ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:52 Uhr

Denkmalpflege
Santiago de Compostela in der Prignitz

Die  Wunderblutkirche in Bad Wilsnack wurde 2016  in das Denkmalpflegeprogramm des Bundes aufgenommen. Bis 2022 werden 4,2 Millionen Euro investiert.
Die Wunderblutkirche in Bad Wilsnack wurde 2016 in das Denkmalpflegeprogramm des Bundes aufgenommen. Bis 2022 werden 4,2 Millionen Euro investiert. FOTO: Bernd Settnik / dpa
Bad Wilsnack . Pilger sollen der imposanten Wunderblutkirche in Bad Wilsnack einen neuen Geldsegen bringen. dpa

Es scheint wie ein neues Wunder: Einst lockten Blut-Hostien die Massen zur Wallfahrt nach Bad Wilsnack im Norden Brandenburgs. Künftig soll es die majestätische Kirche im Zentrum sein, die gerade mit Millionenaufwand hergerichtet wird. „Das ist jetzt eine riesige Zäsur, lange wurde viel ehrenamtlich gearbeitet. Wir konnten nur kleine Brötchen backen“, sagt Jochen Purps, Vorsitzender des Fördervereins der Kirche.

Bad Wilsnack wurde einst in einem Atemzug mit Santiago de Compostela genannt, einen heute noch bedeutenden Wallfahrtsort in Spanien. Die Stadt liegt 130 Kilometer von Berlin entfernt, auf dem Weg nach Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, nahe Sachsen-Anhalt.

2016 gelangte die Kirche in das Denkmalpflegeprogramm des Bundes, damit gibt es regelmäßig einen Scheck für die laufenden Arbeiten. Bis 2022 könnten so jährlich etwa 600 000 Euro bereitgestellt werden, insgesamt 4,2 Millionen Euro. Jeweils ein Drittel der Summe kommt von Bund und Land, der Rest sind Eigenmittel, unter anderem von Landeskirche, Kirchenkreis, Landkreis und Kommune. Für die Erhaltung Brandenburger Denkmale steuerten die Ministerien für Kultur und Infrastruktur im Vorjahr rund 39 Millionen Euro bei.

„Wir konnten unser Glück mit der Aufnahme ins Bundes-Denkmalprogramm kaum fassen“, sagt Christian Richter vom Gemeindekirchenrat. Er sieht es als Anerkennung für das ehrenamtliche Engagement. Das Sanierungskonzept betreffe nicht nur allein die Kirche, sondern das gesamte Umfeld. „An der Stelle, wo Mitte der 1970er Jahre das Schloss abbrannte, soll ein neues Gebäude entstehen“, erzählt Richter. „Vielleicht für Theater und Musik, Fortbildung, aber auch mit Unterkunftsmöglichkeiten.“

Einst kamen Pilger – Könige, aber auch einfache Menschen. Der Legende nach wurden nach einem Brand der Kirche 1383 drei unversehrte, mit Blut bedeckte Hostien entdeckt. Davon erhofften sich die Pilger Vergebung von ihren Sünden. Die Hostien gibt es schon lange nicht mehr, aber ungeachtet dessen will Bad Wilsnack an die Pilgertradition anknüpfen.

„Diese Kirche ist für den kleinen Ort eine unglaubliche Überforderung angesichts der Dimension und der Ausstrahlung über die Region hinaus“, sagt Dombaumeisterin Regine Hartkopf. „Die Kirche zu erhalten ist einfach zu wenig.“ Hartkopf ist auch Dombaumeisterin für die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg sowie des Kollegiatstifts Zeitz in Sachsen-Anhalt. Die Vision sei, über die reine bauliche Instandsetzung einen Anziehungspunkt für die gesamte Prignitz zu schaffen.

Der Wetterhahn des Gotteshaues ist weithin sichtbar, Teile des Bauwerks sind schon eingerüstet. Aus 28 Meter Höhe schweift der Blick über die 2000 Einwohner zählende Stadt bis ins 20 Kilometer entfernte Sachsen-Anhalt. Alte und kaputte Ziegel werden aufgenommen und durch neue und extra angefertigte ersetzt. Darunter sind Dachsteine, auf die das Symbol der drei Hostien geprägt wurde. „Von unten ist das aber nicht sichtbar“, sagt Jochen Purps. 200 Exemplare „verstecken“ sich auf dem Dach.

In fast jede Ecke der Kirche werden in den kommenden Jahren Bauarbeiter und Restauratoren vorrücken. Neun Prunksärge – derzeit sorgfältig mit weißen Leinentücher abgedeckt – sind im Moment nicht für die Öffentlichkeit zu sehen. Es seien einzigartige Kulturdenkmäler ersten Ranges, so die Einschätzung von Andreas Ströbl von der Forschungsstelle Gruft in Lübeck.

Die Särge der Patronatsfamilie stammen aus den Jahren 1687 bis um 1900 und sind gerade aufwendig restauriert worden. Jahrzehntelang lagerten sie in einer fast vergessenen Gruft und waren durch Feuchtigkeit und Vandalismus stark beschädigt. Für ihre Restaurierung steuert die Landes-Denkmalhilfe 50 000 Euro bei. Der künftige Platz wird noch diskutiert.

Purps zählt auf, was sich ändern muss. „Die barocke Kanzlei wird von einem Baustrahler aus dem Baumarkt erleuchtet.“ An der Beleuchtung wie auch an der Akustik werde gearbeitet. Die Bestuhlung sei vor 200 Jahren angeschafft worden und heute nicht mehr passend für eine Kirche.

Richter ergänzt: „Wir müssen es schaffen, den Spagat zwischen Nutzung als Gotteshaus, aber auch für die interessierte Öffentlichkeit hinzubekommen.“ Es gehe um Sichtachsen, offene Räume, aber auch um spirituellen Platz für die immerhin 700 Gemeindemitglieder. Etwa 1000 Menschen im Jahr machen zudem auf ihrem Pilgerweg Station. „Wir wollen diesen Menschen einen Ort bieten und zeigen, dass sie angekommen sind.“

Bürgermeister Hans Dieter Spielmann (parteilos) verbindet mit der Wunderblutkirche viele Hoffnungen. „Das wird den Tourismus richtig ankurbeln“, meint er. Von hier aus ginge es nach Tangermünde (Sachsen-Anhalt) und dann weiter über den Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela. Aber Spielmann empfiehlt: „Erst einmal in Bad Wilsnack verweilen.“