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| 19:26 Uhr

Grüne Woche
„Oijoijoi“ – Von Kartoffel-Tornado bis Radikator

Die Lausitz bei der Grünen Woche FOTO: Von Frank Claus
Berlin. Dieser Dienstreiseauftrag ist nichts für Kostverächter: „Du gehst futtern und kostest auf der Grünen Woche, wie Brandenburg und Sachsen schmecken.“ Von Frank Claus

Chefs können unerbittlich sein. Nichts da mit Abnehmen als Vorsatz fürs neue Jahr. Grüne Woche unterm Berliner Funkturm ist angesagt. Widerstand hilft nicht. Also gehts am Montag rein ins Getümmel in der Brandenburg- und Sachsenhalle.

Und tatsächlich grüßt gleich die Lausitz. Die Bäckerei Dreißig mit Stammsitz in Guben und mehr als 100 Filialen hat seit Jahren ihren Stand gleich am Halleneingang. Vor den jungen Damen mit den üppig gefüllten Tabletts ist kein Entkommen: Pfannkuchen und Eclaire mit Karamell sind die Neuheiten der Saison.

 „Na dann mal los“, denke ich mir und beiße herzhaft rein. „Gucke, ist ja lecker.“ Hätte ich so gar nicht erwartet. Locker und trotzdem nicht nur Luft im „Ball“. André Konsulke, der Backstubenleiter, will mich gar nicht gehen lassen. „Kosten Sie mal unsere neuen Brotsorten, alle mit Mehl aus Getreide, das bei uns in der Region gewachsen ist.“ Ich lehne dankend ab, verweise auf meinen bevorstehenden Futter-Marathon. Er lächelt mitfühlend.

Noch ist der Heißhunger da. Da kommt der Stand der Fleisch- und Wurstwaren GmbH & Co. aus Golßen gerade recht. Was Deftiges! Ein Zwiebelmett-Brötchen. Lachen mich die frischen Zwiebelringe etwa an? Ohja, so muss das schmecken: Kaum Fett, prächtig gewürzt. Susann Roch, die die Brötchen schmiert, sieht meine leuchtenden Augen. „Beim Abbeißen muss die Nase ins Mett tunken“, sagt sie und lacht. Recht hat sie, mit dem Belag wird nicht gespart. Wie Hubert Briesemeister vom Vertrieb berichtet, gehen täglich rund 600 Mettbrötchen und 200 Bockwürste über den Tresen.

Es trifft sich gut, dass gegenüber der Spreewaldverein seinen Stand hat. Gewürzgurken, Salz- und Knob­lauchgurken – welche, die in Chili und Pfeffer eingelegt sind – das passt jetzt. „Gurken-Paule“, im wahren Leben Norbert Paul aus Lübben, weiß, was das Spreewald-Original ausmacht: frische Kräuter und die seit Generationen vererbten Aufgüsse. So eine richtige Gurke muss knackig und bissfest sein. Sind sie. Witzig ist der Typ auch: „Wenns nicht hinhaut, Sauerkrautsaft ist ooch noch da“, ruft er einer Truppe älterer Männer hinterher. Auf meinen ungläubigen Blick erklärt er: „Kannste noch nicht wissen. Das hilft beim Pullern.“ Wieder was gelernt. Spreewald-Christl Gisela Christl und Andreas Traube erklären mir noch, dass der Verein Dachmarke für mehr als 20 regionale Erzeuger ist. Neu ist ein geräucherter Schafskäse vom Schafhof Jarick. Logisch. Muss ich kosten. „Ein Genuss!“

Und nun? Mal wieder was Süßes: Bei Goedele Matthyssen und ihren hübschen Mädels muss man einfach gewesen sein. In ihrer unnachahmlichen Art nimmt die Chefin der Confiserie Felicitas aus Hornow gefangen: „Probieren Sie mal unsere Pralinen mit dem echten Lausitzer Eierlikör und nehmen sich am besten eine Hühnerleiter mit!“ Das ist ein Schächtelchen mit mehreren gefüllten Schokoladensorten, gerade richtig vor Ostern. Neu ist auch die „Lausitzer Aromafusion“, ein Produkt, das gemeinsam mit der Cottbuser Kaffeerösterei entstanden ist und den schönen Namen „Schocoffee“ trägt. Echt lecker in heißer Milch. Oder man lässt es auf der Zunge schmelzen. Waren das wirklich vier Pralinen, die ich da gerade verdrückt habe?

Eierlikör? Na wenn schon, dann gleich richtig. „Scharfes Gelb“ aus Senftenberg ist nicht zu übersehen. Macadamia, Pflaume-Zimt und Crème brûlée sind die neusten Trends. Siehe da, nicht nur Frauen drängeln sich am Stand. „Das einst angestaubte Image des Eierlikörs ist längst weg“, verrät Geschäftsführer Danilo Trasper.

Gleich um die Ecke vertritt am Montag der Cateringservice Kling aus Schwarzheide den Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Prachtvolle Torten hat Katja Kling mitgebracht – „mit wenig Butter und nicht so süß“, sagt sie. Den Test mache ich mit der Waldbeeren-Torte und komme zum Schluss: stimmt.

So langsam wird es bisschen blümerant im Magen. Doch die neuen Joghurts von ODW Frischprodukte aus Elsterwerda müssen es auch noch sein. Der Schokopudding ist die neueste Kreation. Er kann sich sehen lassen. Nicht schlabberig und dünn, sondern fest. Ist ja fast wie Mutterns selbstgemachter Pudding aus Kindheitstagen.

Jetzt bräuchte ich mal einen „Aufräumer“. Einen winzigen Schluck, wie Heinz Rühmann in der „Feuerzangenbowle“ sagt. Bei der Brennerei Sellessen bin ich richtig. Der „Wach-Halter“, ein Wacholder-Schnaps, ist was für Gin- und Whiskey-Freunde, das hochprozentige „Früchtchen“ was für Männer, und die Spreewald-Pflaume lieben die Frauen, berichtet Annette Diebow, die mit ihrem Mann René bereits seit mehreren Jahren den Familienbetrieb auf der Grünen Woche präsentiert.

Gut aufgeräumt geht es hinüber zu den Sachsen, wo Meißner Wein, Riesaer Teigwaren und die vielen sächsischen Biersorten sofort ins Auge fallen. Doch was ist ein „Kartoffel-Tornado“? Die spiralartig geschnittene Kartoffel wird mit asiatischem Tempura-Teig ummantelt, gewürzt und leicht frittiert, erzählt Friweika-Standbetreuer Thomas Wolf. Das Unternehmen ist bei Zwickau zu Hause und hat eine Nebenstelle in Hirschfeld in Elbe-Elster. Was ein bisschen an Tintenfischringe erinnert, ist ein leckeres „Zwischendurch“.

 Eigentlich ist jetzt Zeit für Hungerstreik, der Heißhunger ist längst gestillt. Doch der Schweinefleischtaler mit Weißkraut aus der Fleischerei Egbert Baehr aus Fermerswalde bei Herzberg muss noch sein. Wau, ist der deftig. Das wird ein Renner der Grillsaison.

Längst könnte ich im DEFA-Spielfilm das Teufelchen spielen. Sie wissen schon, der freche Kerl, der heimlich die ganzen Pfannkuchen verspeist und sich dann mit seufzendem „Oijoijoi“ den Wanst hält.

Nach den neuen grünen, gelben und rosa Smoothies bei Bauer Fruchtsaft und den leichten Apfel- und Birnenschorlen der Mineralquellen (beide aus Bad Liebenwerda) ziehe ich den radikalen Schlussstrich: Mit einem winzigen Schlööckchen „Radikator“, dem edlen rotbraunen Doppelbock mit sechs verschiedenen Malzen aus dem Finsterwalder Brauhaus.

 Ich bin längst träge. Das hat er nun davon, mein Chef. Bloß gut, dass ich noch Lesehunger habe und schreibhungrig bin, diesen Text zu verfassen.

Die Lausitz bei der Grünen Woche FOTO: Von Frank Claus