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| 08:16 Uhr

Landwirtschaft
Mit Trecker fahren bei der Landpartie entschleunigen

Holger Ackermann (v.l.), Imker und Ortsvorsteher von Groß Schauen, Ralf Tamzow und Ralf Wittke vom Verein Schlepperfreunde Philadelphia präsentieren stolz einem alten Traktor der Marke Hanomag, Typ Robust 800, Baujahr 1965.
Holger Ackermann (v.l.), Imker und Ortsvorsteher von Groß Schauen, Ralf Tamzow und Ralf Wittke vom Verein Schlepperfreunde Philadelphia präsentieren stolz einem alten Traktor der Marke Hanomag, Typ Robust 800, Baujahr 1965. FOTO: ZB / Patrick Pleul
Philadelphia. Alte Landmaschinen sind das Faible der Schlepperfreunde Philadelphia. Zur Brandenburger Landpartie wollen sie zeigen, warum Oldtimer-Trecker so viel Charme haben. Von Jeanette Bederke

Das tuckernde Geräusch ist unverkennbar: Mit einem breitem Grinsen im Gesicht biegt Ralf Wittke mit seinem türkisfarbenen Traktor-Oldtimer der Marke Hanomag um die Ecke. Das an sich wäre vielleicht noch nichts Besonderes. Doch Wittkes Fahrzeug ähnelt einer Mischung aus Cabrio und Kutsche: Statt eines unbequemen Sitzes hinter dem Lenkrad lädt eine bequeme große Polsterbank zum Mitfahren ein. Und wenn es von oben nass werden sollte, kann der Tüftler aus Philadelphia (Oder-Spree) das Verdeck einfach hoch klappen.

„So fahre ich mit meiner Frau im August in den Urlaub an die Ostsee. Hintendran kommt noch unser alter Bauwagen, den ich zum Wohnwagen gemacht habe“, berichtet der 53-jährige Kfz-Meister. Doch bevor es soweit ist, wird er mit seinem aufgemotzten Oldtimer, Baujahr 1965, am Wochenende Besucher der Brandenburger Landpartie chauffieren, für die auch in der Lausitz vieles geboten wird.

Trecker-Fan Ralf Wittke bei Vorbereitungen für die Landpartie.
Trecker-Fan Ralf Wittke bei Vorbereitungen für die Landpartie. FOTO: ZB / Patrick Pleul

„Treckerkremser“, nennt Wittke dieses Angebot, das bereits in den Vorjahren ein großer Landpartie-Renner war. Alte Landmaschinen und Traktoren stehen im Mittelpunkt des Vereins „Schlepperfreunde Philadelphia“, dessen Vorsitzender Wittke ist.

Ralf Wittke zeigt seinem alten Traktor der Marke Hanomag.
Ralf Wittke zeigt seinem alten Traktor der Marke Hanomag. FOTO: ZB / Patrick Pleul

Dass die alte Technik bei Besuchern gut ankommt, wissen die 15 Vereinsmitglieder ganz genau. Zu ihren alle zwei Jahre veranstalteten „Treckertreffen“ kamen zuletzt vor drei Jahren rund 25 000Menschen. Was als Fachsimpelei unter Traktor-begeisterten Schraubern begonnen hatte, war zu einem der größten Volksfeste der Region geworden. „Ehrenamtlich, wie wir das gemacht haben, war das nicht mehr zu stemmen“, erklärt Wittke. Deshalb war 6. Treckertreffen im Jahr 2015 auch das letzte. Weil die „Schlepperfreunde“ jedoch nach wie vor Freude daran haben, anderen zu zeigen, wie die Landwirtschaft früher funktionierte, beteiligen sie sich seit 2016 an der Landpartie.

„An den alten Maschinen sieht man genau, was passiert. Da gibt es noch Schalter und Kurbeln, so gut wie keine Elektrik und schon gar kein Internet“, beschreibt Vereinsmitglied Ralf Zamzow die Faszination des Schraubens und Fummelns an den mechanischen Konstruktionen. „Sie sind zu schön, um in der Scheune zu vergammeln. Schmuckstücke muss man putzen“, ergänzt Landwirt Fritz Walter Peter. In seinem Betrieb im Nachbarort Groß Schauen kommen die Oldie-Maschinen tatsächlich noch zum Einsatz - ob beim Pflügen, Dreschen, Schroten oder der Kartoffellese.

Der „Treckerkremser“ verkehrt zur Landpartie zwischen Philadelphia, der Fischerei in Köllnitz und Groß Schauen. „Unser 148-Seelen-Ort wird zur Landpartie zu einem offenen Dorf“, sagt Holger Ackermann, Ortsvorsteher von Groß Schauen. Rund um die Fachwerkkirche laden malerische Vierseiten-Höfe und versteckte Gärten zum Verweilen ein. „Wir sind zum 10. Mal dabei, weil es eine gute Gelegenheit ist, das Leben auf dem Land zu veranschaulichen.“ Die Kombination mit der alten Technik der „Schlepperfreunde“ mache das Bild perfekt, ist der Ortsvorsteher überzeugt. „Das ist noch so richtig Dorf, wo noch in Naturalien bezahlt wird und echte Tiere zu finden sind“, bekräftigt Landwirt Peter, der die Äcker rund um Groß Schauen und Philadelphia bewirtschaftet. Tausende Besucher in den vergangenen Jahren geben beiden recht.

Trotz ihres Engagements für die alten Maschinen sind sich die „Schlepperfreunde“ darüber im Klaren, dass die Traditionen bald aussterben werden. „Wir haben ja jetzt im eigenen Verein bereits ein Nachwuchsproblem - ohne Handy wollen Jugendliche doch heutzutage nichts mehr tun“, sagt Wittke, auf dessen Hof Besucher zur Landpartie auch selbst mal einen Trecker-Oldtimer, Baujahr 1956, fahren können. In Aktion zu erleben ist auch ein Schmiedehammer, der von einem Verdampfermotor angetrieben wird. Beliebt bei Kindern sei „der fliegende Teppich“. „Da kommt eine große Gummimatte hinten an den Trecker, auf der man mitfahren kann - ein Mordsgaudi“, erläutert der Gastgeber, der schon die nächsten Trecker-Höhepunkte für sich im Visier hat.

Nachdem er mit einem seiner zehn Oldtimer bereits durch die Alpen tuckerte, will er in diesem Jahr die österreichischen Gletscher unsicher machen. „Treckerfahren macht Spaß und entschleunigt. Zudem reagieren Passanten auf mich und mein Gefährt meist sehr freundlich“, sagt er. Traktoren würden eine viel breitere Akzeptanz erfahren als andere Fahrzeuge. „Auf unseren Straßen herrscht doch Krieg - es sei denn ich tuckere mit nicht einmal 40 Stundenkilometern daher“, meint der Kfz-Meister. Und hat er mal keine Lust auf den Trecker, steigt Wittke in seinen 29 Jahre alten Trabant.