| 05:00 Uhr

Landwirtschaft
Pflanzenschutz im Fadenkreuz

Ein Landwirt sprüht mit seinem Traktor Pflanzenschutzmittel auf ein Feld in Nordrhein-Westfalen. Für das Ausbringen von Pestiziden gelten bestimmte Regeln, beispielsweise was den Abstand zu öffentlichen Parks oder Kindertagesstätten angeht.
Ein Landwirt sprüht mit seinem Traktor Pflanzenschutzmittel auf ein Feld in Nordrhein-Westfalen. Für das Ausbringen von Pestiziden gelten bestimmte Regeln, beispielsweise was den Abstand zu öffentlichen Parks oder Kindertagesstätten angeht. FOTO: Henning Kaiser/dpa / LR
Pechhütte. Verantwortung gegen Eigeninteresse: Chemiekonzerne in der Lausitz buhlen auf Schulungen um die Landwirte. Wie gehen sie mit dem umstrittenen Thema Pflanzenschutz um? Von Daniel Friedrich


Ein Freitagmorgen im Februar. Der Schweizer Chemiekonzern Syngenta hat Landwirte in die Gaststätte Pechhütte bei Finsterwalde (Elbe-Elster) eingeladen. Rund 20 Bauern aus der Umgebung sind zur sogenannten Winterschulung gekommen. Es herrscht eine betont lockere Stimmung. Während auf den Tischen Getränke bereitstehen und die Mittagskarte durch die Runde gereicht wird, begrüßt Andrea Mirring ihre Gäste. Die Sonnewalderin ist Verkaufsberaterin bei Syngenta. Sie fährt zu den Betrieben aufs Land, schaut sich deren Felder an und empfiehlt den Bauern dann das jeweils passende Mittel aus ihrem Repertoire: Colzor Uno, Toprex, Karate oder Boxer heißen die Herbi-, Fungi- und Insektizide. Es sind kraftvolle Namen, die mit ihren Beinamen wie „Schlechtwetter-Joker“ oder „ein Muss in der Krankheitsbekämpfung“ ihre assoziative Wirkung nicht verfehlen.

Toprex zum Beispiel, nach Herstellerangaben die „Kraftmaschine für den Raps“, ist ein Kombinationsprodukt aus Wachstumsregler und Fungizid. Es greift in den pflanzlichen Hormonhaushalt ein, hemmt Zellteilung und –streckung und wirkt vorbeugend gegen Fäule. Das sei eine wunderbare Variante zur Behandlung im Frühling, bekommen die Landwirte in Pechhütte zu hören; natürlich ungefährlich für Bienen und wirtschaftlicher als vergleichbare Konkurrenzprodukte. „Zum Glück habt ihr ja uns. Mit Toprex seid ihr auf der sicheren Seite“, rundet ein Syngenta-Mitarbeiter den wie eine Werbeveranstaltung anmutenden Vortrag ab.

Mit Syngenta auf der sicheren Seite? Ein Beispiel: Seit 2013 ist der Einsatz von Neonicotinoiden in Europa beschränkt. Einige der Stoffe stellen nach Ansicht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit ein Risiko für Bienen dar. In der Landwirtschaft werden die Wirkstoffe als Beizmittel für Saatgut eingesetzt, um Schädlinge zu bekämpfen und Nutzpflanzen zu schützen. Doch die Pestizide schädigen auch nützliche Insekten. Das Gift setzt sich etwa im Gehirn der Bienen fest und verhindert, dass Nervenreize weitergeleitet werden. So verlieren die Tiere ihr Gedächtnis und ihre Orientierung, wie kürzlich der renommierte Bienenforscher Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin herausgefunden hat. Genau diese Neonicotinoide sind unter anderem in Insektiziden von Syngenta enthalten.

Andrea Mirring (l.) von Syngenta spricht bei der Winterschulung des Chemiekonzerns in Pechhütte zu den Landwirten. Links und rechts der Leinwand werben Aufsteller für die Produkte des Unternehmens.
Andrea Mirring (l.) von Syngenta spricht bei der Winterschulung des Chemiekonzerns in Pechhütte zu den Landwirten. Links und rechts der Leinwand werben Aufsteller für die Produkte des Unternehmens. FOTO: Daniel Friedrich / LR

Bei der Winterschulung des Unternehmens geht es deshalb auch um die Gefahren der Pflanzenschutzmittel. „Zulassungen werden inzwischen nur noch für kurze Zeiträume erteilt und es gibt strengere Auflagen, was die Fahrt- und Windgeschwindigkeit beim Aussprühen oder die Entfernung zu Gewässern angeht“, sagt Verkaufsberaterin Andrea Mirring. Sie hält die Landwirtschaft in Deutschland für die am besten kontrollierte und damit nachhaltigste der Welt. Dadurch werde es immer schwieriger, mit Pflanzenschutz Geld zu verdienen, berichtet Syngenta-Sprecher Peter Hefner. „Der Einsatz der Pflanzenschutzmittel kostet die Bauern natürlich viel Geld und deshalb sinkt er“, schätzt er ein. Die Zahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit kommen zu einem anderen Schluss. Demnach ist der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland in den zurückliegenden 20 Jahren von rund 35 000 Tonnen auf inzwischen fast 47 000 Tonnen (2016) gestiegen. Aktuell sind rund 270 verschiedene Wirkstoffe zugelassen.

Ein weiteres Problem: Ungräser wie der Windhalm werden zunehmend resistenter. Sie bauen die Herbizide schnell ab und vermehren sich in den Folgejahren gestärkt weiter. Wissenschaftler fordern deshalb neben dem maßvollen Herbizideinsatz eine deutlich breitere Maßnahmenpalette. Sie reicht von vielseitigen Fruchtfolgen über Mischkulturen bis hin zur Anpflanzung von Bodendeckern – eine deutlich zeit- und ressourcenaufwendigere Aufgabe als das Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln.

Über den Umgang mit Pflanzenschutzmitteln wacht das Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung (LELF). Sigrid Scheibe, die in der Cottbuser Außenstelle für Pflanzenschutz zuständig ist, kontrolliert und berät auch die Landwirte in Elbe-Elster: „Der Umgang mit Pestiziden fordert ein großes Wissen ab. Nur, wer einen Sachkundeausweis als Nachweis seiner Pflanzenschutzkenntnisse besitzt, darf die Chemikalien beruflich anwenden.“ Bei ihren Gesprächen stelle sie fest, dass die Landwirte sehr sorgfältig mit dem Thema umgingen und viele Fragen stellen würden. „Einfach so sorglos anwenden, das geht nicht mehr“, sagt sie. Ihrer Beobachtung nach hat allerdings die Anwendung mit dem umstrittenen Glyphosat in den vergangenen Jahren zugenommen. „Das liegt auch daran, dass den Landwirten nahegelegt wurde, auf pfluglose Methoden umzusteigen.“ Zudem sei der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auch eine Frage der Verbrauchereinstellung: „Wer sich eine Obsttheke voller makelloser, glänzend roter Äpfel wünscht, der muss sich im Klaren darüber sein, dass das nicht funktioniert, ohne nachzuhelfen.“

Doch wie objektiv und glaubwürdig sind Schulungen von Chemiekonzernen wie Syngenta? „Neben den Informationen zur Wirkung ihrer Produkte stehen bei den Schulungen der Firmen sicher auch Strategien dahinter, um sich am Markt zu platzieren“, meint Sylvia Knopke, die Leiterin des amtlichen Pflanzenschutzdienstes beim LELF. Auch ihr Landesamt bietet Landwirten und Gärtnern im Winter Schulungen zum Pflanzenschutz an. Auf zwölf Veranstaltungen wollten sich in diesem Jahr bereits 1300 Teilnehmer fortbilden lassen. „Unsere Schulungen sind unabhängig von Herstellerfirmen. Landwirte können dabei ihr Wissen über den Pflanzenschutz und dessen Auswirkungen auffrischen und erhalten eine Fortbildungsbescheinigung.“ Sylvia Knopke spricht sich dafür aus, den Behörden für die Überprüfung von umstrittenen Wirkstoffen Zeit zu geben. „Bis es eine endgültige, wissenschaftlich basierte Entscheidung gibt, rate ich dazu, bestimmte Mittel weder zu verteufeln noch einfach so zu tun, als gäbe es keine Bedenken.“

Wie sieht Landwirtschaft ohne Pflanzenschutz aus? Der Industrieverband Agrar zeigt seit einigen Jahren beispielhaft auf einigen Feldern, wie sich Unkraut auf unbehandelten Äckern verbreiten würde.
Wie sieht Landwirtschaft ohne Pflanzenschutz aus? Der Industrieverband Agrar zeigt seit einigen Jahren beispielhaft auf einigen Feldern, wie sich Unkraut auf unbehandelten Äckern verbreiten würde. FOTO: Industrieverband Agrar e.V. / LR

Syngenta-Sprecher Peter Hefner dagegen sieht in der Diskussion um das Glyphosatverbot die „größte Rufmordkampagne“: „Wir müssen uns aus dieser Befundhysterie befreien, sonst leiden wir bald alle an einer Dauerpsychose“, steht er den Landwirten in Pechhütte mit deutlichen Worten zur Seite. Ohne Pflanzenschutz und Dünger würde seiner Ansicht nach der Versorgungsgrad rapide sinken. Die Angst der Chemiekonzerne davor, dass durch Zulassungsänderungen wichtige Erlösquellen wegfallen, ist durchaus verständlich. Der Entwicklung eines einzigen Pflanzenschutz-Wirkstoffes stehen Forschungskosten von 280 Millionen Euro gegenüber.