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| 18:42 Uhr

Urlaub auf dem Wasser liege im Trend
Nicht ganz barrierefrei

Mehr als 200 Millionen Euro Bruttoumsatz erzielt die Wassertourismusbranche jährlich.
Mehr als 200 Millionen Euro Bruttoumsatz erzielt die Wassertourismusbranche jährlich. FOTO: Benjamin Lassiwe
Lübben. Brandenburg setzt auf den Wassertourismus – doch die Anbieter klagen über Schwierigkeiten. Von Benjamin Lassiwe

Langsam tuckert die Phila in die Schleuse von Neue Mühle an der Dahme. Auf den ersten Blick sieht das Wasserfahrzeug der Firma „Kuhnle Tours“ aus wie ein ganz normales Hausboot. Doch die Phila ist etwas ganz Besonderes: „Das Hausboot ist barrierefrei“, sagt Dagmar Rockel-Kuhnle. Zum An-Bord-Gehen gibt es eine Rampe. Am Führerstand ist genug Platz, sodass auch Rollstuhlfahrer das Steuerrad bedienen können. Das Badezimmer ist groß genug für eine Umdrehung mit dem Rollstuhl. Und sogar die Spüle ist barrierefrei, „damit sich ein Crewmitglied mit Handicap auch am Abwasch beteiligen kann“.

Firmen wie Kuhnle-Tours, die mehr als 120 unterschiedliche Boote in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und sogar Polen betreiben, sind für Brandenburg mittlerweile ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Mehr als 200 Millionen Euro Bruttoumsatz erzielt die Wassertourismusbranche nach Angaben von Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) im Jahr. Und 76 Prozent der Buchungen stammen von Urlaubern, die selbst nicht aus der Region kommen. Denn mit 5000 Seen ist die Region Berlin-Brandenburg zusammen mit der Mecklenburgischen Seenplatte das größte verbundene Wassersportrevier Europas. „Beim Fahrradtourismus konkurrieren wir mit anderen Bundesländern, beim Wassertourismus haben wir ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Gerber. „Zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern planen wir in diesem Jahr einen gemeinsamen Internetauftritt als ,Deutschlands Seenland’“, sagt der Chef der brandenburgischen Tourismus-Marketinggesellschaft, Dieter Hütte. Und unter dem Motto „Dein Sommer – Unser Element“ soll ein Magazin in einer Auflage von mehr als 500 000 Exemplaren bundesweit verteilt werden.

Doch den Wassertourismus plagen auch Probleme: Zum Beispiel die Öffnungszeiten der Schleusen. In Neue Mühle an der Dahme ging es lange Zeit nur von 7 bis 19 Uhr auf und ab. Wer die letzten Sonnenstrahlen des Tages für die Weiterfahrt nutzen wollte, hatte schlechte Karten. „Im Sommer herrscht hier Hochbetrieb“, sagt Axel Fiermont. Der Schleusenwärter arbeitet bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, die für die Bundeswasserstraßen zuständig ist. Den Hobbybootsfahrern, die mit einem nach einigen Stunden Einweisung erworbenen Charterschein gering motorisierte Wasserfahrzeuge bewegen dürfen, hilft er beim Schleusen der Boote. Und manchmal muss er auch erste Hilfe leisten, wenn etwa jemand an der Schleuse über die Seile und Taue stolpert oder im Schleusenbecken über Bord geht. „Für die Bootsfahrer ist das kostenfrei“, sagt Fiermont.

Anders als die Fahrgastschifffahrt oder der Partikulier, der mit seiner Kohle aus dem Ruhrpott nach Berlin schippert, zahlen die Charterboote keine Gebühren für die Benutzung von Wasserstraßen oder Schleusen. Was auch dazu beiträgt, dass Bundeswasserstraßen wie die Teupitzer Gewässer, die fast nur von Sport- und Charterbooten genutzt werden, bei Investitionen und Unterhalt keine hohe Priorität genießen. „CSU-Verkehrsminister sind meist Bergmenschen“, sagt Dagmar Rockel-Kuhnle. „Die haben ohnehin nur die Berufsschifffahrt im Sinn.“

Doch auch die Landeswasserstraßen machen der Bootsverleiherin Sorgen. Denn in Brandenburg gibt es kein Landeswasserstraßenamt: Viele unterschiedliche Ministerien sind in Potsdam für die Wasserwege zuständig. „Die Schleusen an den Landeswasserstraßen sind zu völlig unterschiedlichen Zeiten offen“, sagt Rockel-Kuhnle. „Das ist alles kompliziert.“

Dazu kommt der Fachkräftemangel, ergänzt David Setzermann, der in Zernsdorf einen Verleih von Bungalow-Booten betreibt. Für die firmeneigene Werft in Plaue bei Brandenburg an der Havel „finden wir gar keine jungen Leute mehr.“ Zudem müsse das Land dringend an der Qualität der Anlegestellen entlang der Gewässer arbeiten: Denn Touristen wollten nicht nur durch die Gegend schippern. Sie wollen auch unterwegs an Land gehen, einkaufen und Dinge erleben. Schließlich gehe es beim Wassertourismus ja nicht nur darum, dass auf märkischen Seen Ruhe herrscht.