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| 17:47 Uhr

Interview mit Bischof Markus Dröge
„Kirche sollte niemanden pauschal ausschließen“

 Bischof Markus Dröge wird im November dieses Jahres seine zehnjährige Amtszeit als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz beenden. Bis dahin hat er noch einiges vor.
Bischof Markus Dröge wird im November dieses Jahres seine zehnjährige Amtszeit als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz beenden. Bis dahin hat er noch einiges vor. FOTO: epd / Juergen Blume
Potsdam. Bischof leitet Anfang April Gottesdienst in Londoner St. Pauls Cathedral. Keine sachliche Diskussion mit Kalbitz und Berndt möglich. Von Benjamin Lassiwe

Im November endet die zehnjährige Amtszeit von Markus Dröge als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Derzeit stellen sich in Berlin die Kandidaten für seine Nachfolge vor. Die RUNDSCHAU hat mit dem Theologen über sein letztes Jahr im Bischofsamt gesprochen.

Bischof Dröge, im April wird Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger gewählt. Die Kandidaten stellen sich gerade vor. Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken daran?

Dröge Es ist in der Tat für mich die Zeit angebrochen, in der meine zehn Jahre als Bischof zu Ende gehen. Ich kann auf Dinge blicken, die sich abrunden, und bei denen ich weiß, dass nicht ständig mehr etwas Neues kommt. Das ist ein sehr gutes Gefühl. Derzeit bin ich noch mit einer Evaluation des Reformprozesses in der EKBO beschäftigt: Das will ich noch zu Ende bringen, damit dann auch der Reformprozess, der mich ja meine ganze Amtszeit über begleitet hat, zu Ende gehen kann. Man kann Prozesse schließlich nicht endlos fortsetzen. Wir überlegen zur Zeit, wie die Erfahrungen der letzten Jahre dazu führen können, dass wir eine lernende Organisation bleiben. Und auf der Landessynode im Herbst wird es dann einen Abschlussbericht geben, mit Empfehlungen für die Zukunft der Kirche. Wir wollen darin gezielt fragen, was in der Kirche Innovation fördert – und was auch Innovation verhindert.

Was haben Sie bis zum Herbst ansonsten noch vor?

Dröge Wir haben ja politisch ein spannendes Jahr vor uns. Ich möchte mich gerne weiter für Europa einsetzen. Unsere Kirche macht deswegen Bürgerdialoge zur Wahl zum EU-Parlament – zum Beispiel im März in Wittstock. Da wollen wir mit unseren Gemeindegliedern über Europa und die EU diskutieren. Dann habe ich die neue Bischöfin von London eingeladen, Ende März, terminlich dicht am Brexit, im Berliner Dom zu predigen. Und ich werde Anfang April dann in der Londoner St. Pauls Cathedral den Gottesdienst leiten. Denn Großbritannien gehört trotz des Brexits auch weiter zu Europa. Weiterhin werde ich noch Besuche machen bei unseren Partnern in Rumänien und Tschechien.

Warum liegt der Kirche Europa so am Herzen?

Dröge Uns liegt Europa am Herzen, weil das vereinte Europa als Reaktion auf die schrecklichen Kriege des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Die EU war immer ein Friedens- und Versöhnungsprojekt. Und vielfach sind es die christlichen Kirchen, die dieses Projekt quer über die Grenzen hinweg vorantreiben. Es gibt Gemeindepartnerschaften, Jugendaustausche und gemeinsame Projekte unter dem Dach der Kirchen. Weil wir ein vereintes, friedliches und geeintes Europa wollen, setzen wir uns so stark dafür ein.

Ist Europa für Sie eine Wertegemeinschaft?

Dröge Ja. Es war immer ein Hoffnungskontinent, mit geprägt auch durch die christliche Botschaft. Nicht nur, aber auch durch die christliche Botschaft der Nächstenliebe, die Botschaft der Hoffnung. Europa war ein Kontinent, der sich stets auf Neues eingelassen und der Kulturen zusammengeführt hat. Diese Geschichte müssen wir weiter stärken, und nicht die Geschichten, die den Rechtspopulismus an verschiedenen Stellen stark macht und die nichts mit der Identität dieses Europas, wie ich es beschrieben habe, zu tun haben.

Wo unterscheidet sich denn das christliche Abendland, das von manchen Menschen auf den Straßen von Cottbus propagiert wird, von dem, was Sie gerade schildern?

Dröge Das christliche Abendland der Rechtspopulisten hat es so nie gegeben. Das Abendland war immer eine Region, in der dankbar unterschiedliche Traditionen miteinander verbunden wurden. Und christlich sind die Vorstellungen der Rechtspopulisten schon gar nicht: Sie haben nichts mit einem christlichen Menschenbild zu tun, sie haben auch herzlich wenig mit der Versöhnungs- und Friedensbotschaft Jesu zu tun.

Beim jüngsten Landesparteitag der Brandenburger AfD bewarb sich unter anderem ein freikirchlicher Pastor um einen Platz auf der Landesliste. Was sagen Sie so jemandem?

Dröge Ich würde ihn fragen, wie er sein Engagement christlich begründet. Und ich habe noch von keinem einzigen Christen, der sich in der AfD engagiert, eine glaubwürdige, aus dem christlichen Glauben hergeleitete Begründung für dieses Engagement gehört. Was ich höre, sind die Ablehnung der Homosexualität und die Ablehnung anderer Religionen, was beides mit einem diffusen Christentumsverständnis begründet wird.

Trotzdem ist damit zu rechnen, dass die AfD bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen weiter zulegt ...

Dröge In Brandenburg haben wir ja das Phänomen, dass sich die AfD immer weiter radikalisiert. Gemäßigte Politikerinnen und Politiker sind vielfach gar nicht auf die Wahllisten gekommen. Umso weniger kann ich nachvollziehen, dass Christen meinen, diese AfD unterstützen zu müssen. So lange es keine klare Abgrenzung gegenüber dem Rechtsextremismus gibt, sehe ich da keinerlei Möglichkeit auch für uns als Kirchen, in offizielle Kontakte zur AfD zu treten. Und weil wir diese Radikalisierung beobachten, denke ich, dass die Distanz der Kirchen zur AfD eher noch größer wird. Ich hoffe, dass sich die Wählerinnen und Wähler nun auch entsprechend informieren, und nicht mehr glauben, sie könnten mit der AfD eine Partei unterstützen, die tatsächlich konstruktiv an unserer Demokratie arbeitet. Unverantwortlich ist es, wenn Wähler wie bei der Bundestagswahl schlicht aus Protest eine Partei wählen, obwohl sie von deren Kompetenz zur Lösung von Problemen nicht überzeugt sind.

Vor den Landtagswahlen finden ja in vielen Kirchengemeinden Gesprächsrunden statt, zu denen die örtlichen Wahlkreiskandidaten eingeladen werden. Sollten dazu auch Kandidaten der AfD eingeladen werden?

Dröge Ich halte es für falsch, die AfD von vornherein auszuschließen. Ich halte es ja auch für falsch, die AfD vom Kirchentag auszuschließen – denn die Kirche sollte grundsätzlich niemanden pauschal ausschließen. Es kommt immer auf die Person an. Daher sollten die Kirchengemeinden keinen Politiker der AfD einladen, der öffentlich durch menschenverachtende Thesen aufgefallen ist oder eine Veranstaltung in einem Gemeindehaus nur zur Provokation nutzt.

Würden Sie den Spitzenkandidaten Andreas Kalbitz oder den auf Listenplatz zwei antretenden Zukunft-Heimat-Chef Christoph Berndt einladen?

Dröge Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass es mit solchen Leuten noch eine sachliche Diskussion geben kann.

Das Thema Rechtsextremismus bewegt auch die Evangelische Kirche im Inneren. Ein bekannter Fall ist Lindenau, wo Pfarrerin Scholte-Reh nun für ein Jahr ihre Pfarrstelle verlassen musste. Hätte die Kirche da nicht stärker an der Seite ihrer Pastorin stehen müssen?

Dröge Da vermischen Sie jetzt leider zwei Dinge. Dass die Pastorin nicht mehr in der Gemeinde tätig ist, hat tatsächlich mit einem inneren Konflikt in der Gemeinde zu tun. Das hängt nicht mit ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus zusammen. Ich habe der Pfarrerin sehr deutlich gemacht, dass dieses Engagement Unterstützung und Anerkennung verdient, und dass das überhaupt nichts mit der Neuregelung in der Gemeinde Lindenau zu tun hat.

Auch in der eigenen Kirche gibt es Menschen, die mit Rechtsextremen sympathisieren.

Dröge Da gilt dasselbe, was auch bei unseren Gemeindekirchenratswahlen im Herbst gelten wird: Es dürfen in keiner Weise rechtsextreme Thesen von den Kanzeln vertreten werden. Wenn solche Fälle bekannt werden, muss interveniert werden.

Hat das Konsistorium schon einmal interveniert?

Dröge Nein, bislang musste nicht interveniert werden. Aber wenn solche Fälle eintreten, werden wir intervenieren – vorausgesetzt, es sind nicht nur Verdächtigungen und es gibt konkrete Belege. Wir haben – das möchte ich hinzufügen – mit dem Referenten an der Evangelischen Akademie und früheren Superintendenten Heinz-Joachim Lohmann eine Person benannt, die Gemeinden beraten soll, falls Menschen aus rechtsradikalen Kontexten versuchen sollten, sich auf die Wahllisten für die Gemeindekirchenratswahlen setzen zu lassen.

Der Wahlkampf in Brandenburg besteht aber nicht nur aus dem Rechtspopulismus. Was sind die Themen, auf die es in diesem Jahr aus Sicht der Kirche ankommt?

Dröge Für Brandenburg ist es sehr wichtig, dass die weite Fläche des Landes nicht vernachlässigt werden darf. Wir haben im Grundgesetz zu stehen, dass es überall in Deutschland gleichwertige Lebensverhältnisse geben soll. Wir sehen es am Beispiel der Lausitz: Wenn die Braunkohle dort nur noch befristet für Arbeitsplätze sorgen kann und damit ein tiefgreifender Strukturwandel ansteht, ist es Verpflichtung des Staates, dafür zu sorgen, dass die Lebensverhältnisse möglichst gleichwertig bleiben. Dann muss es um soziale Gerechtigkeit gehen: Die Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können. Und mir persönlich ist es auch wichtig, im Wahlkampf zu fragen: Wie stehen die Parteien zu unserer freiheitlichen Demokratie, die ja eine Erfolgsgeschichte ohne Gleichen ist.