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| 18:32 Uhr

Prozess um den Tod der kleinen Emily
„Sittlich auf tiefster Stufe“

FOTO: Fotolia / JiSign
Frankfurt (Oder). Im Prozess um den Tod der kleinen Emily aus Eberswalde fordert die Staatsanwaltschaft für den Angeklagten lebenslange Haft. Die Details des Falls sind kaum zu ertragen. Von Mathias Hausding

Angelo S. sei des Mordes aus niedrigen Beweggründen an seiner leiblichen Tochter überführt, sagte Anklagevertreter Jochen Westphal in seinem Plädoyer vor dem Landgericht Frankfurt (Oder). Ziel des Kindsvaters sei gewesen, dass die zum Tatzeitpunkt zweieinhalb Jahre alte Emily aus seinem Leben verschwindet. „Er wollte sie nicht mehr da haben. Sie war für ihn ein Störfaktor.“

Angelo S. habe mit „krasser Eigensucht“ gehandelt. „Ein gefühlloseres und unbarmherzigeres Verhalten gegenüber dem eigenen Fleisch und Blut hat man selten gesehen.“ Die Tat stehe „sittlich und moralisch auf tiefster Stufe“.

Emily sei gesund und normal entwickelt gewesen, bis der allein­erziehende Vater Anfang 2017 begonnen habe, sie immer stärker zu vernachlässigen, führte der Staatsanwalt aus. Der Angeklagte lebte zu dem Zeitpunkt mit einer Frau, deren zwei Kindern und Emily zusammen. Als auch noch ein gemeinsames Baby des Paares folgte, geriet Emily immer mehr ins Abseits.

Angelo S. vernachlässigte ihre Ernährung, dann wieder fütterte er sie zwangsweise. Er fesselte sie wochenlang an ihr Bett. Das Kind durfte sein Zimmer nicht mehr verlassen. Auch gegen die Partnerin des Angeklagten läuft deshalb ein Strafverfahren. Das komplette Familienleben spielte sich ohne Emily ab. Zum Beleg dafür verwies der Staatsanwalt auf von Kinderhand gemalte Bilder in der Wohnung. Die ganze Familie sei auf ihnen festgehalten worden, sogar der Hund. Aber Emily fehlte.

Nach Einschätzung der Gerichtsmedizin wurde das Mädchen außerdem mehrfach schwer misshandelt. Unter anderem wurden mehrere Gehirnblutungen und ein beidseitiger Beckenbruch diagnostiziert. Die Behauptung des Angeklagten, die Verletzungen seien durch Unfälle entstanden, wies der Staatsanwalt in seinem zweieinhalbstündigen Plädoyer als unglaubhaft zurück. Werde ein Kind bei einem Unfall verletzt, würden die Eltern mit ihm zum Arzt gehen, argumentierte Westphal. Angelo S. aber habe es stets abgelehnt, Hilfe zu holen, selbst als seine Tochter schon komatös im Bett gelegen habe.

Emily habe sich immer mehr zurückentwickelt. Sie verlor ihren Wortschatz, war völlig abgemagert, konnte vor Schmerzen nicht mehr laufen, sondern nur noch krabbeln. Am 10. Oktober 2017 wurde sie nach einem neuerlichen Übergriff mit schwersten Hirnschäden ins Krankenhaus eingeliefert. Eine Not-OP brachte keine Rettung. Ein halbes Jahr später starb sie in einem Kinderheim.

Der Prozess läuft seit zehn Monaten. Das sehr ausführliche Plädoyer der Staatsanwaltschaft zeigte am Mittwoch, wie schwierig die Beweisführung ist. Denn der Angeklagte hatte zwar eingeräumt, dass er keine Vaterliebe für Emily empfunden habe. Aber er bestreitet bis heute, ihr mit Vorsatz geschadet zu haben. Jochen Westphal ging es also darum, den Tötungsvorsatz nachzuweisen. „Wenn ein Täter den Tod seines Opfers für möglich hält und ihn billigend in Kauf nimmt oder sein Schicksal dem Zufall überlässt, dann ist das Mord“, sagte er. Der Angeklagte habe bis heute keine Reue erkennen lassen. Er habe einfach keine Lust gehabt, sich um seine Tochter zu kümmern, obwohl er als Arbeitsloser „massig Zeit“ hatte. Lieber habe er sich Handyspielen und Drogenkonsum hingegeben. Emily zur Adoption freizugeben, sei für ihn ebenfalls nicht infrage gekommen.

Am 7. Juni wird das Plädoyer der Verteidigung erwartet. Das Urteil soll am 12. Juni gesprochen werden.