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| 18:52 Uhr

Die kalte Jahreszeit kommt
Obdachlosigkeit in Brandenburg und Sachsen nimmt zu

 Brandenburg, Potsdam: Unter einem Schirm sitzt ein offenbar wohnungsloser Mann. Die Zahl der Obdachlosen hat in Brandenburg und Sachsen zugenommen.
Brandenburg, Potsdam: Unter einem Schirm sitzt ein offenbar wohnungsloser Mann. Die Zahl der Obdachlosen hat in Brandenburg und Sachsen zugenommen. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Potsdam/Dresden. Mit sinkenden Temperaturen sind in Brandenburg und Sachsen wieder viele Menschen ohne Wohnung auf Notunterkünfte angewiesen. Zwar bemühen sich die Kommunen, die Not zu lindern. Aus Sicht des Diakonischen Werkes müsste jedoch weit mehr Initiative vom Land ausgehen.

Obdachlosigkeit wird auch in Brandenburg immer mehr zum Problem. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. «“ie Anzahl der Menschen, die keine Wohnung haben oder ihre Wohnungen verlassen müssen, steigt an“, sagt der Potsdamer Stadtprecher Jan Brunzlow. Die Landeshauptstadt biete 247 Plätze für obdachlose Menschen in ihren Einrichtungen. „Die Plätze werden gut genutzt“, sagt der Sprecher.

Neben einem Obdachlosenwohnheim mit 95 Plätzen am Lerchensteig, das durch die Arbeiterwohlfahrt betrieben wird, gebe es ein spezielles Angebot namens „Junge Wilde“ für jugendliche Obdachlose mit einer Kapazität von 24 Plätzen. Daneben ein Familienhaus mit 60 Plätzen, zahlreiche Notbetten sowie 17 sogenannte Gewährleistungswohnungen mit 53 Plätzen. Letztere mietet die Stadt selbst an, um darin Wohnungslose unterzubringen.

Dazu ist die Kommune auch verpflichtet, wie Ina Zimmermann, Referentin für Armutsbekämpfung, Wohnungslosenhilfe und Soziale Dienste im Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, informiert. Sie leitet die Arbeitsgruppe «Wohnungslosigkeit» in der Landesarmutskonferenz. Die Gruppenarbeit ruhe jedoch derzeit.

In Kommunen mit Kreisangehörigkeit ist es noch schwieriger. „Dort ist es auch ein Problem der Zuständigkeiten“, sagt Zimmermann. Denn für die Hilfe, aus der Wohnungslosigkeit herauszufinden, seien wiederum die Landkreise zuständig. Das Zusammenspiel funktioniere aber selten, oft aufgrund personeller Engpässe.

Fachliche und finanzielle Unterstützung fehlen

Entsprechend könnten Initiativen von Kommunen in Kooperation mit Wohlfahrtsverbänden oft nur «punktuelle» Erfolge erzielen. „Wir bohren von unten, es fehlt aber an fachlicher und finanzieller Unterstützung durch das Land“, sagt die Referentin.

Das Problem sei, dass das Problem im Land überhaupt nicht erkannt werde. «Das Thema Wohnungslosigkeit hat in Brandenburg bei weitem nicht den Stellenwert wie in Berlin», sagt Zimmermann. Dabei nehme es spürbar zu, wie sie aus Gesprächen mit ihren Mitgliedsorganisationen erfahre. Betroffen seien auch immer häufiger junge Menschen. Psychische Erkrankungen, Drogenabhängigkeit oder traumatische Erlebnisse sind der Referentin zufolge die wichtigsten Ursachen für diesen sozialen Abstieg.

Wer einmal obdachlos geworden sei, habe es besonders in kleineren Städten mit wenigen Wohnungsgesellschaften schwer, wieder ein Dach über den Kopf zu bekommen, wie Zimmermann sagt. Das bestätigt auch Jan Brunzlow. „Vor allem für Menschen, die Mietschulden hatten oder vor der Zwangsräumung standen, ist es problematisch eine neue Wohnung anzumieten“, sagt er.

Andererseits gebe es in Potsdam auch wohnungslose Menschen, die keine Hilfe annehmen und immer draußen schlafen. „Diese werden im Auftrag der Stadt durch Sozialarbeiter betreut“, erklärt der Sprecher.

Streetworker nehmen sich auch der Obdachlosen in Cottbus an, wie eine Stadtsprecherin berichtet. Dort sind der Stadtverwaltung aktuell weniger als fünf Personen bekannt, die aufgrund fehlender eigener Übernachtungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum nächtigen. „Hinzu kommen Personen, welche aus gleichem Grund das Obdachlosenhaus des Deutschen Roten Kreuzes nutzen“, sagt sie. Das seien dieses Jahr bisher durchschnittlich neun Personen im Monat gewesen.

Während sich die Kommunen bemühen, das Thema anzugehen, vermisst Ina Zimmermann Initiativen von der Landesregierung. „Wir wünschen uns ein größeres Bewusstsein seitens der Regierung für das Thema, die Einführung einer landesweiten Wohnungsnotfallstatistik und einen Masterplan“, sagt sie. Verlässliche Daten über Betroffene seien wichtig, um entsprechende Hilfsangebote schaffen zu können.

Nachtcafés in Sachsen geöffnet

Mit Nachtcafés und zusätzlichen Unterkünften bereiten sich die Städte in Sachsen vor, um in der kalten Jahreszeit obdachlosen Menschen zeitweise ein Dach über dem Kopf zu geben, ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa.

Die Wohnungslosigkeit hat in Sachsen weiter zugenommen. „Die Zahlen haben zugelegt“, sagt die Sprecherin des Diakonischen Werkes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche, Sigrid Winkler-Schwarz, in Radebeul.

Laut der Lebenslagenerhebung der Diakonie von 2017 suchten in den vergangenen Jahren mehr Menschen in den Beratungsstellen Rat. 2016 waren es 3533 Menschen. Unter ihnen waren auch 566 Kinder. Im Jahr davor waren es 2997 Beratungen. Aktuelle Zahlen will die Diakonie in den nächsten Tagen vorlegen.

Wie viele Menschen in Sachsen derzeit ohne Wohnung sind, ist laut Sozialministerium nicht bekannt. Seit 2008 würden diese Zahlen von den Landkreisen und kreisfreien Städten nicht mehr erfragt. Der Grund: Die Wohnungslosigkeit sei nicht überall in gleicher Weise erfasst worden. Einige Ordnungsbehörden hätten nur Wohnungslose gezählt, die sich gemeldet hatten, um untergebracht zu werden. Andere, die woanders unterkamen, wurden nicht gezählt.

So auch in Dresden. Dort sind nach Angaben der Stadt nur die Obdachlosen bekannt, die mit Hilfe des Sozialamtes in einem Übergangswohnheim oder einer angemieteten Gewährleistungswohnung unterkamen. Deren Zahl stieg von 2016 bis 2017 von 279 auf 316 Menschen. In diesem Jahr waren es bis Ende Oktober 277. Im gleichen Zeitraum konnten 121 Menschen aus Obdachlosenunterkünften wieder eigene Wohnungen anmieten.

Lieber Hund als Obdach

Seit dem 1. November haben die Dresdner Nachtcafés für Obdachlose geöffnet. "Es war noch nicht viel los. Etwa zwei bis vier Übernachtungen täglich“, sagt der Sprecher des Koordinierungskreises, Gerd Grabowski. Die Nächte seien noch warm, so dass die Gäste weggeblieben. In den vergangenen Jahren seien es immer so 20 Übernachtungen täglich gewesen. Oft sei das Nachtcafé an die Kapazitätsgrenze gekommen. Im vergangenen Jahr sei der Besuch jedoch abgeflaut auf etwa 12 bis 13 Übernachtungen täglich. „Es kann sein, dass die Obdachlosen jünger geworden sind. Diese leben anders als die Alten und haben oft Hunde als Begleiter“, glaubt Grabowski. „Wir können aber keine Tiere hereinlassen. Da bleiben die Wohnungslosen eher in der Kälte bei ihrer Vierbeinern. Wir überlegen noch, wie wir damit umgehen können.“

Seit 1994 gibt es das Nachtcafé der mittlerweile sieben Dresdner Kirchgemeinden, das nacheinander obdachlosen Menschen bis Ende März nachts eine Ruhemöglichkeit bietet sowie warmes Essen und Gespräche. In diesem Jahr hat die Stadt einmalig 80 000 Euro beigesteuert. Das Geld werde für Erneuerung und Instandhaltung dringend gebraucht, heißt es. Endlich könnten unter anderem Sanitäranlagen auf neuen Stand gebracht, Waschmaschinen, Kühlschränke oder dringend benötigtes Geschirr neu gekauft werden. Die Stadt stellte von Dezember bis März zehn weitere Notschlafplätze bereit.

Die Zahl wohnungsloser Menschen ist auch in Chemnitz nicht genau bekannt. Es gebe dauerhaft ein Hilfesystem mit Übernachtungsmöglichkeiten, Tagestreffs und auch Beratungsstellen, heißt es. Das sei in den vergangenen Jahren auch für die kalte Jahreszeit ausreichend gewesen. Alln bekannten obdachlosen
Menschen hätten einen entsprechender Schlafplatz erhalten. Deshalb werde wird es diesen Winter keine Änderungen geben.

(dpa)