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| 18:23 Uhr

Debatte um Raubtiere
Die Lausitz erwartet noch mehr Wölfe

Umstritten: Die Lausitzer Wölfe breiten sich weiter nach Norden aus.Aber auch in der Region ist noch Platz für neue Rudel. Denn das Wildangebot in den Wäldern ist groß.
Umstritten: Die Lausitzer Wölfe breiten sich weiter nach Norden aus.Aber auch in der Region ist noch Platz für neue Rudel. Denn das Wildangebot in den Wäldern ist groß. FOTO: Bernd Thissen
Cottbus/Dresden. Der Wolf vermehrt sich in Ostsachsen und Südbrandenburg den Experten zufolge ganz nach dem Lehrbuch der Natur. Der hohe Wildbestand begünstigt in der Region die Verdichtung der Population. Von Kathleen Weser

Der Wolf ist weiter auf dem Vormarsch. Das Raubtier hat die Lausitz von Polen über Ostsachsen und Südbrandenburg bis zum südlichen Berliner Ring bereits flächendeckend erobert. Weidetierhalter beklagen zwar, das sehr lernfähige und anpassungswillige Raubtier sei bereits unerträglich für die bewirtschaftete Kulturlandschaft, wandere in der Lausitz nicht naturgemäß weiter ab und müsse deshalb bejagt werden. Das zeigten Massenrisse von Nutztieren. Doch Wildbiologen widersprechen. Weitere Rudel hätten Platz und seien auch zu erwarten.

Der Wolfsbestand verdichtet sich in Südbrandenburg noch. Bei Prösa (Elbe-Elster) in der Liebenwerdaer Amtsheide und im Vorspreewald zwischen Cottbus und Burg (Spree-Neiße) sind in diesem Jahr zwei neue Rudel nachgewiesen.

Auch im Barnim ist inzwischen eine Wolfsfamilie sesshaft. In das Oder-Spree-Gebiet, im Vergleich zur Lausitz noch fast ein weißer Fleck auf der Wolfskarte, breitet sich das Raubtier nun auch weiter in den Raum nördlich der Autobahn 12 aus. In der Gegend sind viele kleine Nutztierhalter aktiv, sie fürchten vor allem um die Schafe. Und Steffen Butzeck, der Wolfsbeauftragte des Landes Brandenburg, teilt die Sorge: Denn Aufklärung und Beratung der Landwirte im Nebenerwerb kosten das kleine Team des Landesamtes für Umweltschutz künftig mehr Kraft. „Das allerdings im Rahmen einer ganz normalen Entwicklung der Wolfspopulation“, betont er.

Wolfsnachweise in Brandenburg und Sachsen.
Wolfsnachweise in Brandenburg und Sachsen. FOTO: LR / Katrin Janetzko

Lausitzer Wolfsrudel: Durchschnittlich sieben bis acht Tiere

Eine Wolfsfamilie besteht in der Regel aus dem Elternpaar und dessen Nachwuchs. Die vorjährigen Jungwölfe helfen den Eltern bei der Aufzucht der neuen Welpen. Normalerweise besteht ein Rudel im Herbst aus dem Elternpaar, dem Nachwuchs des Vorjahres und den Welpen des laufenden Jahres. Sieben bis acht Tiere bilden in der Lausitz ein durchschnittliches Rudel. Mit Einzeltieren, die sich temporär anschließen, sind es bis zwölf.

Mit Erreichen der Geschlechtsreife wandern die Jungwölfe in der Regel aus dem elterlichen Territorium ab und bilden ein eigenes Revier. Die meisten Jungwölfe haben das Rudel im Alter von drei Jahren verlassen und gründen mit einem etwa gleichaltrigen Tier, das sie auf der Abwanderung vom Eltern-Rudel treffen, eine eigene Familie.

Die natürliche Vermehrungsrate wird vom Raubtier nicht unterschritten. Der Trieb des Erhalts der Population steckt in den Genen. „Die verfügbaren Lebensräume werden von den Wölfen ausgelastet“, erklärt Steffen Butzeck.

Nur der Mangel an solider Nahrung im Jagdrevier, das in Mitteldeutschland besenderten Wölfen zufolge 230 bis 270 Quadratkilometer groß sein kann, lässt die neue Familie die angestammte Region verlassen. Wird das Frischfleisch knapp, können schon fünfmonatige Welpen das elterliche Rudel verlassen. In dem Alter macht der Nachwuchs bereits kräftig Beute.

Viel Wild: Deswegen wächst der Wolfsbestand in der Lausitz

Aber der Tisch des Waldes ist in der Lausitz mit historisch hohem Wildbestand so gut gedeckt, dass sich der Wolfsbestand hier noch weiter verdichtet. Der Konkurrenzdruck um Rang und Revier führt auch zur Abwanderung und neuen Territorien, in denen Wölfe sesshaft werden. In drei Fällen hat in der Region bisher ein Wolf einen seiner Artgenossen getötet. Wissenschaftliche Untersuchungen von genetischem Material belegen das.

Der Wolf ernährt sich zu 96 Prozent von Reh-, Rotwild und Wildschweinfleisch. Auf dem Weg des geringsten Widerstandes ist der Räuber als Gesundheitspolizist am Werk. Zuerst erlegt er schwaches und krankes Wild. Untersuchungen des Senckenberg Museums für Naturkunde in Görlitz haben ergeben: Die sächsischen Wölfe ernähren sich bevorzugt von Rehen. Vermutlich ist dieses Wild, das in der Lausitz häufig vorkomment, leichter zu erbeuten als die Rothirsche. Im Sommer dagegen, wenn die Wildschweine Junge haben, besteht der Hauptteil der Nahrung aus Frischlingen.

Zunehmend wird von Forstwirten anerkannt, dass der Wolf sehr nützlich ist im Wald. Vor allem die Kiefern-Monokulturen der Lausitz sollen umgebaut werden zu Mischwäldern, die dem Naturhaushalt beim Speichern von Wasser helfen. Der Wildverbiss durch Rehe an den jungen Trieben ist rückläufig, seit der Wolf in den heimischen Wäldern konsequent mitjagt. Ein russisches Sprichwort bestätigt: „Wo der Wolf ist, wächst Wald.“ Dieser Effekt wird jetzt in Brandenburg auch wissenschaftlich untersucht – in der Drochower Heide (Oberspreewald-Lausitz).

Wolfsattacke im Kuhstall: Laut Wildbiologe Einzelfall

Allein sechs Millionen Euro streckt das Land Brandenburg pro Jahr in Zaunanlagen, die frisch gepflanzte Laubbaum-Bestände vor Rehen schützen. Der wirtschaftliche Schaden an Nutzflächen durch Schalenwild ist hoch. Bestätigte Wolfsrisse von Nutztieren sind im vergangenen Jahr im Land dagegen in Höhe von etwa 100.000 Euro entschädigt worden.

Ein bis zwei Prozent hoch ist der Nutztieranteil am Speiseplan der Wölfe. Huftiere werden bevorzugt gerissen. Bei nachts schutzlos auf der Wiese angepflockten Nutztieren und auf unzureichend gesicherten Weiden haben Wölfe besonders leichtes Spiel.

Dass sich die Raubtiere so stark an die Zivilisation anpassen, die sie grundsätzlich meiden, und bewusst in Ställen – wie in Lindenau (Oberspreewald-Lausitz) –  räubern, kann Steffen Butzeck nicht bestätigen. Der Zufall habe einen Einzelwolf wohl in den in Hitzenächten offenen Stall gelockt, in dem eine Kuh frisch gekalbt hatte.

Der Wolf kann ein Tier etwa 300 Meter gegen den Wind riechen. Andere Wölfe kann er auf einer Distanz von bis zu neun Kilometern hören. Und er ist schlau und versucht, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Wölfe sind Opportunisten – sie lassen sich nieder, wo sie ausreichend zu fressen finden und der Mensch sie leben lässt. „Beute zu machen, um zu fressen, ist der erste Reflex. Das tut auch der Marder im Hühnerstall“, erläutert der Wildbiologe. „Der Wolf nimmt einfach, was er am leichtesten bekommt“, sagt er. Die Antwort könne nicht sein, den tierischen Jäger zu jagen.

Biologe: Wildbestand und Wolfspopulation hängen zusammen

Das Problem des reichen Nahrungsangebotes ist durch die intensive Landwirtschaft generell auch hausgemacht. Die heftig beklagte Wildschweinplage sei ein Beispiel.  „Entscheidend für den heimischen Wildbestand, zu dem auch der Wolf gehört, ist die Produktivität der Landschaft“, sagt der Wildbiologe. Erst wenn der Wildbestand sinke, weiche auch der Wolf auf größere Reviere aus.

Deshalb müsse der Wolf nicht geschossen werden, aber als Faktor in den Abschussplänen der Weidmänner bei Reh- und Schalenwild  berücksichtigt werden. Denn er greift regelmäßig in den Wildbestand ein. Übrigens auch im Maisfeld, in das sich Wildsauen gern mit vielen Frischlingen zurückziehen – und in dem der Jäger Mensch mit seinem Gewehr kaum eine Chance hat, reduzierend einzugreifen.

Wölfe interessieren sich nicht für den Menschen, nutzen aber dessen Strukturen – wie Wege und Straßen. Liegt ein Dorf auf seinem nächtlichen Wanderweg, nimmt der Wolf den kürzesten Weg und spart sich Umwege.

Beispiel Merzdorf: Warum der Wolf plötzlich bei Menschen auftaucht

Beim Merzdorfer Wolf hatte im Jahr 2014 der Besuch im Dorf am hellichten Tage einen anderen Grund. Zwischen Tagebau, Hammergraben und von Leitplanken gesäumter Bundesstraße war ein Wolf, von zwei aufeinander zulaufenden Blaskapellen zum Faschingsumzug so irritiert in die Ortslage gedrängt worden, dass er sich plötzlich inmitten der Dorfbewohner befand.

„Der Jungwolf wusste einfach nicht wohin und hatte zweifellos die größere Angst. Wir haben den Weg anhand der Spuren und Zeugenbeschreibung nachvollzogen“, sagt Steffen Butzeck. Es handele sich nicht um ein gefährliches Tier.

Extensives Beweiden der Kulturlandschaft ist ein wichtiger Beitrag für deren Erhalt und der biologischen Vielfalt. Deshalb fordern Bauernverbände von Bund und Ländern, die Weidetierhalter beim konsequenten Schutz ihrer Tiere vor dem Wolf zu unterstützen und zu fördern. Denn in Gebieten mit Wolfsvorkommen und auch dort, wo das Raubtier in den nächsten Jahren zu erwarten ist, sind hinreichende Schutzmaßnahmen unverzichtbar.

Die Europäische Kommission hat im November entschieden, dass der Herdenschutz zur Abwehr von Übergriffen durch Wölfe auf Weidetiere vollständig von den Mitglied­staaten finanziert werden können, ohne dass dies wie bisher als unzulässige Beihilfe gilt. Bislang konnten nur 80 Prozent der Kosten erstattet werden. Die Hilfen sollen die Lage der Nutztierhalter verbessern.