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| 07:59 Uhr

Misstöne am Staatstheater
Geburtsfehler im Stiftungsrat?

Das Staatstheater Cottbus in Schieflage? Die letzten Wochen waren voller dramatischer Ereignisse.
Das Staatstheater Cottbus in Schieflage? Die letzten Wochen waren voller dramatischer Ereignisse. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. In einer außerordentlichen Sitzung unterstützt der Kulturstiftungsrat die Vertragsauflösung von Evan Christ. Ein Abgeordneter fordert die Einbeziehung der Belegschaft in den Stiftungsrat. Von Ida Kretzschmar und Peggy Kompalla

Nach den dramatischen Wochen am Staatstheater Cottbus versuchte der Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus – Frankfurt (Oder) am Montag nun Ballett zu machen. In einer außerordentlichen Sitzung im ehemaligen Probenzentrum des Balletts des Staatstheaters gaben sich Spartenvertreter, Vorstand, der zurückgetretene Intendant  und der beurlaubte Generalmusikdirektor Evan Christ samt Anwalt die Klinke in die Hand. Insider gehen davon aus, dass die Fortzahlung der gerade erst verlängerten Verträge für Intendant und Generalmusikdirektor bis zum Jahre 2024 weit mehr als 1,2 Millionen Euro ausmachen würde.

Bereits am Donnerstag hatte der Vorstandsvorsitzende der Kulturstiftung, Martin Roeder, im Bildungsaussschuss der Stadt Cottbus informiert, dass Evan Christ unter Fortzahlung der vollen Bezüge beurlaubt worden sei. Sein Vertrag mit dem Staatstheater laufe zwar bis zum Jahr 2024, aber die Stiftung strebt eine Auflösung an. Die Angelegenheit müsse vor einem Bühnenschiedsgericht geklärt werden.

Am Montag hörte nun der Stiftungsrat mehrere Stunden lang alle Seiten an. Orchestermusiker, die inzwischen wie die Sänger fast zwei Dutzend Vorfälle aufgelistet hatten, mit denen sie die Kritik am Führungsstil des Generalmusikdirektors untermauern, kamen ausführlich zu Wort. Wie das Brandenburgische Kulturministerium mitteilte, wurde vereinbart, dass die Vorgänge weiter aufgearbeitet und aufgeklärt werden sollen, wie sich die Konflikte über so eine lange Zeit entwickeln konnten. Es gehe um Klimaverbesserung,
Rückgewinnung von Vertrauen und die Sicherung der hohen künstlerischen Qualität des Theaters.

Zu den ersten begrüßungswerten Maßnahmen gehören unter anderem die Rücknahme der Kündigung gegen den Studienleiter und Repetitor Frank Bernard, eine geplante Moderation sowie die Erstellung eines Verhaltenskodex und die Einrichtung einer Beschwerdestelle.

„Wir sind betroffen über die Schilderungen und Vorwürfe der Musikerinnen und Musiker gegenüber dem Generalmusikdirektor. Das Ausmaß der Vorwürfe ... kam für uns völlig überraschend. Der Stiftungsrat hatte davon keine Kenntnis“, wird noch einmal eine Aussage von Kulturministerin Martina Münch (SPD) beim Treffen mit Ensemblemitgliedern vor zwei Wochen gestützt.

Die Musikerinnen und Musiker hätten ein Recht auf respektvolle Umgangsformen und konstruktive Kritik. Deshalb unterstütze der Stiftungsrat  die Entscheidung des Intendanten Martin Schüler und des Vorstandsvorsitzenden der Kulturstiftung, Martin Roeder, den Generalmusikdirektor  bis zum Ende der Spielzeit zu beurlauben und danach eine Beendigung der Anstellung anzustreben.

„Die persönliche Entscheidung des Intendanten, Verantwortung für das Vorgefallene zu übernehmen und seine Tätigkeit zum Ende der laufenden Spielzeit als Intendant und Operndirektor am Staatstheater beenden zu wollen, nehmen wir mit Respekt und Bedauern zur Kenntnis“, heißt es in der Mitteilung. Martin Schüler sei ein leidenschaftlicher Theater- und Opernmacher, der das Staatstheater 27 Jahre lang geprägt hat und Teil seines Erfolgs ist. Das ursprünglich am Nachmittag vorgesehene Treffen mit der Stiftungsratsspitze und Ensemblemitgliedern indes wurde abgesagt. Am Mittwoch soll es eine außerordentliche Vollversammlung im Staatstheater Cottbus geben,

Unter dem schlichten Titel Personalangelegenheiten stand Martin Roeder in der vergangenen Woche im Cottbuser Bildungsausschuss den Abgeordneten Rede und Antwort: „Das Haus ist durch die sich überschlagenden Ereignisse erschüttert, trotzdem geht die Arbeit unbeeindruckt weiter“, bekräftigte er. Abgeordneter  Steffen Picl (Linke) kennt als Bratschist die Vorgänge aus eigenem Erleben: „Ich bin stolz auf das Theater. Es ist für mich eine künstlerisch erfolgreiche und beglückende Arbeit.“ Einen Grund, warum der Konflikt so lange vor den Verantwortlichen in der Stiftung verborgen blieb, sieht der Musiker in einem „Geburtsfehler des Stiftungsrates“. Steffen Picl betonte: „Im Stiftungsrat fehlen Vertreter der Belegschaft.“