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| 06:06 Uhr

Kultur
Neue Attraktion für Beeskower Burg

Sammler und Restaurator Thomas Jansen steht neben einem selbstspielenden Musikinstrument vom Typ „Walzen Orchestrion“, Baujahr um 1900, im neuen Musikmuseum auf der Burg Beeskow.
Sammler und Restaurator Thomas Jansen steht neben einem selbstspielenden Musikinstrument vom Typ „Walzen Orchestrion“, Baujahr um 1900, im neuen Musikmuseum auf der Burg Beeskow. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Beeskow. Die mittelalterliche Burg Beeskow hat ein neues Aushängeschild: Selbstspielende Musikinstrumente sollen Besucher locken. Von Jeanette Bederke

Die muskelbepackten, schwitzenden Mitarbeiter der Umzugsfirma leisten Schwerstarbeit. Sie wuchten zu viert oder zu fünft tonnenschwere, altmodisch wirkende Möbelstücke von einem Lift durch ein zweiflügeliges Fenster im Obergeschoss der Burg Beeskow (Oder-Spree).

Was die Kommoden und Schränke so gewichtig macht, offenbart erst ein Blick ins Innere: Die unförmigen Holzkonstruktionen machen per Knopfdruck oder Kurbeldrehung Musik. Eine ausgeklügelte Mechanik inklusive erzeugtem Unterdruck oder auch eine pneumatische Lösung sorgten dafür, dass diese mehr als 100 Jahre alten Konstruktionen selbst spielen.

„Diese teils mehr als 100 Jahre alten Instrumente sind optisch schön anzusehen und technisch interessant, doch sie erschließen sich nicht ohne Musik“, erklärt Thomas Jansen, der die in Vergessenheit geratenen Orchestrions, Trompetenorgeln, automatischen Klaviere, aber auch Drehorgeln, Grammophone und Spieluhren seit mehr als 40 Jahren sammelt und repariert. In Monschau (Nordrhein-Westfalen) hatte der gebürtige Aachener ein eigenes Museum, wollte sich vor fünf Jahren eigentlich zur Ruhe setzen. Inzwischen aber ist er vom äußersten Westen Deutschlands mit seiner einzigartigen Sammlung in den tiefsten Osten gezogen.

„Wir haben jetzt eine neue Dauerausstellung, die hoffentlich kontinuierlich Besucher auf die Burg lockt“, freut sich Beeskows Bürgermeister Frank Steffen. Weiß er doch, dass sich die Stadt diese neue Attraktion, die morgen eröffnet werden soll, so einiges hat kosten lassen: Die Kommune hat den Großteil von Jansens Sammlung mit knapp 200 Instrumenten sowie rund 1600 Tonträgern und Notenrollen für rund 400 000 Euro gekauft. Weitere 2,8 Millionen Euro flossen in den vergangenen Jahren in den Umbau und die Sanierung der mittelalterlichen Burggemäuer, 80 Prozent davon stammen laut Steffen aus Städtebau-Fördertöpfen.

Mitarbeiter eines Umzugsunternehmens laden ein rund 300 Kilogramm
schweres, selbstspielendes Musikinstrument auf einen Lift.
Mitarbeiter eines Umzugsunternehmens laden ein rund 300 Kilogramm schweres, selbstspielendes Musikinstrument auf einen Lift. FOTO: dpa / Patrick Pleul

Der Bürgermeister ist sich sicher, dass sich der Aufwand gelohnt hat. „So ein Museum gibt es im gesamten norddeutschen Raum sonst nirgends. Fast alle Exponate sind tatsächlich noch oder wieder spielbar“, betont er.

Insgesamt rund 40 der riesigen Schrankautomaten sind im Obergeschoss des Alten Amtes auf der Burg ausgestellt, dazu kommen auf 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche kleinere wie Leierkästen oder Spieldosen. Die Kombination aus Feinmechanik und Musik sei es, die ihn so fasziniere, sagt Steffen, der auch Vorsitzender des Fördervereins Musikmuseum ist.

„Wir sind jetzt vielfältiger aufgestellt“, sagt Burgdirektor und Kulturdezernent Arnold Bischinger. Das Angebot lasse sich nun gar nicht mehr komplett bei einem Besuch erschließen. Bischinger hofft auf „Wiederkehrer“ unter den Gästen.

Musiktitel und die Einwurfschlitze für Münzen an einem „Walzen-Piano“.
Musiktitel und die Einwurfschlitze für Münzen an einem „Walzen-Piano“. FOTO: dpa / Patrick Pleul

Im Erdgeschoss des Alten Amtes direkt unter dem Musikmuseum liegt der Konzertsaal, in dem selbstspielende Klaviere oder auch ein Orchestrion seinen Angaben nach jetzt regelmäßig zu hören sind. Besucher werden zudem an vier Tagen in der Woche durch das Museum geführt. Sie dürfen einen Blick in das Innere der Automaten werfen, können verfolgen, wie Walzen oder Notenrollen die Musik transportieren und hören alte Schlager aus den Goldenen Zwanzigern.

Spezialist und Wahl-Brandenburger Jansen weiß seine Sammlung in guten Händen, kann aber die Finger nicht von den alten Instrumenten lassen - schon von Berufs wegen. Denn er repariert diese besonderen Instrumente noch immer auch für andere Sammler und Museen. „Mit den Aufträgen habe ich noch die nächsten 20 Jahre zu tun.“

In einem alten Gasthof in Lieberose (Dahme-Spreewald), den er erworben hat, will der 64-Jährige seine Werkstatt einrichten. Und er hat auch schon wieder alte Musikautomaten wie ein Akkordeon angekauft. „Der Gasthof hat einen schönen großen Saal“, deutet Jansen schmunzelnd an. Ursprünglich hatte er mit Anfang 20 Elektrotechnik sowie Fotografie studiert. Dann fiel ihm durch Zufall ein ramponiertes automatisches Klavier in die Hände. „Mein eigentliches Studium habe ich nie abgeschlossen“, bekennt der Autodidakt.

Um 1900 gab es für diese mechanischen Musikinstrumente eine eigene Industrie, die bis in die 1920er-Jahre Wirtshäuser, Kirchen, Jahrmärkte und Privathaushalte belieferte. Später liefen ihnen Schallplatten und Grammophon, Radio und Fernsehen den Rang ab. Einige Jahre hat Jansen in den USA gearbeitet. „Dort befinden sich mittlerweile die größten Sammlungen selbstklingender mechanischer Musikinstrumente, die eigentlich so eine typisch-deutsche Spezialität sind“, sagt er.