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Soziales
Nicht allein in den letzten Stunden

Jeder schwerst Kranke hat das Recht auf eine umfassende Betreuung und Begleitung – so steht es in der Charta aus dem Jahr 2010. Die Praxis in Deutschland sieht leider anders aus.
Jeder schwerst Kranke hat das Recht auf eine umfassende Betreuung und Begleitung – so steht es in der Charta aus dem Jahr 2010. Die Praxis in Deutschland sieht leider anders aus. FOTO: Angelika Warmuth / dpa
Potsdam. Die Hospiz- und Palliativversorgung in Brandenburg ist weiter ausbaufähig. Das haben die Mitglieder des Sozialausschusses des Landtages bei einer Anhörung festgestellt. Von Benjamin Lassiwe

Irgendwann ist es für jeden Menschen so weit: Gut 30 000 Brandenburgerinnen und Brandenburger sterben jedes Jahr, manche im hohen Alter, aber viele auch nach einer schweren Krankheit. Oft werden sie monatelang in Krankenhäusern behandelt, erhalten Chemotherapien und liegen an moderne Medizintechnik angeschlossen auf der Intensivstation. Um diesen Patienten zu helfen, gibt es Palliativmedizin und Hospizbetreuung – auch in Brandenburg.

Doch noch kann nicht jeder sterbenskranke Brandenburger diese Angebote so in Anspruch nehmen, wie es vielleicht wünschenswert wäre. Das wurde am Mittwoch bei einer Anhörung im Potsdamer Ausschuss für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Frauen deutlich: Dort ging es um die 2010 verabschiedete „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“. Sie regelt unter anderem, dass jeder schwerstkranke und sterbende Mensch ein Recht „auf eine umfassende medizinische, pflegerische, psychosoziale und spirituelle Betreuung und Begleitung“ habe, die „seiner individuellen Lebenssituation und seinem hospizlich-palliativen Versorgungsbedarf“ Rechnung trage.

Doch während die Charta bundesweit von fast 2000 Organisationen und Institutionen unterzeichnet wurde – in Bayern beispielsweise vom Freistaat sowie zahlreichen Landkreisen, Städten und Gemeinden – haben in Brandenburg neben dem zuständigen Fachministerium nur knapp 20 Pflegeheime und Hospizvereine unterschrieben.

Das sei ausbaufähig, sagte Heiner Melching im Ausschuss. Denn jeder, der die Charta unterzeichne, verpflichte sich auch, ihre Ziele voranzubringen. Und einen Ausbau könnten die Hospiz- und Palliativangebote in Brandenburg durchaus vertragen. „Die Idee des Gesetzgebers, Palliativdienste in Kliniken zu implemtieren scheint zu scheitern, weil außer in Schleswig-Holstein keine auskömmliche Finanzierung da ist“, sagte Melching. Wichtig sei es auch, die Palliativversorgung in den Pflegeheimen zu verbessern. „Kein Pflegeheim kann aus den dafür vorgesehenen Mitteln eine vernünftige Palliativversorgung bezahlen.“

Deutlicher wurde in der Anhörung die Landtagsabgeordnete der Grünen, Ursula Nonnemacher. Die Ärztin beklagte, dass „Sterben in unserer technokratischen Logik als Wettbewerbsnachteil angesehen“ werde. „Es gibt Pflegeheime, die die Philosophie haben: Das Krankenhaus ist fünf Minuten weg – bei uns wird nicht gestorben“, sagte Nonnemacher.

Und der CDU-Abgeordnete Raik Nowka verwies darauf, dass viele Angehörige Angst vor einem Drehtüreffekt haben, bei denen Patienten immer wieder neu ins Krankenhaus eingeliefert werden und dort dann schließlich sterben.

Hilfreich wäre es zum Beispiel, würde ein ambulanter Hospizdienst grundsätzlich immer bei der Entlassung unheilbar kranker Patienten aus dem Krankenhaus eingebunden, sagte Renate Schwarz von der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Brandenburg. Hilfreich wäre es auch, wenn Krankenhäuser und Hospizdienste enger kooperierten. „Es ist doch schön, dass jemand, der am eigenen Leib erfährt, auch zu den Sterblichen zu gehören, nicht sofort Angstattacken kriegen muss“, sagte Melching. „Es ist doch schön, dass wir den Menschen versichern können, dass sie auch im Sterben nicht allein sind.“