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Wirtschaft
Die Lausitz, ihre Kompetenz und die Welt

Toller Fahrspaß am Tag und echter Hingucker in der Nacht: Mack Rides in Rust mit Automatisierungslösungen von Emis Electrics aus Lübbenau.
Toller Fahrspaß am Tag und echter Hingucker in der Nacht: Mack Rides in Rust mit Automatisierungslösungen von Emis Electrics aus Lübbenau. FOTO: Mack Rides GmbH & Co. KG Waldkir
Potsdam. Brandenburgs Wirtschaftsminister stellt Potenzialanalyse vor: Zwei Drittel der Unternehmen suchen bereits neue Geschäftsfelder. Christian Taubert

Was hat der Europa-Park Rust mit Lübbenau zu tun? Die Frage ist selbst für Kenner der Lausitz und ihrer Wirtschaft nicht ganz leicht zu beantworten. Selbst der Verweis auf das ehemalige Kraftwerk der Spreewaldstadt hilft da kaum. Und dennoch: Die Emis Electrics GmbH hat sich Anfang der 1990er-Jahre aus dem Kohlekraftwerk ausgegründet. Das einst auf Kraftwerksservice orientierte Unternehmen hat eine Vielzahl Geschäftsfelder dazugewonnen – so auch das Geschäft mit der Freizeitindustrie. Im Europa-Park Rust läuft heute keine Achterbahn oder Loopingschaukel, kein Sky-Fall-Turm ohne die elektrische Steuerung der Emis.

Emis-Geschäftsführer Christopher Perschk hat am Donnerstag im Potsdamer Wirtschaftsministerium beispielhaft einen Eindruck davon vermittelt, was der Lausitzer Mittelstand in gut zwei Jahrzehnten geleistet hat. Damit wurde jene „Potenzialanalyse der Bergbau- und Kraftwerkskompetenzen in Berlin und Brandenburg“ untersetzt, die Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) vorstellte. Dabei ging es weniger um Vergangenheit als vielmehr um die Zukunft der wirtschaftlichen Entwicklung in Südbrandenburg. Jene Zukunft, die sich den Unternehmen nach dem Ende der heute dominierenden Braunkohlewirtschaft bietet.

Die Analyse hatte das von der Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB) unterstützte Cluster Energietechnik Berlin Brandenburg im Herbst vorigen Jahres bei der DMT GmbH in Essen in Auftrag gegeben. Das zentrale Ergebnis konnte durchaus überraschen. Denn rund zwei Drittel der Unternehmen, die sich an der Studie beteiligt haben, arbeiten nach eigenen Angaben schon an neuen Geschäftsfeldern.

„Die Lausitz ist die wirtschaftlich stärkste Region in Brandenburg, und das soll auch so bleiben“, leitet der Minister seine Bewertung der Studie ein. Nach wie vor sei vor allen Dingen die Braunkohleindustrie die Quelle dieser Stärke in der Region. Doch die Bedeutung der fossilen Energieträger werde zumindest in Deutschland in den nächsten Jahren abnehmen. „Deswegen muss sich die Region breiter ausrichten“, forderte der SPD-Politiker und fügte mit Blick auf die Analyse hinzu, dass die Lausitz hier bereits auf einem sehr guten Weg sei. Zahlreiche Unternehmen der Braunkohleindustrie seien längst auch in anderen Branchen und auf anderen Märkten tätig.

Der Minister verdeutlichte, dass Unternehmen aus dem Lausitzer Revier seit Jahrzehnten im Bergbau und in der Kraftwerkstechnik erfolgreich seien, das gelte ebenso für die Zulieferindustrie. „Diese geballte Kompetenz gilt es zu nutzen und zu erhalten.

Die Firmen müssen neue Produkte entwickeln und international neue Märkte erschließen, um sich unabhängiger von der Braunkohlewirtschaft zu machen“, sagte Gerber. Und er zeigte sich erfreut, dass die Studie untermauert habe, „dass ein Großteil der Unternehmen dies bereits erkannt und schon längst die Fühler in andere Bereiche ausgestreckt hat“.

Mehr als 500 Emis-Mitarbeiter, ein Jahresumsatz von 45 Millionen Euro und Aktivitäten der Lübbenauer in mehr als 100 Ländern sind dafür ebenso ein Beleg wie die Profilierung der Kraftwerks-Service Cottbus (KSC) Anlagenbau GmbH aus Peitz.

Der Berater des 1992 gegründeten Mittelständlers, Winfried Pfeiffer, verweist darauf, dass noch immer mehr als 50 Prozent der Aufträge aus dem Kraftwerksbereich und von der Leag kommen würden. „Solange die Leag da ist, werden wir ihr dienen“, machte Pfeiffer klar, wie wichtig industrielle Kerne, industrielle Leuchttürme gerade für die lange Phase der Umstrukturierung von Unternehmen seien. KSC arbeite viel mit der BTU Cottbus-Senftenberg zusammen und habe inzwischen ganze Baugruppen für die Schienenfahrzeugindustrie als innovative Produkte entwickelt – wie etwa aerodynamische Leichtbau-Gerätecontainer, die auf den Triebwagendächern der Deutschen Bahn montiert werden.

Der Bundespolitik schreibt der KSC-Berater ins Stammbuch: „Die Energiewende braucht endlich Leitplanken, weil Wirtschaft und Investoren Planungssicherheit benötigen.“

Für den Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Brandenburg, Sebastian Saule, hat die Potenzialanalyse einen systematischen Überblick über die Bergbau-, die Kraftwerks- und die Sanierungsbranche in der Lausitz gebracht. Besonders erfreulich sei, dass viele Unternehmen bereits dabei sind, sich auf die Zeit nach der Braunkohle vorzubereiten, sagte Saule. „Mehr als zwei Drittel planen gegenwärtig Innovationsprojekte, gut 60 Prozent suchen neue Märkte im Ausland, und mehr als die Hälfte will ihre Beschäftigten für neue Aufgaben weiterqualifizieren.“

Die Wirtschaftsförderer wollen dabei systematisch unterstützen. Dazu würden verstärkte Kontaktanbahnungen mit China, Polen, Kanada und Australien gehören. Die Brandenburger Wirtschaftsförderung will zudem dem Kompetenz-Atlas eine englischsprachige Version folgen lassen.

Die hoffnungsvollen positiven Signale in der und für die Lausitz erkennt auch der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus, Wolfgang Krüger. Dazu zähle, dass 86 Prozent der Unternehmen aus dem Bereich Bergbau und Kraftwerkstechnik international aktiv seien. „Doch bei zwei Drittel der Unternehmen liegen die Aus­lands­um­sätze bei nicht einmal zehn Prozent“, verweist Krüger auf Potenzial. Er macht deutlich, dass internationale Märkte durch die Konzentration auf den regionalen Markt ins Hintertreffen geraten würden. Zudem überfordere es viele Mittelständler, „neben dem Basisgeschäft die Zukunftsfelder aufzubauen“.

Deshalb helfe die Studie aus Krügers Sicht, „unsere Angebote gezielt auf die Unternehmen zuzuschneiden. Sie wünschen sich Unterstützung bei der Begleitung in Wachstumsmärkte wie China und Russland“. Auch bei Forschungs- und Entwicklungsprojekten und der Digitalisierung würden sie konkrete Hilfestellungen benötigen. So hat jede zweite Firma zwar Forschungsinteresse, aber Probleme bei der Umsetzung. Die Internationalisierungsinitiative MinGenTec (Mining & Generation Technology) könnte hier entscheidende Impulse liefern. Der IHK-Manager ruft aber auch die Vor-Ort-Hilfen ins Gedächtnis: „Bei den Themen Digitalisierung, Automatisierung und Innovationsinitiativen können wir mit der Innovationsregion Lausitz GmbH und dem Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Cottbus den Unternehmen gezielt unter die Arme greifen.“