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| 15:06 Uhr

Lösung in Sachsen in Sicht – Mangel in Cottbus
Regionale Engpässe bei Grippeimpfstoff sorgen für Diskussion

Ein kleiner Piks kann eine schwere Erkrankung verhindern. Da im vergangenen jahr eine besonders schwere Grippewelle über Deutschland rollte, sind Impfungen in diesem Jahr mehr nachgefragt als in den Jahren zuvor.
Ein kleiner Piks kann eine schwere Erkrankung verhindern. Da im vergangenen jahr eine besonders schwere Grippewelle über Deutschland rollte, sind Impfungen in diesem Jahr mehr nachgefragt als in den Jahren zuvor. FOTO: dpa / Sebastian Gollnow
Cottbus. Die Grippesaison hat kaum begonnen. Und schon kommen seit gut einer Woche Alarmmeldungen aus Sachsen, Saarland, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg und seit Freitag auch aus Cottbus. Von Verena Ufer

„Ist noch Grippeimpfstoff da?“ – das ist die bange Frage, die derzeit in Arztpraxen der Region gestellt wird. Noch öfter wahrscheinlich, nachdem sich ein Fernsehbeitrag in der vergangenen Woche ausführlich mit dem Thema Impfstoffmangel beschäftigt hatte. Seit Freitag jedenfalls sind die Impfstoffreserven auch des Cottbuser Gesundheitsamtes erschöpft. Denn mehrere Ärzte hatten gefragt, ob sie ihre Patienten ins Amt zur Impfung schicken können, teilte die Behörde der Stadt der RUNDSCHAU mit. Bis gestern waren in der Stadt zwei Influenza-Fälle gemeldet.  

Keine Panik aufkommen lassen

FOTO: dpa-infografik / dpa-infografik GmbH

Um keine Panik aufkommen zu lassen: die guten Nachrichten zuerst: Im Land Brandenburg ist ausreichend Impfserum vorhanden. „Das liegt daran, dass sich die AOK Nordost federführend für die gesetzlichen Krankenkassen und die Apothekerverbände in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern als erste Region in Deutschland bereits im Februar dieses Jahres auf die Versorgung mit quadrivalentem Impfstoff verständigt haben – lange bevor die Vierfachimpfung als Regelleistung für die gesetzliche Krankenversicherung verbindlich wurde“, sagt  Maschar Lazar, Geschäftsbereichsleiterin Arzneimittelversorgung bei der AOK Nordost gegenüber der RUNDSCHAU auf Nachfrage. Die frühzeitige Bestellung der Impfstoffe erfolge durch die Ärzte und orientiere sich am tatsächlichen Saisonbedarf, erklärt sie. Dabei würden die Mengen auf der Basis der Erfahrung der Vorjahre ermittelt. „Auf dieses bewährte Versorgungsmodell greifen wir seit 2011 zurück. Lieferengpässe für Grippeimpfstoffe waren daher im Nordosten nie ein Thema“, so Maschar Lazar und fügt hinzu:

„Sollte sich jedoch herausstellen, dass der Bedarf beispielsweise aufgrund der erhöhten Nachfrage durch Versicherte deutlich über der Vorsaison liegt, könnte es – zumindest vorrübergehend – auch in Brandenburg zu Engpässen kommen.“ Vor diesem Hintergrund sei der jüngste Erlass des Bundesgesundheitsministeriums sehr zu begrüßen. Dieser ist die zweite gute Nachricht. Denn bemerkenswert schnell hat das Ministerium in diesem Jahr gleich auf erste Mangel-Meldungen aus den Bundesländern reagiert und – wie es in einer Bekanntmachung des Bundesanzeigers heißt – den Weg für ein „flexibles“ Agieren von Apothekern, Ärzten, Großhandel und Behörden geebnet.  Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lockerte bereits vor einigen Tagen die Vorschriften für die Beschaffung von Impfstoff. Danach können Bundesländer bei Mangelzuständen erlauben, dass sich Apotheken und Arztpraxen untereinander mit Impfstoff unterstützen. Auch Importe aus anderen Ländern der Europäischen Union sind, möglich, wenn das von den Ländern für erforderlich gehalten wird.

Lösung für Engpässe in Sachsen in Sicht

Auf Grund der neuen Verordnung muss sich auch in der Lausitz und im Nachbarland Sachsen wohl niemand  ernsthaft Sorgen machen.  Auch wenn Enno Bernzen, Geschäftsführer des Sächsischen Apothekerverbandes (SAV) in dieser Woche einräumen musste, dass  „zurzeit können im Freistaat vereinzelt Versorgungsengpässe mit Grippeimpfstoffen auftreten können“. Der SAV kümmere sich hier gemeinsam mit dem Sozialministerium  und den anderen Beteiligten um eine zeitnahe Lösung, hieß es da. Gestern gute Nachrichten aus dem Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz: „Wir haben in Sachsen die Voraussetzung geschaffen, dass die Bürgerinnen und Bürger mit zusätzlichem Grippe-Impfstoff versorgt werden können“,  so Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch.  Jetzt gelte, dass die  Apotheker den Impfstoff auf Basis einer Allgemeinverfügung direkt beim Impfstoffhersteller Mylan bestellen und anschließend die Ärzte mit Impfstoff beliefert werden können, hieß es in der Ministeriumsmitteilung.  „Damit sollte sich die Situation im Freistaat deutlich entspannen“, sagte Klepsch.  Der Vorsitzende des Sächsischen Apothekerverbandes, Thomas Dittrich, bestätigte, „dass unsere Mitgliedsapotheken nun zügig die Versorgung der Arztpraxen mit dem aus dem EU-Ausland importierten Grippeimpfstoff realisieren können.“

Rätselraten über Ursachen der Defizite

Über die Ursachen des regionalen Impfstoffmangels wird bundesweit gerätselt.  „Die Patienten haben in diesem Jahr möglicherweise viel früher angefangen, sich impfen zu lassen“, nennt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (Pei) einen möglichen Grund gegenüber der RUNDSCHAU. Das Institut in Langen (Hessen) ist das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit. Sie hält die große Krankheitswelle in der vergangenen Saison für einen möglichen Grund des aktuell großen Interesses. Dadurch seien vermutlich mehr Menschen für das Thema sensibilisiert. Diese Meinung wird auch in den Gesundheitsministerien von Brandenburg und  Sachsen geteilt.

Allein im Freistaat, der von der Grippe in der Saison 2017/2018 heftig betroffen war, starben 176 Menschen an den Folgen der Krankheit.  47 765 Krankheitsfälle wurden gemeldet.  Damit war es eines der stärksten Grippejahre. Auch der Winter 2016/2017 mit 83 Toten und 16 700 Erkrankten war ein starkes Grippejahr.

Eher ein Verteilungsproblem als ein Mangel?

Die regionalen Engpässe sind nach Ansicht von Pei-Sprecherin Stöcker eher ein Verteilungsproblem. Das heißt also unterschiedlich große Bestellungen der Länder, von Apotheken und Arztpraxen. „Unser Institut hat bisher 15,7 Millionen Dosen Grippeimpfstoff freigegeben, also eine Million mehr, als sich im vergangenen Jahr Menschen insgesamt gegen Influenza haben impfen lassen“, erklärt Stöcker. „Würden sich tatsächlich so viele gegen die Krankheit impfen lassen, wäre das in Riesenerfolg im Kampf gegen Grippe“, fügt sie hinzu.

Bayern ordern in Frankreich

In Bayern, dass als eines der ersten Länder einen Mangel an Impfstoff meldete, werden übrigens jetzt 20 000 aus Frankreich stammende Chargen Vierfach-Impfstoff geordert, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete. Laut Bayerischem Rundfunk haben sich im Freistaat in der gerade erst begonnenen Grippesaison 2018 mehr Leute impfen lassen als im gesamten vorigen Winter.