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| 09:28 Uhr

Künstler-Pleinair auf dem Klostergelände
Putten erklären in Neuzelle den Himmel

Ralf Ehmann, Bildhauer aus Rottenburg am Neckar, bearbeitet einen Sandstein auf dem Gelände des Klosters in Neuzelle.
Ralf Ehmann, Bildhauer aus Rottenburg am Neckar, bearbeitet einen Sandstein auf dem Gelände des Klosters in Neuzelle. FOTO: ZB / Patrick Pleul
Neuzelle. Das als „Barockwunder Brandenburgs“ bezeichnete Kloster Neuzelle kann eine Vielzahl an Putten vorweisen – an Altären und auf Deckengemälden sowie an Dachfirsten. Jetzt bekommen die Figuren Zuwachs. Von Jeanette Bederke

Die Putte von Ralf Ehrmann sitzt auf einem Totenkopf und hält eine Kugel in der ausgestreckten Hand. Mit Fäustel und Meißel hat der Bildhauer aus Baden-Württemberg seine dralle Figur aus einem Sandsteinblock geformt.

Auf die für Putten so typischen Flügel hat der Künstler bewusst verzichtet. „Für mich ist mein Werk ein kleines Kind, das das Leben noch vor sich hat. Es sitzt auf etwas Altem und hat die Welt in Form der Kugel im Griff“, erläutert er.

Anne Schulz, Bildhauermeisterin aus Biesenthal, beteiligt sich ebenfalls am Pleinair. Sieht verarbeitet das Thema Wolf in ihrer Putte.
Anne Schulz, Bildhauermeisterin aus Biesenthal, beteiligt sich ebenfalls am Pleinair. Sieht verarbeitet das Thema Wolf in ihrer Putte. FOTO: ZB / Patrick Pleul

Bisher habe er in seiner künstlerischen Arbeit noch nie die Gelegenheit gehabt, eine Putte zu machen. Diese Aufgabenstellung habe ihn gereizt, sodass er sich wie 24 andere Künstler an der Ausschreibung der Stiftung Stift Neuzelle (Oder-Spree) und des Landkreises Oder-Spree anlässlich des diesjährigen 750. Klosterjubiläums beteiligte, sagt Ehrmann.

Gemeinsam mit sechs anderen Bildhauern aus Deutschland und Polen ist er nun Teilnehmer des dreiwöchigen Künstler-Pleinairs „Putten erklären den Himmel“ auf dem Neuzeller Klosterhof. Unter freiem Himmel („Pleinair“) und vor den Augen von Besuchern bearbeiten sie die aus dem Elbsandsteingebirge in Sachsen stammenden Steinblöcke. Auch das Arbeitsmaterial ist für Ehrmann, der sonst mit Kalkstein oder Marmor zu tun hat, reizvolles Neuland.

„Putten wurden in der Barockzeit gern gestalterisch genutzt, als Verbindung zwischen Himmel und Erde sowie volkstümliche Instrumente der religiösen Bildung“, erklärt Walter Ederer, Marketingdirektor der Stiftung. In der spätgotischen Zisterzienserkloster-Anlage, die im 17. und 18. Jahrhundert barock überformt wurde, finden sich deshalb viele dieser niedlichen, nackten Gestalten. Direkt auf dem Klosterhof, in den beiden Kirchen, in den Szenen der Passionsdarstellungen haben sie erklärende Funktionen.

„Inzwischen sind Putten zum Inbegriff des Kitsches geworden. Wir sind deshalb jetzt gespannt auf moderne, künstlerische Darstellungen“, sagt Ederer. Die beteiligten Künstler erhalten ein Stipendium von 1400 Euro. Zwei der beim Künstlerpleinair entstehenden Figuren will die Stiftung deshalb auch für jeweils 4000 Euro ankaufen und im barocken Klostergarten aufstellen. Die Entscheidung dazu fällt beim Abschluss des Workshops anlässlich des Kloster-Gartentages am 2. Juni. Bis Oktober können aber alle sieben Kunstwerke noch auf dem Klostergelände besichtigt werden.

Ob seine Skulptur zu den Gewinnern gehören wird, ist für Bildhauer Ehrmann nebensächlich. Er genießt das Arbeiten vor wissbegierigem Publikum in der historischen Klosteranlage. Die hat er zunächst einmal auf der Landkarte suchen müssen, wie er schmunzelnd gesteht. „Für mich zählt auch der ungezwungene Austausch mit den anderen Künstlern. Dafür hat man im Alltag kaum Zeit“, sagt er und schlendert in einer Pause hinüber zu Anne Schulz. Die 52-Jährige aus Biesenthal (Barnim) hat Putten-Erfahrung, arbeitete daran bereits für den Märchenbrunnen in Berlin. Doch ihre Arbeit in Neuzelle hat wenig Märchenhaftes, widmet sich viel mehr einem aktuellen Aufreger-Thema.

In ihrem Sandsteinblock bereits gut zu erkennen ist eine geflügelte Gestalt, die einen Wolf auf den Armen trägt und von zwei Schafen begleitet wird. „Meine Putte ist in ihrer traditionellen Funktion als Erklärer und Vermittler ein Aufruf zum Tierfrieden. Der Wolf ist nach Brandenburg zurückgekehrt, was der Mensch auch zulassen sollte“, erklärt die Bildhauerin. Das einst ausgerottete Raubtier zu akzeptieren, ist für sie eine Frage des Willens. „Die von Landwirten initiierte Hetzjagd auf den Wolf ist nicht zeitgemäß, wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter“, meint sie.

Schulz schwärmt von dem weichen, tongebundenen Sandstein, der sich leicht bearbeiten und das Werkzeug nicht so schnell stumpf werden lasse. Trotzdem sei das Arbeiten unter freiem Himmel körperlich sehr anstrengend. „Wir fangen um 8 Uhr an und werkeln bis zum Abend“, sagt sie, während unablässig Klopfgeräusche den Klosterhof erfüllen.

Die Anlage sei schon etwas ganz Besonderes – da ist sie sich mit den anderen Künstlern einig. „Eine einmalige Atmosphäre, mit den Kirchenglocken als Geräuschkulisse und Besuchern, die interessiert nachfragen.“

Den Sieg beim Pleinair würde sie jedem ihrer Mitstreiter gönnen. Da gebe es untereinander kein „Hauen und Stechen“, sagt Schulz. Für sie selbst sei der Weg das Ziel. „Meine Herausforderung ist es, so viel wie möglich vom Sandstein-Material zu erhalten.“