ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:38 Uhr

Neobarock und Trauben im Winter

Berlin. Ohne Schloss ging gar nichts. Prächtige Kulissen waren gefragt, wenn Staatsgäste vorfuhren. Das war im geteilten Deutschland auf beiden Seiten ähnlich, wie nun eine Ausstellung zeigt. Die Schau wird zunächst in Berlin zu sehen sein und dann in Brühl bei Bonn. Jutta Schütz

Die indische Premierministerin Indira Gandhi machte keinen Unterschied. Bei Besuchen in der Bundesrepublik und der DDR überreichte sie in den 70er-Jahren das gleiche Gastgeschenk: eine Mini-Ausgabe des berühmten Mausoleums Taj Mahal. Das Andenken aus Marmor ist Teil einer neuen Ausstellung im Berliner Schloss Schönhausen, die seit heute zu sehen ist.

Den Gast beeindrucken

Die Schau mit dem Titel "Schlösser für den Staatsgast" zeige, wie sich Regierungen in Ost und West mit solchen Besuchen selbst inszenierten. Bewusst prunkvoll sei in Schlössern des 18. Jahrhunderts versucht worden, die Gäste zu beeindrucken, sagt der Berliner Kurator Jörg Kirschstein.

Das Schloss im Osten Berlins war seit 1966 Gästehaus des DDR-Ministerrates, hier wurden Führer der kommunistischen "Bruderstaaten" empfangen, später auch westliche Politiker wie Willy Brandt. Für die Schau wurde auch das grüne, neobarocke "Protokoll-Sofa" für offizielle Fotos von einst wieder aufgestellt. Sowjetführer Michail Gorbatschow sei dreimal hier gewesen, sagt der Kurator. Doch zum letzten Besuch im Herbst 1989 habe er keine Unterlagen mehr gefunden. Es habe wohl schon Chaos in der DDR-Führung geherrscht kurz vor dem Mauerfall, so der 46-Jährige.

Die Ausstellung unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck wechselt noch an eine zweite Station: Ab 30. Juli wird sie im Schloss Augustusburg in Brühl bei Bonn zu sehen sein, wo frühere Bundesregierungen zu Staatsempfängen luden. Die Orte der Repräsentation in zwei politischen Systemen werden gegenübergestellt.

Augustusburg sei offener gewesen, zu Empfängen wurden auch Menschen aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft eingeladen, vergleicht Kirschstein, der zugleich "Schlossherr" ist. In Ost-Berlin sei die Führung dagegen unter sich geblieben, abgeschirmt vom Volk, bewacht von Stasi-Leuten.

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und die Unesco-Welterbestätte Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl haben gemeinsam den interessanten Einblick in deutsch-deutsche Geschichte erarbeitet. Rund 150 Exponate, Fotos und Dokumente wurden zusammengetragen. Queen Elizabeth II. etwa wurde im Mai 1965 mit höchsten Ehren in Brühl empfangen.

Es sei der prächtigste Staatsbesuch in der Geschichte der jungen Bundesrepublik gewesen, so die Ausstellungsmacher. Ein Jahr später war der jugoslawische Präsident Josip Tito nebst Gattin erster offizieller Gast im neu eingerichteten Gästehaus des DDR-Ministerrats in Ost-Berlin.

"Schlossherr" Kirschstein zeigt einen Teil des Allerheiligsten: den Schlafraum für die Dame des offiziellen Gastes. Auch Frau Gorbatschowa habe getrennt von ihrem Gatten genächtigt, ist zu erfahren.

Gleich daneben zeigt das Bad original erhaltene violette Fliesen. Und weil die stets präsente Staatssicherheit Angst hatte, dass im Winter durch kahle Bäume neugierige Blicke fallen könnten, wurden die Fenster mit dichten, gerafften "Wolkenstores" verhängt.

Handverlesene Köche im Einsatz

Die 63-jährige Rita Löwenstein hat hier einst als Oberkellnerin gearbeitet. Rund 100 Leute seien sie im gastronomischen Bereich gewesen, erzählt sie. Versorgt werden mussten nicht nur Staatsgäste, sondern auch DDR-Besucher in anderen Gästehäusern in der Nähe.

Doch wenn höchster Besuch angesagt war, rückten handverlesene Extra-Köche und Personal aus Wandlitz an, wo die DDR-Führung residierte. "Wir sind dann in die zweite Reihe gerückt", erinnert sich Löwenstein. Über die Arbeit "draußen" nicht zu sprechen, sei ungeschriebenes Gesetz gewesen. Aber in der SED sei sie nicht gewesen, sagt die einstige Oberkellnerin.

Ein Vorkoster habe vor dem Servieren alles probiert, weiß Löwenstein noch. Anfangs habe sie es gar nicht glauben können: frische Erdbeeren und Weintrauben mitten im Winter. Und dann: "Gefeiert wurde schon mal bis drei Uhr morgens - abends wurden sie alle mobil." Das Personal musste bis zum Schluss bleiben. Aber es habe gute Prämien gegeben.