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| 17:56 Uhr

Nach Wiesent-Tötung bei Lebus
Grüner trifft Wisent-Schützen

 Gespräch auf grüner Wiese: Grünen-Politiker Benjamin Raschke (l.) und der Unternehmer und Jäger Frank Kütbach.
Gespräch auf grüner Wiese: Grünen-Politiker Benjamin Raschke (l.) und der Unternehmer und Jäger Frank Kütbach. FOTO: Dietrich Schröder
Frankfurt (Oder). Fast zwei Jahre nach dem Abschuss eines Wisent-Bullen in Lebus begegnen sich erstmals Benjamin Raschke und der Jäger Frank Kütbach. Von Dietrich Schröder

Bisher hatten sie nur aus der Ferne und über juristische Auseinandersetzungen miteinander zu tun. Begegnet sind sie sich nie. Nun sitzen sie sich nunmehr erstmals auf einer Wiese an der Alten Oder gegenüber: Benjamin Raschke, Landtagsabgeordneter der Grünen und einer der beiden Spitzenkandiaten der Partei bei der Wahl am 1. September, sowie Frank Kütbach, Bauunternehmer aus Lebus und passionierter Jäger.

Der Anlass für dieses Treffen liegt fast zwei Jahre zurück: Am Nachmittag des 13. September 2017 war in Lebus an der Oder ein 900 Kilo schwerer Wisent aufgetaucht, der aus Polen nach Deutschland gekommen war. Frank Kütbach war einer der beiden Jäger, die damals vom Lebuser Amtsdirektor sowie der Polizei herbeigerufen wurden, als man nicht mehr wusste, wie man mit dem Tier umgehen sollte. Denn man ging davon aus, dass es eine akute Gefahr sowohl für eine in der Nähe weidende Rinderherde, vor allem für den Verkehr auf den umliegenden Straßen darstellte.

Nachdem sich mehrere Tierärzte nicht in der Lage sahen, Betäubungsmittel zur Verfügung zu stellen und andere Behörden nicht zu erreichen waren, ordneten eine Polizeibeamte und der Amtsdirektor den Abschuss an. Kurz vor der Dunkelheit drückten Kütbach und ein weiterer Jäger zweimal ab und brachten das gewaltige Tier zur Strecke.

Der Vorfall sorgte für riesiges Aufsehen: Umweltschützer sprachen von einer illegalen Aktion, die Organisation WWF stellte Strafanzeige gegen den Amtsdirektor, der Fraktionschef der Grünen im Landtag, Axel Vogel, setzte noch eins drauf und zeigte die Schützen wegen Wilderei an.

„Aber wie hätte ich anders handeln sollen? Und vor allem: Wie soll ich mich heute verhalten, wenn es zu einer ähnlichen Situation käme?“ Das sind Fragen, die der 55-jährige Kütbach dem 19 Jahre jüngeren Politiker als erste stellt. Und er fügt hinzu: „Wie groß wäre denn das Geschrei gewesen, wenn wir den Wisent hätten laufen lassen und dann in der Nacht oder am nächsten Morgen ein Unfall passiert wäre, bei dem vielleicht mehrere Menschen ums Leben gekommen wären?“

Es sind bohrende Fragen, auf die Raschke zunächst mit Gegenfragen reagiert: „Sie fühlen sich also noch immer nicht auf eine ähnliche Situation vorbereitet?“ und „Fühlen Sie sich persönlich in der Verantwortung?“ Kütbach macht dem Politiker daraufhin begreiflich, dass er kein blutrünstiger Trophäenjäger ist, sondern sich als Jäger mindestens genauso viel Gedanken über das Gleichgewicht in der Natur macht, wie die Ökologen. „Wir wissen beide, wie oft es in Brandenburg zu Wildunfällen mit Rehen oder Wildschweinen kommt“, sagt er. Der Unterschied sei, dass Kraftfahrer beim Zusammentreffen mit diesen Tieren die Chance hätten, mit Blechschäden davon zu kommen. „Wenn Sie aber mit dem Auto gegen einen Wisent oder gegen einen Elchbullen fahren, sind Sie tot“, ist er sich sicher.

Raschke räumt ein, dass man sich besser als bisher auf solche Situationen vorbereiten müsse. Durch Informationsaustausch mit Polen, die Möglichkeit, über Großwildalarm Straßen absperren zu können, und vor allem, indem vom Land Ansprechpartner eingesetzt werden, die rund um die Uhr zu erreichen sind. „In den zwei Jahren seither ist aber so gut wie nichts passiert“, wirft er der Landesregierung vor. Und ist sich in diesem Punkt das erste Mal mit dem Schützen einig. Es ginge ja in der Praxis nicht nur darum, den Wisent einzufangen und zu betäuben, sondern das Tier müsste dann auch etwa in ein Reservat transportiert werden.

Zwischen den Männern gibt es noch einen weiteren Streitpunkt: Auf Betreiben Raschkes hatte das Landesumweltamt kürzlich Anspruch auf den Wisentschädel erhoben. „Das ist Ihnen ja auch ziemlich rasch eingefallen“, kontert Kütbach ironisch. Denn wenn die Jäger den Schädel nicht vor zwei Jahren gesichert hätten (seither liegt er bei einem Präparator in der Kühlkammer), „wäre er längst vergammelt“.

Kütbach kann zudem darauf verweisen, dass der Landrat von Märkisch Oderland entschieden hatte, dass der Schädel laut Jagdrecht den Jägern gehört. „Laut Naturschutzrecht gehört er aber dem Land“, entgegnet Raschke und erklärt, dass er darauf bestehen wolle. Kütbach versichert, „dass ich nie vorhatte, ihn in mein Haus zu hängen“. Im Gegenteil: Teile des Schädels wurden schon ans Naturkundemuseum Potsdam übergeben, „und zwar ohne Zutun der Grünen-Fraktion“.