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| 06:22 Uhr

Brandenburger Wein
Mut zur neuen Rebe macht Wein der Zukunft

Die Brandenburger Winzer, auch Dr. Andreas Wobar am Grossräschener See, setzen auf neue pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwis). Das ist ein Trend, der die Weine auch international konkurrenzfähig machen kann, schätzen Experten ein.
Die Brandenburger Winzer, auch Dr. Andreas Wobar am Grossräschener See, setzen auf neue pilzwiderstandsfähige Rebsorten (Piwis). Das ist ein Trend, der die Weine auch international konkurrenzfähig machen kann, schätzen Experten ein. FOTO: Steffen Rasche
Großräschen. Pilzwiderstandsfähige Trauben drängen international auf den Markt. Experten bescheinigen den Brandenburger Winzern auch deshalb gute Chancen bei den Gourmets. Der deutsche Kunde hält indes noch hartnäckig an den Weinen von alten Rebsorten fest. Von Kathleen Weser

Der deutsche Genießer ist noch unsicher beim neuen Wein. Noch lassen die traditionellen Rebsorten mit den wohlklingenden alten Namen den Durchschnittskunden im Inland das Portemonnaie verlässlicher zücken. International erobern die pilzwiderstandsfähigen Reben (Piwis), für die sich auch die meisten Lausitzer Winzer mit Mut zum Risiko entschieden haben, indes rasant den Markt. Diese neue Weinkultur fasst Fuß in Brandenburg. Experten sehen gute Zukunftschancen – gerade für die neuen heimischen Weine.

Zudem schwingt die Europäische Union die Gesetzeskeule. Pflanzenschutz- und Düngemittel werden künftig nur noch deutlich sparsamer erlaubt. Im Weinbau befördert das die langfristige Abkehr von hoch empfindlichen Rebsorten. Das bestätigt Martin Ladach vom Institut für Weinbau und Oenologie des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum Rheinpfalz (DLR). Auf etwa fünf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Europas, die aufgerebt ist, landen derzeit gut 70 Prozent aller ausgebrachten Fungizide. Kartoffelfelder und Obstplantagen folgen erst mit großem Abstand. Damit steige auch der politische Druck, Neuzüchtungen zuzulassen.

Doch ganz verzichtbar wird der Einsatz der Pflanzenschutzmittel auch im Weinbau nicht, betont Anja Antes, Expertin von einem der führenden Weinbau- und Rebveredlungsbetriebe an der Hessischen Bergstraße in Heppenheim. Die Pilz-
erreger seien im Boden latent vorhanden und in der Lage, sich sehr schnell genetisch anzupassen und damit Resistenzen zu übergehen. Sehr anfällig sei der Riesling, anfällig der Müller-Thurgau. Und auch die neuen Piwi-Weine brauchten regelmäßige  Fungizid-Dosen. Abhängig von der Weinsorte und vom Mikroklima aber könnten die Pflanzenschutzgaben hier gegenüber herkömmlichen alten Weinsorten um bis zu 75 Prozent reduziert  werden. Pilzwiderstandsfähige Rebsorten werden auch deshalb selbst für streng konservative Weinländer wie Frankreich immer interessanter. Etwa 70 Prozent der neuen deutschen Rebsorten gehen ins Ausland – unter anderem nach Norwegen, Polen und Schweden. Beim Klimaschutz punkten die neuen Sorten zudem mit geringerem Kohlendioxid-Ausstoß. Starkwetter-Ereignissen halten die Reben besser stand. Und sie sind auch deutlich frosthärter.

„Die Brandenburger sind im Spiel der Sorten unbeeinflusst von klassischen Traditionen. Das lässt völlig neue Geschmackseindrücke zu“, fasst Martin Ladach weitere Vorteile zusammen. Aber: Die neuen Rebsorten sind beim Konsumenten noch unbekannt. Und auch die Kellermeister bewegen sich auf Neuland. Denn es gibt noch keinen etablierten Weinstil wie beispielsweise beim Riesling.

Kreuzungen von robusten amerikanischen und asiatischen Wildreben mit den wenig widerstandsfähigen europäischen Rebsorten sind bereits zu Beginn der Globalisierung im 19. Jahrhundert erfolgreich gewesen. Bei sehr guter Weinqualität, betont Martin Ladach. Allerdings sind die gefürchteten Pilzkrankheiten massiv mit eingeschleppt worden. Mit der zunehmenden Einfuhr amerikanischen Rebholzes hat es dann auch die Reblaus 1868 über den großen Teich nach Europa geschafft. 1920 ist sie erstmals in Sachsen aufgetaucht. Der Endoparasit, der im Boden locker überwintert, hat den europäischen Weinbau damals an den Rand des Abgrunds gebracht.

Die erste Generation pilzwiderstandsfähiger Weinsorten ist verboten worden. In den deutschen Anbaugebieten wurden in den 30er-Jahren alle „unarischen“ Reben vernichtet. Das Roden der amtlich festgestellten Bastarde ist unter massivem Protest der Winzer unter Polizeischutz von Beamten durchgesetzt worden. Das ist historisch verbrieft, sagt Martin Ladach. Lediglich etwa 20 Hybride wurden in Deutschland als Trauben für Landwein toleriert. Bis 1955 gab es hier keine Neuzulassung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten mehr.

Die ersten Zuchterfolge der zweiten Piwi-Generation sind aus den 50er-Jahren die Sorten Siegfriedrebe und Artis des heutigen Instituts für Rebenzüchtung Geilweilerhof unter dem Dach des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen. Hier werden neue, an das deutsche Klima angepasste Rebsorten mit Resistenzen gegen Schädlinge und andere Stressfaktoren gezüchtet. Aus diesen Zuchtarbeiten stammt auch eine der Neuzüchtungen, die in der Lausitz sehr beliebt ist: der Regent (1990). Zur dritten Generation der neuen deutschen Weine gehören auch Johanniter und Solaris (2000), Pinotin und Cabernet blanc (2010) sowie ganz neu Calaris blanc (2018 zugelassen). 20 bis 30 Jahre Zuchtarbeit stecken in den neuen Kreuzungen, die nach wie vor 93 Prozent europäisches Erbgut haben.

Am Ende aber zählt vor hoher Wehrhaftigkeit gegen Pilze wie den Echten und den Falschen Mehltau sowie die Reblaus einzig und allein der Geschmack. „Beim Verkosten hat der in Berlin noch relativ unbekannte Brandenburger Wein auf der jüngsten Grünen Woche aber durchweg für positive Aha-Effekte gesorgt“, bestätigt Dr. Andreas Wobar, Winzer am Großräschener See und Vorsitzender der Fachgruppe Weinbau im Gartenverband Berlin-Brandenburg. Er schlussfolgert pragmatisch: Die inzwischen mehr als 50 Weine der pilzwiderstandsfähigen Rebsorten müssen nur bekannter gemacht werden.

 Bei Blindverkostungen bekommen auch gestandene Winzer glänzende Augen nach den neuen Piwi-Weinen. Das bestätigt Antje Antes aus eigener Erfahrung. Die Brandenburger Hauptrebsorte bei den Piwis, der Johanniter, ist ein kräftiger weißer Wein – auf dem Gaumen und im Abgang zwischen Ruländer und Riesling. Ein kommender Star am neuen Weinhimmel ist der Souvinier Gris, eine Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Bronner. Die Rebsorte soll jetzt auch in Frankreich zugelassen werden. Der Solaris, der in der Lausitz unter anderem am Großräschener See wächst, bringt in kurzer Vegetationszeit ausgesprochen fruchtige Weine hervor und ist deshalb prädestiniert für die Brandenburger Lage. In Süddeutschland indes mangelt es den Trauben bei extrem hohen Zuckergehalten schnell an der Säure, die für den Abgang entscheidend ist. Die Solarisrebe wird inzwischen auch in den italienischen Alpen auf über 1000 Metern Höhe angebaut. Die Brandenburger Winzer haben bei den neuesten Rebsorten die Nase vorn. Und das in Deutschland auch noch lange. Denn der Umbau eines Weinberges erfolgt nur etwa alle 30 Jahre und ist damit eine Entscheidung für ein halbes Winzerleben. In Ost- und Nordeuropa dagegen wächst die Konkurrenz schnell. „Die Weinbauern müssen mit den neuen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten erst Erfahrungen sammeln und diese wahrscheinlich auch teuer bezahlen“, sagt Antje Antes. „Aber gerade die fehlende regionale Weintradition in Brandenburg ist die große Chance. Denn der Wein der Zukunft muss international schmecken“, betont sie.