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| 02:39 Uhr

"Potsdam ist kein Museum"

Der Staudenhof (r.) in Potsdam. Die Wohnungen hier sind gefragt. Im Hintergrund ist die Nikolaikirche zu sehen.
Der Staudenhof (r.) in Potsdam. Die Wohnungen hier sind gefragt. Im Hintergrund ist die Nikolaikirche zu sehen. FOTO: dpa
Potsdam. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Potsdams historische Mitte weitgehend in Schutt und Asche. In den 1960er-Jahren begann zu DDR-Zeiten der Wiederaufbau – den die Stadt nun wieder zurückdrehen will. Doch in der Bürgerschaft wächst der Widerstand. Klaus Peters

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) lächelt schon recht zufrieden, wenn er auf die historische Mitte seiner Stadt schaut: Das wiedererrichtete Stadtschloss und das von Milliardär Hasso Plattner ebenfalls neu erbaute Palais Barberini erstrahlen im barocken Glanz, ebenso aufgehübscht zeigen sich die Nikolaikirche und das alte Rathaus. "Behutsame Wiederannäherung an das charakteristische, gewachsene historische Stadtbild", heißt das Konzept, das gleich nach der Wende vom Stadtparlament für die ehemalige Nachkriegsbrache beschlossen wurde.

Störende Nachkriegsbauten

Doch aus Sicht einiger wird die Postkarten-Atmosphäre gestört - von drei Nachkriegsbauten der DDR-Architektur. Für Jakobs und die mit ihm regierende Rathaus-Kooperation der bürgerlichen Parteien sind sie ein Fall für die Abrissbirne. Das 60 Meter hohe, ehemalige Interhotel "Mercure", die Fachhochschule direkt neben dem Landtag und der Plattenbau-Wohnblock "Staudenhof" mit knapp 200 besonders gefragten kleinen Wohnungen. Geplant sind neue Wohn- und Geschäftshäuser beziehungsweise die Wiederherstellung des einstigen kaiserlichen Lustgartens an der Stelle des Hotels.

Doch im Rathaus und in der Bürgerschaft regt sich zunehmend Widerstand gegen den Kahlschlag: Selbst Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) hatte sich hinter das Hotel gestellt und den Stadtoberen vorgeworfen, sie wollten den Alt-Potsdamern vorschreiben, was sie schön zu finden hätten. "Das Mercure-Gebäude wird zu einem Symbol für eine differenzierte Vergangenheitsbewertung", sagte Stolpe.

Nach mehreren vergeblichen Versuchen, im Stadtparlament die Mehrheit für die Abrisspläne zu kippen, startete eine Initiative Anfang April ein Bürgerbegehren. "Wir wollen, dass die Gebäude in der öffentlichen Hand erhalten bleiben", sagt Initiativen-Sprecher André Tomczak. Denn nicht nur für das gut gebuchte Hotel, sondern auch für den Fachhochschulbau und den "Staudenhof" sieht die Initiative Perspektiven.

Wohnungen für sozial Schwächere

"Die 30-Quadratmeter-Wohnungen im Staudenhof gehören zu den gefragtesten der Stadt", sagt Tomczak. Der Wohnblock könne mit Mitteln für den sozialen Wohnungsbau saniert werden. Und in der bald leerstehenden Fachhochschule könne ein Wissenschaftszentrum einziehen. "Potsdam ist ein renommierter Wissenschafts-Standort, was sich nirgendwo in der Stadt widerspiegelt", so Tomczak. Durch die kompromisslose Stadterneuerung in Richtung Rekonstruktion sei in Potsdam ein Ungleichgewicht entstanden, meint er. "Da dürfen nicht auch noch bestehende Gebäude mit Steuermitteln abgerissen werden."

Jakobs wirkt nervös mit Blick auf das Begehren, das seine Pläne zunichte machen will. Jedenfalls warnte er die Bürger öffentlich davor, die Forderungen zu unterschreiben. Die neuen Leitbauten am Alten Markt hätten sich zu einer Attraktion für Touristen entwickelt - "So wollen wir weitermachen!"

Garnisonkirche weiter umstritten

Unterstützung erhält die Initiative hingegen von der jungen Fraktion "Die Andere", die im Frühjahr mit dem Slogan "Die Stadt ist kein Museum" ins Stadtparlament eingezogen war. Die Fraktion streitet gegen die Stadtspitze und den Verein "Mitteschön", der sich auch für einen Wiederaufbau der Garnisonkirche starkmacht, die als Symbol des preußischen Militarismus in DDR-Zeiten gesprengt worden war.

Auch die Linken im Stadtparlament stehen hinter dem Bürgerbegehren. "Das Bürgerbegehren ist das Mittel zum Zweck, die Diskussion um die historische Mitte weiter voranzutreiben, damit sich möglichst viele Bürger damit identifizieren können", sagt Linken-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg. Auch er weist darauf hin, dass die Wohnungen im Staudenhof begehrt seien und mit dem Auszug der Fachhochschule das Leben in der Innenstadt ärmer werde. "Ein Ankerpunkt für Studenten mitten in der Stadt fiele weg", mahnt er. "Die Frage ist: Wie können wir erreichen, dass junge Menschen und anderes städtisches Leben dort hingezogen werden?"