiger müsse den Pilz riechen, schmecken und fühlen können. In der Regel rufen die Menschen bei mir an und dann vereinbaren wir einen Termin für die Beratung.

Das gilt übrigens auch für die oben genannten Pilzberater.