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| 19:13 Uhr

Manöver- und Miltär-Wettrüsten mit Russland
Polen oder die Lausitz als Nato-Aufmarschgebiet?

Mehrere Schützenpanzer "Marder" stehen nach ihrer Verschiffung für das Großmanöver der Nato in Norwegen "Trident Juncture" in einem RoRo-Schiff für den Abtransport zum Hafengelände von Fredrikstad bereit.
Mehrere Schützenpanzer "Marder" stehen nach ihrer Verschiffung für das Großmanöver der Nato in Norwegen "Trident Juncture" in einem RoRo-Schiff für den Abtransport zum Hafengelände von Fredrikstad bereit. FOTO: dpa / Mohssen Assanimoghaddam
Berlin/Warschau/Washington. In Norwegen und der Ostsee startet am Donnerstag das größte Nato-Manöver seit Ende des Kalten Krieges, nicht zufällig vor den Türen Russlands. Dahinter liegt ein neues Wettrüsten, das auch die Lausitz indirekt betrifft. Eine Analyse von Bodo Baumert

Rund 50 000 Soldaten, 150 Flugzeuge, 65 Schiffe und bis zu 10 000 Fahrzeuge – für ihr Großmanöver Trident Juncture lässt die Nato einiges in Norwegen auffahren. Deutschland beteiligt sich mit 10 000 Soldaten an den zweiwöchigen Übungen.

„Trident Juncture wird die klare Botschaft aussenden, dass wir bereit sind, alle Bündnispartner gegen jegliche Gefahr zu verteidigen“, erklärt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Woher diese Gefahr angeblich kommt, ist allen Beteiligten klar, aus Richtung Russlands. Trident Juncture ist ohnehin nur die jüngste Spitze eines militärischen Muskelzeigens der beiden einstigen Kalter-Kriegs-Blöcke.

Russische Panzerwagen bei der Übung Wostok in der Region Tschita im September 2018. 300 000 Soldaten sollen sich an dem russischen Manöver beteiligt haben.
Russische Panzerwagen bei der Übung Wostok in der Region Tschita im September 2018. 300 000 Soldaten sollen sich an dem russischen Manöver beteiligt haben. FOTO: dpa / Uncredited

Nicht das einzige Manöver

Russland hat bei seinen Groß-Manövern Wostok und Sapad in den vergangenen beiden Jahren in ähnlicher Größenordnung Truppen aufmarschieren lassen. Die USA sind mit Verbündeten bei ihren Saber-Übungen in Ost- und Süd-Ost-Europa ebenfalls bewusst in Grenznähe aufmarschiert. Lausitzer haben davon vor allem etwas mitbekommt, wenn die in Deutschland stationierten US-Truppen gen Osten verlegt wurden.

Längst bleibt es ja nicht bei Manövern. Die USA und auch die Nato haben auf Drängen ihrer osteuropäischen Partner seit dem Nato-Gipfel in Warschau 2016 Truppen nach Polen und ins Baltikum verlegt. Vor allem dort geht die Angst vor russischen Einmischungen um – geschürt durch die Ereignisse auf der Krim, in der Ukraine und Georgien.

Ein russisches Raketensystem feuert im September 2017 bei St. Petersburg im Rahmen des Militärmanövers „Sapad“.
Ein russisches Raketensystem feuert im September 2017 bei St. Petersburg im Rahmen des Militärmanövers „Sapad“. FOTO: dpa / Ivan Sekretarev

Deutschland bildet die Speerspitze einer 1000-Mann-Truppe in Litauen. Die USA haben im Rahmen von „Atlantic Resolve“ eine Panzerbrigade und weitere Truppen nach Polen verlegt. Dort bleiben sie jeweils für neun Monate, beteiligen sich permanent an Manövern mit den Partner-Armeen und werden dann durch frische Truppen abgelöst. Durchmarschgebiet dabei stets: die Lausitz.

Neue Raketen in Kaliningrad

Auch Russland hat sich am Wettrüsten beteiligt und vor allem zusätzliche Raketensysteme in die Exklave Kaliningrad an die Ostsee verlegt. Dies wiederum wird von den Militärstrategen in den USA und im Baltikum kritisch beobachtet. Die sogenannte „Suwalki-Lücke“ beherrscht das Denken, ein schmaler Landstreifen, der Polen mit Litauen verbindet. Auf den anderen beiden Seiten wird der Korridor von Kaliningrad und Weißrussland begrenzt. Würde Russland nun diesen Streifen besetzten – so die Argumente der US-Strategen –  wären Estland, Lettland und Litauen von seinen Bündnis-Partner abgeschnitten.

Polen will „Fort Trump“

Neue Nahrung hat die Debatte um solche Szenarien im Frühjahr bekommen, als Polen den USA vorschlug, eine permanente Militär-Basis in seinem Land zu errichten. Präsident Andrzej Duda unterstrich dies Mitte September bei einem Besuch in Washington, als er von einem „Fort Trump“ sprach, das die USA in Polen einrichten sollten.

Seitdem streiten die Experten in den USA über den Sinn einer solchen Basis. der polnische Vorschlag würde Russland aber auch den Nato-Partnern klar zeigen, dass man zum Engagement in Osteuropa bereit sei, argumentiert etwa Professor Michael  Hunzeker von der Schar School of Policy and Government. „Eine Basis in Osteuropa ist unnötig“, sagt hingegen Frederick Benjamin Hodges, der frühere Oberbefehlshaber der US-Truppen in Europa. Ähnlich sieht das Michael Kofman vom Woodrow Wilson Center in Washington: „Die USA brauchen mehr Truppen in Europa mit der Kapazität Russland abzuschrecken. Eine Panzer-Division in Polen ist aber nicht die Antwort.“

Hilfreicher sei es, so die Argumentation der Camp-Trump-Gegner, wie bisher Truppen in (West-)Deutschland – außerhalb der Reichweite russischer Raketen – zu stationieren und dafür die Beweglichkeit und Aufmarschgeschwindigkeit gen Osten zu erhöhen. Genau das wurde bei den Manövern, zu denen auch die Truppenverlegung durch die Lausitz gehörte, in jüngster Zeit mehrfach geprobt.

Nato rüstet auf

Die Nato erreichtet zusätzliche Hauptquartiere, um Truppenbewegungen besser zu koordinieren. Die USA haben für das kommende Jahr den Etat ihrer Truppen in Europa erhöht. Damit soll unter anderem zusätzliches Kriegsmaterial bereit gehalten werden, um die Wachablösung der in Osteuropa stationierten Einheiten zu erleichtern.

Ob das in der Praxis zu testen, sind die Großmanöver die beste Möglichkeit. Bei Trident Juncture gehe es darum zu zeigen, dass man in der Lage sei, schnell Kräfte innerhalb des Bündnisgebiets zu verlegen, erklärt Bundeswehr-Brigadegeneral Ullrich Spannuth (54).

Forderungen aus der Linkspartei, das Norwegen-Manöver abzusagen und auf weiteres „Säbelrasseln“ zu verzichten, verhallen in dieser Atmosphäre ungehört. Erst in den vergangenen Tagen hat US-Präsident Donald Trump mit seiner Drohung, den atomaren Abrüstungsvertrag INF zu kündigen, für weitere Spannungen gesorgt.

Dass sowohl Russland als auch die USA aufrüsten, ist kein Geheimnis. In Washington schaut man vor allem auf die Reichweite russischer Artillerie, mit der die USA zuletzt nicht mithalten konnte. Eine geplante Investition von 25 Milliarden Dollar soll Abhilfe schaffen. ⇥(mit dpa)

Der russische Präsident Wladimir Putin und der Generalstabschef der russischen Streitkräfte Waleri Gerassimow beobachten am 18.09.2017 in der Nähe von St. Petersburg das umstrittene Großmanöver
Der russische Präsident Wladimir Putin und der Generalstabschef der russischen Streitkräfte Waleri Gerassimow beobachten am 18.09.2017 in der Nähe von St. Petersburg das umstrittene Großmanöver FOTO: picture alliance / Mikhail Klime / Mikhail Klimentyev
Rumänische Soldaten bei der US-geführten Militärübung „Saber Guardian 2017“. An der Militärübung im Juli haben 25 000 Soldaten aus den USA und mehr als 20 weiteren Nationen teilgenommmen.
Rumänische Soldaten bei der US-geführten Militärübung „Saber Guardian 2017“. An der Militärübung im Juli haben 25 000 Soldaten aus den USA und mehr als 20 weiteren Nationen teilgenommmen. FOTO: Andreea Alexandru