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| 19:34 Uhr

Die andere Alternative
Privatschulen sind mehr als Lückenfüller

 Für die Umsetzung von Natur und Bewegung braucht es nicht viel: Die evangelische Grundschule in Groß Kölzig hat beides vor der Haustüre.
Für die Umsetzung von Natur und Bewegung braucht es nicht viel: Die evangelische Grundschule in Groß Kölzig hat beides vor der Haustüre. FOTO: Evangelische Grundschule Groß Kölzig
Cottbus. Reform-Chaos, Unterrichtsausfall, schlechte Ergebnisse bei Pisa – all das treibt Schüler weg aus dem staatlichen Schulsystem. Privatschulen mit kleinen Klassen und individueller Förderung sind mehr denn je gefragt. Auch in der Lausitz ist deren Anzahl in den vergangenen 27 Jahren stark angewachsen. Von Sybille von Danckelman

Selbst als die Gesamtzahl aller Schulen Ende der 1990er-Jahre wegen drastisch gesunkener Geburtenzahlen zurückging, erhöhte sich die Anzahl der Privatschulen. Im Schuljahr 2017/18 gab es bundesweit 5800 Schulen in freier Trägerschaft. Das sind rund 81 Prozent mehr Einrichtungen als 1992/93. Auf diesen enormen Sprung hat das Statistische Bundesamt zu Jahresbeginn aufmerksam gemacht.

Schulsterben im Osten –
Nische für Privatschulen

Ostdeutsche Länder sind ganz vorn dabei. So werden in Sachsen und Brandenburg heute rund 15 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen von einem privaten Träger geführt. In Brandenburg geht etwa jeder neunte Schüler auf eine Privatschule, in Sachsen sogar etwas mehr. Das sind fast doppelt so viele wie in Schleswig-Holstein. Vor zehn Jahren war es nur jeder 14. Schüler. Soll heißen: Die Länder haben in den 30 Nachwende-Jahren enorm aufgeholt. Der Verband Deutscher Privatschulen Berlin-Brandenburg hat eine einfache Erklärung: Das Schul­sterben, gerade in ländlichen Regionen, weil Schüler fehlten, hat privaten Trägern mit flexibleren Konzepten in die Hände gespielt.

Die Freie Schule Boxberg ist solch ein Fall. Als die staatliche Mittelschule schloss, hatte Sachsens flächengrößte Gemeinde keine weiterführende Schule mehr. Für engagierte Boxberger gab es nur eines: Initiative ergreifen, Schulkonzept entwickeln und privat weitermachen. Die Alternative öffnete 2007 nach einem Jahr Leerstand im gleichen Gebäude. Die Freie Schule Boxberg arbeitet in Ansätzen nach dem Jenaplan – mit Wochenplänen für die Schüler, mit jahrgangsgemischten Gruppen, mit fächerübergreifendem Unterricht. Und dennoch, schätzt Schulleiter Ralph Berthold realistisch ein, würden wohl eher logistische Gründe Eltern überzeugen. Viele Eltern wollen ihrem Kind nach der 4. Klasse noch keinen weiten Schulweg zumuten. Ein Trägerverein lenkt die Geschicke, und ein kleines Schulgeld – Berthold: „bisschen mehr als nichts“ – spült Geld in die Kasse. „Bei uns steht die technische Ausstattung nicht an erster Stelle, sondern die Lehrer-Schüler-Beziehung.“

Den Trend hin zu Privatschulen kann der Schulleiter gefühlt nachvollziehen. Für das neue Schuljahr gäbe es so viele Voranmeldungen wie noch nie. An Schülern mangelt es nicht, wohl aber an Lehrern. Das Kollegium war nach Auflösung der staatlichen Einrichtung zersprengt worden, die Nachwirkungen spürt Berthold heute noch.

Bereicherung oder Gefährdung des Schulsystems?

Interessant beim Thema Privatschulen ist die landläufig kontroverse Blickweise auf diese Einrichtungen: Sind sie nun eine Bereicherung oder Gefährdung des öffentlichen Schulwesens? Das kommt wohl auf den Blickwinkel an. „Viele Eltern werden zunehmend unzufriedener mit staatlichen Schulen“, sagt Helge Neumann-Jacobsen vom Brandenburger Landeselternrat. Die Hauptprobleme öffentlicher Schulen seien Lehrermangel, Unterrichtsausfall und Mobbing. Freie Schulen lockten mit speziellen Angeboten wie naturnahem oder praxisbezogenem Unterricht.

FOTO: LR

An vielen freien Schulen gebe es zudem kleinere Klassen, wodurch Schüler individueller gefördert werden könnten. Nicht selten werden daher auch von außen Erwartungshaltungen geschürt, dass Absolventen der Privatschulen besser sein müssten. Dabei geht es an privaten Schulen nicht um besser, sondern um anders: andere Unterrichtsorganisation, andere Darbietung des Lernstoffes, anderes Miteinander von Eltern, Lehrern, Schülern.

Besonderes Miteinander

Dieses besondere Miteinander bestätigt Günter Kiefer, Leiter der christlichen Schule Johanneum Hoyerswerda. „Wir sprechen nicht von Ungefähr von Schulgemeinde.“ Das Johanneum war die erste private Sekundarschule in der Lausitz. Das Gymnasium war 1992 durch die evangelische Kirche gegründet worden, auch als Gegenpol zu den ausländerfeindlichen Krawallen in der Stadt. Seither schätzen Eltern die christliche Orientierung, die Erziehung zu Nächstenliebe, die Bildungsziele Toleranz und Respekt, und wohl auch den relativ geringen Stundenausfall, fasst Kiefer Argumente der Eltern zusammen.

Zwei größere Krisen hat die Schule gut gemeistert – als Mitte der 1990er-Jahre der Träger Schulgeld einführte und zehn Jahre später das Zusammengehen mit einem staatlichen Gymnasium in der Stadt anstrebte. Ein Schulträgerverein sprang in die Bresche – der Schulbetrieb mit christlichem Leitbild ging nahtlos weiter. Sogar besser: Entscheidungswege seien nun noch kürzer, sagt der Schulleiter. Etwa die Entscheidung, vor zwei Jahren einen Oberschulzweig einzuführen. Das habe sich als echte Bereicherung für die Schulgemeinde erwiesen, resümiert Schulleiter Kiefer.

Schulen in freier Trägerschaft punkten mit pädagogischen Besonderheiten, etwa der eigenen erzieherischen Ausrichtung, dem definierten Schulprogramm, der spezifischen geistigen Grundhaltung, die in der Regel in religiösen oder philosophischen Überzeugungen stecken, sowie dem Schulleben. Genau darin liegt auch die Crux: Die gemeinsame Erwartungshaltung der Eltern nach einer alternativen Bildung könnte an Privatschulen „neue Monokulturen“ entstehen lassen, warnte Bildungsexperte Professor Manfred Weiß schon vor einigen Jahren in einer Studie. Privatschulen würden zur sozialen Absonderung beitragen, denn überwiegend bildungsnahe Elternhäuser würden sich dafür entscheiden.

Schule bringt Leben ins Dorf

Das würde Schulkoordinatorin Sabrina Liske für die Evangelische Grundschule Groß Kölzig so nicht unterschreiben. Die Elternschaft sei gemischt. Schließlich gäbe es ja auch viele Gründe, die kleine Schule mitten in der Natur anzuwählen, zählt die WAT-Lehrerin auf: kleine Klassen bis zu 20 Kinder, eine eigene Küche, in der frisch und salzarm gekocht wird, ein kostenloser Fahrdienst für Schüler mit längeren Wegen, extra lange Pausenzeiten für viel Bewegung zwischendurch und Schüler-Streitschlichter, die Probleme auf Augenhöhe und mit kindlichem Verständnis klären. Dafür würden Eltern auch gern das einkommensabhängige Schulgeld zahlen.

Als die Kirchengemeinde Groß Kölzig 2003 die kleine Schule übernahm – später kam die Kirchengemeinde Eichwege hinzu –, kamen vorrangig Kinder aus der Gemeinde. Inzwischen, berichtet Sabrina Liske, habe man Schüler auch aus Forst, aus Cottbus, aus Spremberg. Eine Schule bringe Leben ins Dorf, heißt es immer wieder. Lehrerin Liske macht es vor: Sie ist längst mit ihrer Familie von Cottbus nach Groß Kölzig gezogen, genießt die Natur und das rege ländliche Leben mit Schule, Kita, Minimarkt, Sportvereinen, Naturbad, erzählt sie.

Für die Bundesländer sind Privatschulen übrigens kein schlechter Deal: Das Land spart pro Schüler zwischen fünf und 15 Prozent pro Jahr im Vergleich zu einer staatlichen Schule. Für den Rest müssen die Eltern und der Schulträger aufkommen – aber so, dass sich das Schulgeld alle Eltern leisten können.

Einen Zahn indes hat der Frankfurter Bildungsforscher in seiner Studie schon damals gezogen: Eltern würden zwar oftmals glauben, dass an Privatschulen Lehrer engagierter sind, die Ausbildung der Persönlichkeit stärker gefördert werde. Ob sie letztlich klüger machen und leistungsfähiger als staatliche Schulen sind – für diese These gäbe es keinen Beweis, sagt Weiß. Stattdessen vermittelt seine Leistungsvergleichsstudie auf Datenbasis von Pisa – untersucht wurden 15-Jährige – ein Bild mit „insgesamt wenig bedeutsamen Leistungsunterschieden“ zwischen privaten und staatlichen Schulen. Bei Schulformen mit mittlerer Reife schnitten Privatschulen etwas besser ab, bei den Gymnasien die staatlichen Einrichtungen. In punkto Schulklima und der Frage, wie zufrieden die Eltern mit der alternativen Schulwahl sind, sieht es anders aus: Hier punkten die Privatschulen deutlich.

Diese wenig spektakulären Ergebnisse bei den Leistungen sind dem Schulsystem in Deutschland geschuldet. Hier ist weniger der Träger bedeutsam, denn auch Ersatzschulen sind Bestandteil des staatlichen Schulwesens, sie unterliegen genauso der staatlichen Aufsicht und müssen Schülern gleichwertige Bedingungen bieten. Entscheidend ist am Ende die Schulform.